Depression

»Ein böser Geist von Gott«

Oscarpreisträger Russel Crowe als Noach (im Film »Noah«) Foto: imago/Prod.DB

Die drei Trauerwochen vor Tischa beAw sind ein guter Anlass, über den Sinn von Depressionen nachzudenken. Ich bin zwar kein Psychiater, aber ich weiß, wovon ich spreche – ich bin Jude.

Der erste Depressive in der Geschichte war möglicherweise Kain. Er war betrübt, denn Gott liebte seinen Bruder mehr als ihn. Sein Gesicht fiel zusammen, er versank in sich selbst. Reden konnte er nicht mehr, nur mit Wut reagieren – mit fatalen Konsequenzen (1. Buch Mose 4, 5–8).

Noach Denken wir an Noach. Nachdem die Sintflut vorbei war, seine Arche auf dem Berg stand und die Tiere fortgegangen waren – was tat er? Das, was viele andere Überlebende taten, als sie sahen, dass alles, was sie früher hatten, die Freunde und Städte, ihre Kultur und Heimat, dass alles zerstört worden war. Es blieb ein kleines Häuflein im Schlamm. Noach pflanzte eine Rebe, machte Wein daraus und betrank sich allein und einsam in seinem Zelt.

Depression heißt, man sieht keinen Sinn, keinen Weg vorwärts, keinen Zweck.

Er konnte sich mit dieser Welt nicht mehr anfreunden. Es war nicht seine Aufgabe, für noch mehr Nachwuchs und Leben zu sorgen. Er hatte alles getan, was er tun musste, wochenlang durchgehalten in dieser dunklen Kiste – und wofür? Damit die Welt weitergehen konnte, aber ohne ihn. Und würde sie etwa besser sein als vorher? Auch Noach reagierte wütend, mit Flüchen gegen den eigenen Sohn (1. Buch Mose 9, 20–29). Er lebte 350 Jahre nach der Flut weiter, aber von Lebensfreude wird nichts erwähnt.

Saul König Saul ist ebenfalls ein berühmtes Beispiel. Im zweiten Buch Samuel spricht der Tanach von »einem bösen Geist von Gott«. Das ist interessant, weil Gott als die Quelle genannt wird. Depression ist mehr als Enttäuschung, Frustration, Trauer um einen Verlust oder viele andere Gründe, nicht fröhlich zu sein. Depression frisst sich tief in die Seele hinein.

Depression heißt, man sieht keinen Sinn, keinen Weg vorwärts, keinen Zweck, man verliert die Orientierung und die innere Kraft. Und es hilft überhaupt nicht, wenn man einen hohen sozialen Status oder Reichtum besitzt.

Das ist kein Ersatz für Glück und bringt sogar noch mehr Sorgen mit sich, mehr Verantwortung und Stress. Saul hatte keine Ausbildung, keine Erfahrung und – sehr wichtig – nie den Wunsch geäußert, König zu werden. Das Volk wollte aber einen König haben, und der Prophet Samuel hat gegen seinen eigenen Willen Saul fast nach dem Zufallsprinzip ausgewählt: »Wessen Kopf steht über den anderen? Der soll König werden« (II. Samuel 8,4 – 10,1).

Depression frisst sich tief in die Seele hinein.

Intriganten Diese Last liegt schwer auf Saul, er macht Fehler, er weiß, er hat plötzlich Feinde, Intriganten, Konkurrenz, er ist jetzt allein dafür zuständig, dass das Volk alle Kriege gewinnt. Er braucht Ablenkung, Musik, Gespräch. Er hat in David und sogar in seinen eigenen Sohn Jonathan kein Vertrauen mehr, aber er verliert auch das Vertrauen in Gott. Am Ende (II. Samuel 28) will er sogar wieder mit Samuel reden – der schon lange gestorben ist. Der Prophet wird gerufen und macht Saul klar, dass er gute Gründe hat, deprimiert zu sein. Er wird bald sterben.

Der Psalmist schrie »Mima’amakim« – »aus der Tiefe«, aber er konnte trotz allem nach oben schauen. Deswegen empfinden viele die Psalmen als Trost in schweren Zeiten. Und heute? Nach allem, was im vergangenen Jahrhundert passiert ist, und viele Juden unter dem Überlebenden- oder dem »Zweite Generation«-Syndrom litten und leiden? Heute, wo wir sehen, wie Europa sich wieder verändert, wo wir uns mit dem Klimawandel auseinandersetzen müssen?

Happy End? Es gibt gute Gründe, deprimiert zu sein. Wird es ein »Happy End« geben? Oder nur ein Ende? Je mehr Geschichte ich lerne, je angestrengter ich versuche, vorwärts in die Zukunft zu blicken, desto deprimierter werde ich.

Das Judentum ist eine GmbH, ein Glaube mit beschränkter Hoffnung. Ein bisschen Hoffnung braucht man – aber wie schafft man das, wenn man ein Mensch mit Augen und Verstand ist, diese Welt beobachtet und den Menschen zuhört? Natürlich sollten wir uns der Schwermut nicht ergeben. Doch vielleicht ist Depression eine gesunde Reaktion – und besser als eine naive Verneinung der realen Probleme?

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