Mizwot

»Durch dein Blut sollst du leben«

Brit Mila und Pessachopfer waren der Preis für die Befreiung aus Ägypten

von Yizhak Ahren  19.01.2015 17:52 Uhr

Schon seit den Tagen Awrahams das Zeichen der Diener G’ttes: die Brit Mila Foto: Flash 90

Brit Mila und Pessachopfer waren der Preis für die Befreiung aus Ägypten

von Yizhak Ahren  19.01.2015 17:52 Uhr

In der Pessach-Haggada, die wir in der Sedernacht lesen, heißt es: »Sklaven sind wir gewesen dem Pharao in Ägypten. Da führte G’tt uns von dort hinaus mit starker Hand und ausgestrecktem Arm. Und hätte der Heilige, gepriesen sei Er, unsere Väter nicht aus Ägypten hinausgeführt, so wären wir, unsere Kinder und Kindeskinder dienstbar geblieben dem Pharao in Ägypten.«

War die Befreiung unserer Vorfahren aus der ägyptischen Sklaverei ein unverdientes Geschenk? Oder mussten die Israeliten sich zuerst als der Erlösung würdig erweisen? Für ein Verständnis der jüdischen Weltanschauung ist es wichtig zu wissen, dass unsere Vorfahren vor dem Auszug aus Ägypten geprüft wurden. Nach dem Zeugnis der Schrift haben sie den Test bestanden, und erst dann erlebten sie die Befreiung.

Befehl Worin bestand die keineswegs leichte Prüfung? Noch vor der zehnten und letzten Plage gab G’tt Mosche und Aharon folgenden Befehl: »Redet zu der ganzen Gemeinde Israels: Am zehnten dieses Monats nehme sich jeder von ihnen ein Lamm für ein Stammhaus, ein Lamm für ein Haus. (...) Und es bleibe euch in Verwahrung bis zum 14. Tag dieses Monats, und die ganze versammelte Gemeinde Israel schlachte es gegen Abend. Und sie sollen nehmen von dem Blut und tun an die beiden Pfosten und an die Oberschwelle, an den Häusern, in denen sie es essen. Und sie sollen das Fleisch essen in dieser Nacht, gebraten am Feuer, mit ungesäuertem Brot. Und bittere Kräuter sollen sie dazu essen« (2. Buch Mose 12, Verse 3 und 6–8).

Die Zubereitung dieses von G’tt angeordneten Opfers war keine harmlose Handlung, sondern eine revolutionäre Tat, die Verletzung eines ägyptischen Tabus!

Wenige Verse später steht in der Tora: »Mosche rief alle Ältesten Israels und sprach zu ihnen: Zieht heraus und nehmet euch Schafe für eure Familien und schlachtet das Pessach« (Vers 21).

Rabbi Jose Haggelili erklärt in der Mechilta, einem Midrasch, der im 3. Jahrhundert im Land Israel redigiert wurde, die beiden Verben dieses Verses wie folgt: »Zieht heraus – entfernt euch vom Götzendienst. Nehmt euch – beschäftigt euch mit einer Mizwa, einem Gebot G’ttes.«

Die Beschäftigung mit dem Pessachlamm markiert einen Wendepunkt in der Haltung der Israeliten in Ägypten. Bis dahin waren sie Sklaven Pharaos; durch ihre revolutionäre Aktion wurden sie zu Dienern des Ewigen.

Auszug Wie Raschi (1040–1105) in seinem klassischen Kommentar zum oben zitierten Vers 6 bemerkt, bekamen die Israeliten vor dem Auszug zwei Mizwot, nicht nur das bereits erörterte Pessachgebot. Welches ist das zweite Gebot? Die Beschneidung (hebräisch Mila).

Rabbi Jehuda Löw, der Maharal von Prag (zwischen 1512 und 1525–1609), erläutert, dass die Brit Mila schon seit den Tagen unseres Stammvaters Awraham das Zeichen der Diener G’ttes ist: Im Tischgebet danken wir Juden dem Ewigen »für den Bund, den Du an unserem Fleisch besiegelt hast«. Die vollzogene Beschneidung zeigte an, dass die Israeliten nicht länger Pharaos Sklaven waren. Jedoch rechtfertigte das Bundeszeichen allein noch nicht die Erlösung. Die Diener des Ewigen mussten durch eine bestimmte, ihnen vorgeschriebene Handlung beweisen, dass sie tatsächlich bereit waren, G’tt zu dienen. Das darzubringende Pessachopfer wird in der Tora mehrfach als »Dienst« bezeichnet.

Die Schrift bezeugt: »Die Kinder Israels gingen und taten. Wie der Ewige Mosche und Aharon geboten hatte, so taten sie« (2. Buch Mose 12,28). Nach Ansicht von Rabbiner Joseph B. Soloveitchik (1903–1993) stellt diese Handlungsweise der Israeliten ein größeres Wunder dar als die bemerkenswerten Zeichen, die in der Tora sowie in der Pessach-Haggada aufgelistet werden. Aus einem Volk von Sklaven, das nur die Sprache der Gewalt kennt, wird eine Nation, die auf das Wort des Ewigen hört. Eine erstaunliche Verwandlung!

Sedernacht Im Verlauf der Sedernacht werden etliche Bibelverse angeführt und ausgelegt. Über eine Passage, die nach rabbinischer Interpretation vom Blut der Beschneidung und vom Blut des Pessachopfers handelt, wird bedauerlicherweise manchmal rasch hinweggelesen. In manchen Haggada-Ausgaben fehlt sogar ein Teil des Textes.

Es handelt sich um Worte des Propheten Jecheskel: »Zehntausendfach wie den Spross des Feldes hatte ich dich gemacht, du wurdest zahlreich und groß (...), doch warst du nackt und bloß. Und ich zog an dir vorüber, und ich sah dich beschmutzt mit deinem Blute, und ich sprach zu dir: Durch dein Blut sollst du leben; und ich sprach zu dir; durch dein Blut sollst du leben« (16, 7–6, und zwar in dieser Reihenfolge!).

Nach der Mechilta bezieht sich Jecheskels Angabe »nackt und bloß« auf die Tatsache, dass die Israeliten, als die Befreiung eintreten sollte, noch keine Verdienste aufweisen konnten, die durch Ausübung von Mizwot zu erwerben sind. Daraufhin erhielten sie von G’tt die zwei Gebote Pessachopfer und Mila – »durch dein Blut sollst du leben; durch dein Blut sollst du leben« –, deren Erfüllung sie der zugesagten Erlösung würdig machte.

Es ist bemerkenswert, dass mehrere Mizwot der Tora den Kreis derjenigen Menschen einschränken, die vom Pessachopfer essen dürfen: »G’tt sprach zu Mosche und Aharon: Dies ist die Bedingung des Pessachs. Kein Sohn des Fremden darf davon essen« (2. Buch Mose 12,43). Gemeint sind, wie Raschi erklärt, sowohl Nichtjuden als auch solche Juden, die aus irgendwelchen Gründen vom Judentum abgefallen sind. Es ist nicht schwer zu begreifen, warum es Menschen, die dem Heidentum angehören, verboten wurde, vom Pessachopfer zu genießen. Diese Leute leugnen gerade dasjenige, was durch das Dankopfer zum Ausdruck kommen soll: die Anerkennung der Errettung durch den Ewigen in der Pessachnacht. Nur treue Bundesmitglieder sind berechtigt, Fleisch vom Pessachlamm zu essen.

Nicht so leicht zu verstehen ist hingegen ein zweites Gebot: »Kein Unbeschnittener darf davon essen« (2. Buch Mose 12,48). Nach Raschis Erklärung ist an dieser Stelle von einem Mann die Rede, dessen zwei Brüder infolge der Mila gestorben sind und dem deshalb die Mila verboten ist. Der Autor von Sefer HaChinuch teilt Raschis Ansicht. Warum wird dieser Mann, den keinerlei Schuld trifft, vom Genuss des Pessachopfers ausgeschlossen? Vielleicht will die Tora an dieser Stelle noch einmal die Wichtigkeit der Beschneidung unterstreichen, indem sie nicht einmal eine sinnvolle Ausnahme von der Regel gelten lässt.

Der Autor ist Psychologe und hat an der Universität Köln gelehrt. Zuletzt erschien von ihm das Buch »Verknüpfungspunkte« (2010).

Inhalt
Der Wochenabschnitt Bo schildert die letzten Plagen, mit denen G’tt die Ägypter heimsucht: Das sind zunächst Heuschrecken und Dunkelheit, dann kündigen Mosche und Aharon die Tötung aller ägyptischen Erstgeborenen an. Doch das Herz des Pharaos bleibt weiter hart. Die Tora schildert die Vorbereitungen für das Pessachfest und beschreibt dann die letzte Plage: Alle Erstgeborenen Ägyptens sterben, doch die Kinder Israels bleiben verschont. Nun endlich lässt der Pharao die Israeliten ziehen. Zum Abschluss schildert der Wochenabschnitt erneut die Vorschriften für Pessach und die Pflicht zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten.
2. Buch Mose 10,1 – 13,16

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