Hautfarbe

Dunkle Schönheit

Es geht auch anders: Eine aus Äthiopien und eine aus Russland eingewanderte Israelin unterhalten sich freundschaftlich. Foto: Flash 90

Wir wissen aus der Tora einiges über Mosche, und zahlreiche Geschichten sind uns aus den Midraschim bekannt. Dieser Mann, der für das Judentum eine zentrale Figur ist, war auch für weniger observante Juden eine Herausforderung. Denken wir etwa an Sigmund Freuds Werk Der Mann Moses und die monotheistische Religion.

Viele Dinge sind allgemein bekannt und fast schon sprichwörtlich geworden. Etwa, dass Mosche einen Sprachfehler hatte, oder dass Mosche »nach draußen« geheiratet hat: Zippora, die Tochter des Priesters von Midian. Im letzten Drittel unseres Wochenabschnitts begegnen wir allerdings einigen interessanten Details, die weniger zum Allgemeinwissen über Mosche gehören.

Traum Aber zunächst erfahren wir, eher indirekt, etwas über Mirjam und Aharon. Und über diesen Umweg, eher nebenbei, auch etwas Wesentliches über Mosche. Gehen wir aber zunächst zu den Details, die wir in Kapitel 12 über Aharon und Mirjam erfahren. Dort wird berichtet, dass Aharon und Mirjam als Propheten galten. Allerdings unterscheiden sie sich wesentlich von Mosche. Denn während G’tt zu ihnen lediglich im Traum sprach (12,6), redete er mit Mosche »peh el peh«, von Mund zu Mund. Das wird hervorgehoben, weil das Gespräch von Mirjam und Aharon anscheinend Mosches besondere Autorität infrage stellt: »Hat der Ewige nur mit Mosche allein geredet? Hat er nicht auch mit uns geredet? Und der Ewige hörte es« (12,2).

Dies ist aber nur der zweite Teil einer kurzen Unterhaltung, die wir durchaus als Polemik deuten können, denn in Vers 1 geht es um Mosches Frau. Wir erfahren, dass Mirjam mit Mosches Wahl nicht einverstanden war, jedenfalls kann man es so deuten: »Es redete Mirjam mit Aharon über Mosche wegen der kuschitischen Frau, die er genommen hatte; denn er hatte eine kuschitische Frau genommen.«

Zippora Wir schauen zurück und erinnern uns, wen Mosche zur Frau nahm: Zippora, die Tochter Jitros. Doch sie waren Midianiter und stammten nicht aus dem Lande Kusch. In der Tora wird Kusch als der erste Sohn von Cham bezeichnet und das entsprechende Land traditionell in Afrika verortet. Das würde bedeuten, wir sprechen über eine Frau mit schwarzer Hautfarbe. Bei Jirmejahu wird das ebenfalls gestützt, denn dort heißt es: »Kann ein Kuschite seine Hautfarbe ändern, oder ein Leopard seine Flecken?« (Jirmejahu 13,23). Die Septuaginta, die erste jüdische Übersetzung der Tora ins Griechische, von der es heißt, 72 jüdische Gelehrte hätten sie in Alexandria in 72 Tagen angefertigt, überträgt »Kusch« durchgehend mit »Äthiopien«. »Kuschim« ist im modernen Hebräisch zudem der Sammelbegriff für Afrikaner. Einzig bei Chabakuk (3,7) könnte damit jedoch auch ein midianitischer Stamm gemeint sein. Die Faktenlage ist also: Mosche hatte eine Frau von schwarzer Hautfarbe.

Diese kurze Erwähnung in der Tora sorgte für eine Vielzahl von Erklärungsversuchen, weil diese Tatsache zuvor nicht genannt wird. Eine recht beliebte Variante ist, dass Zippora hier als kuschitische Frau bezeichnet wird, obwohl sie keine ist. Rabbi Eleasar ben Jehuda ben Kalonymos aus Worms (1176–1238) erklärt in einem Kommentar, Zipporas Vater sei zwar Jitro aus Midian gewesen, doch ihre Mutter war eine Frau aus dem Land Kusch. Aber: Wird im Judentum die »Stammeszugehörigkeit« nicht über den Vater weitergegeben?

Teint Raschi (1040–1105) schreibt in seinem Torakommentar, dass niemand anderes als Zippora gemeint sein könnte. »Kuschitisch« bedeute lediglich, dass sie be- sonders schön gewesen sei. »Kuschit« habe den gleichen numerischen Wert wie die Wendung »Jefat Mareh – schöne Erscheinung«, nämlich 736. Der aramäische Targum Onkelos übersetzt wenig umständlich gleich mit »schön«.

Der große Kommentator Awraham Ibn Esra (1089–1164) meint ebenfalls, es handele sich um Zippora. »In meinen Augen ist es richtig, dass die kuschitische Frau Zippora ist, also eine Midianiterin. Und die Midianiter sind Ischmaeliten und wohnen in Zelten … und wegen der Hitze der Sonne sind sie nicht weiß, und Zippora war schwarz und glich einer kuschitischen Frau.«

Blick Heute wissen wir natürlich, dass die Hautfarbe nichts damit zu tun hat, wie lange man sich dem Sonnenlicht aussetzt. Ibn Esra geht nicht von Vererbung, sondern von äußeren Umständen aus. Manche Kommentatoren schreiben, dass »kuschitisch«, also schwarz, als Bezeichnung für die schöne Zippora verwendet wurde, um den bösen Blick, Ajin haRa, von ihr fernzuhalten. Mit anderen Worten: Schwarz bedeute zugleich, jemand sei hässlich. Ibn Esra scheint dieser Auffassung zu folgen.

Der Ba’al haTurim, Jaakov ben Ascher (1269–1343) erläutert ebenfalls in diese Richtung. Eines ist den Erklärungen gemeinsam: Sie sind aufwendig konstruiert, um irgendwie damit umgehen zu können, dass Mirjam über Mosches schwarze Frau spricht: »Haben wir nicht auch G’ttes Wort gehört, aber er heiratet eine Frau aus Kusch?«

Andere Kommentatoren sehen durchaus die Möglichkeit, dass es sich um eine weitere Frau handeln könnte, von der wir bisher noch nichts erfahren haben. Der Raschbam, Rabbi Schlomo ben Meir (1085– 1174), betont, dass Zippora Midianiterin war und es sich bei der kuschitischen Frau um eine andere handelt. Die Tosafisten Rabbejnu Jitzchak ben Jehuda HaLevi und Rabbejnu Ja’akow aus Wien ziehen in Erwägung, dass Mosche nach Zipporas Tod ein weiteres Mal geheiratet habe. Sie argumentieren, dass die Tora nach dem 2. Buch Moses 18,2 Zippora nicht mehr erwähnt.

Aussatz Kehren wir zurück zu Mirjam, die dafür bestraft wird, dass sie schlecht über Mosche redete. Es ist eine besonders anschauliche Strafe, die offenbar in Zusammenhang steht mit dem, worüber Mirjam mit Aharon sprach. Mirjam wird aus- sätzig. Die Tora beschreibt ihren Aussatz folgendermaßen: »Die Wolke wich vom Zelt, und Mirjam war vom Aussatz weiß wie Schnee« (12,10). Es ist, als solle Mirjam gezeigt werden, dass es schlecht sein kann, keine schwarze Haut zu haben.

Der Autor ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen und Begründer des egalitären Minjans Etz Ami im Ruhrgebiet.

Selbstfürsorge

Von der Mizwa, ein Bad zu nehmen

Schon Hillel wusste, dass man sich zuerst um sich kümmern soll. Auch im Fußball ist das heute angekommen

von Rabbiner David Kraus  14.06.2024

Talmudisches

Würmer

Was unsere Weisen über die wirbellosen Tiere lehrten

von Chajm Guski  14.06.2024

Fußball

Koscher jubeln

Der Talmud verbietet den Besuch eines Stadions. Aber gilt dies auch heute für die EM-Arenen?

von Rabbiner Dovid Gernetz  14.06.2024

Nasso

Im Dienst der anderen

Die Tora beschreibt ausführlich, wie eine gute Führungspersönlichkeit handeln sollte

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  14.06.2024

Schawuot

Von der Freiheit, wir selbst zu sein

Das jüdische Volk rettete sich aus Ägypten. Doch seine Unabhängigkeit erlangte es erst am Sinai

von Rabbiner Akiva Adlerstein  11.06.2024

Schawuot

»Unterschätzter Feiertag«

Sarah Serebrinski über das Wochenfest, die Tora und wie sie heute weitergegeben wird

von Mascha Malburg  11.06.2024

Talmudisches

Die vergessene Bracha

Wie König Janai und seine Frau ein Festmahl ohne Segensspruch beendeten

von Rabbiner Avraham Radbil  07.06.2024

Bamidbar

Ihre Zahl wird sein wie Sand

Warum die Kinder Israels in der Wüste erfasst werden – und das gleich zweimal

von Shlomo Rottman  06.06.2024

München/Berlin

Rabbinerkonferenz zeichnet Beauftragten gegen Judenhass aus

Felix Klein bekommt den Moshe-Rosen-Preis

 06.06.2024