Journalismus

»Dranbleiben und nachfragen«

Vorsitzender der Europäischen Rabbinerkonferenz: Rabbiner Pinchas Goldschmidt Foto: Rolf Walter

Herr Rabbiner Goldschmidt, wie wichtig sind aus Ihrer Sicht jüdische Medien?
Ich glaube, die jüdischen Medien sind äußerst wichtig für die jüdische Gemeinschaft. Es gibt Themen, die innerhalb der Gemeinden diskutiert werden. Da ist es sehr gut, wenn das in einem jüdischen Medium passiert – besser als in einem nichtjüdischen.

An welche Themen denken Sie dabei?
Es gibt immer Probleme in den Gemeinden – Streit, Skandale, Konflikte, Meinungsverschiedenheiten. Um diese interne Wäsche nicht außerhalb der Gemeinschaft zu waschen, sind jüdische Medien äußerst nötig. Aber auch, wenn in der Welt Dinge geschehen, die wichtig sind für die jüdischen Gemeinden, die die jüdischen Gemeinden direkt betreffen oder Auswirkungen auf sie haben, ist es oft der Fall, dass allgemeine, nichtjüdische Medien diesen Nachrichten nicht genug Gewicht geben. Themen zum Beispiel, die für andere Medien eher uninteressant sind, können innerhalb der jüdischen Gemeinden sehr wohl von Interesse sein. Jüdische Medien können diese Themen oft viel ausführlicher behandeln.

Welche gesellschaftlichen Themen in Europa sind derzeit Ihrer Meinung nach besonders relevant?
Terrorismus ist ein Thema, Flüchtlinge ein anderes, zumal ein paradoxes mit vielen Facetten – einerseits haben wir immer die klassische jüdische Position: für Flüchtlinge, für Einwanderer. 36-mal erwähnt die Tora, dem Anderen, dem Fremden zu helfen. Auf der anderen Seite haben wir das Problem, dass viele der Flüchtlinge aus arabischen Ländern kommen und dort mit Israelhass und Antisemitismus erzogen wurden. Ein weiteres Problem ist, dass ein großer Teil der Flüchtlinge sich möglicherweise überhaupt nicht integrieren will. Und dann haben wir das Problem der Sicherheit der Gemeinden wie auch der europäischen Staaten.

Sollten jüdische Medien zusätzliche ethische Maßstäbe anlegen, ergänzend zu den ohnehin geltenden journalistischen Richtlinien? Nehmen wir etwa »Laschon Hara«, die »üble Nachrede« …
Im Großen und Ganzen gibt es die Halacha, die Gesetze, die sich mit Laschon Hara befassen, wörtlich: der »bösen Zunge«. Diese Gesetze waren weder sehr populär noch sonderlich bekannt. So gibt es in der Mischna, im Talmud und im Schulchan Aruch kein spezielles Kapitel dazu. Der Erste, der sich systematisch mit den Fragen zu Gerüchten und übler Nachrede beschäftigte, war Chafez Chajim, Rabbi Israel Meir Kagan. Er hat alle Textstellen aus der Tora und aus dem Talmud zusammengefasst. Sein Buch über Laschon Hara und Ethik, »Chafetz Chaim«, wurde ein Klassiker und ist in der ganzen jüdischen Welt als Autorität auf diesem Gebiet anerkannt.

Wie sollte man mit Laschon Hara umgehen?
Einem Gerücht muss man mit sehr viel Vorsicht begegnen: Man darf es zum Beispiel ohne einen Beweis oder jeglichen Nutzen für die Gemeinschaft nicht wiedergeben. Falls man einen Beweis hat und das Gerücht weitergibt, muss man der Person zuvor jedoch immer die Möglichkeit geben, ihre Sicht der Dinge zu erklären – es muss immer zweiseitig sein, nicht einseitig. Es gilt der Spruch der Weisen: »Gib jedem Menschen den ›benefit of the doubt‹ – die günstige Auslegung zweifelhafter Umstände«. Als Journalist sollte man also immer überprüfen, ob das Gerücht auch wirklich der Wahrheit entspricht.

Worauf bezieht sich Laschon Hara konkret?

Laschon Hara wird normalerweise auf Informationen bezogen, die zwar richtig sind, aber total unnötig und niemandem etwas bringen. Man lügt nicht, Laschon Hara ist die Wahrheit, aber nicht zum Nutzen, sondern nur, um die Zeitung zu füllen, und trägt nicht zur Klärung des Sachverhalts bei. Obwohl es die Wahrheit ist, hat es keinen Nutzen für die Gemeinschaft. Informationen, die nicht der Wahrheit entsprechen, sind unter dem Gesetz »Motzi Schem Ra«, Verleumdung, verboten und strafbar.

Heißt das im Umkehrschluss: Informationen, die der Gemeinschaft nützen, darf man weitergeben?
Darauf möchte ich Ihnen mit einer Geschichte antworten. Als im 19. Jahrhundert der bekannte Erziehungsexperte Max Menachem Lilienthal nach Russland kam – er sollte im Auftrag des russischen Zaren das jüdische Erziehungswesen im Schtetl modernisieren –, führte ihn sein Weg auch ins weißrussische Woloschin. Dort stand seinerzeit die erste moderne Jeschiwa. Die Schüler und Gelehrten fragten, ob man die Person oder das Projekt Lilienthals diskutieren und kritisieren dürfe. Verschiedene Rabbiner sagten, das sei Laschon Hara, das dürfe man nicht. Das Jeschiwa-Oberhaupt jedoch, Rabbiner Naftali Tzvi Hirsch Berlin, auch als Netziv bekannt, erwiderte, beides hätte mit der Zukunft des Judentums zu tun. Folglich seien es äußerst wichtige Fragen, die sogar gestellt werden müssen.

Wie sollten demnach jüdische Medien über bestimmte Ereignisse berichten? Was darf man ansprechen und was nicht? Nehmen wir etwa die Verurteilung des früheren israelischen Präsidenten Mosche Katsav wegen Vergewaltigung, den Korruptionsskandal um Jerusalems früherem Bürgermeister Ehud Olmert oder die Machtmissbrauchsvorwürfe gegen das Ehepaar Netanjahu … Stellen uns Beispiele wie diese vor ein Dilemma?
Wo Laschon Hara »le’toelet« ist – notwendig –, müssen die persönliche Ethik der Person wie auch das Programm diskutiert werden. Das ist eine rabbinische Schlüsselposition, wenn es um die Frage geht, was man ansprechen darf und was nicht: Wenn es also darum geht, die Zukunft zu analysieren und zu wählen, muss man auf jeden Fall berichten und diskutieren. Das hat die Geschichte der Woloschiner Jeschiwa deutlich gezeigt. Deshalb glaube ich, dass über Personen des öffentlichen Lebens wie Netanjahu, Katsav oder Olmert sogar berichtet werden muss: Sofern die Zukunft des jüdischen Staates – und nicht nur des jüdischen Staates, sondern der jüdischen Welt – von diesen Leuten abhängt, ist es nicht nur erlaubt, sondern sogar notwendig, sowohl ihre politischen Entscheidungen als auch ihre persönlichen Qualifikationen zu analysieren.

Laschon Hara betrifft auch Kommentare im Internet – wie sollte man als jüdisches Medium mit Hasskommentaren umgehen?
Jüdische Zeitungen können auch hier die jüdischen Quellen nutzen, um zu zeigen, was gestattet ist und was nicht.

Welche Quellen könnten das sein?
Das Buch von Rabbiner Kagan kann da wirklich eine große Hilfe sein. Das ist eine wunderbare Quelle. Der Grundtenor ist: Diskussionen einer Position oder einer Meinung sind erlaubt, persönliche Angriffe oder gar Attacken hingegen nicht. Inhaltliche Auseinandersetzung ja, Beleidigungen nein. Was diesem Reglement nicht entspricht, wird aus dem Netz genommen.

Apropos Quellen – worauf müssen jüdische Medien beim richtigen Zitieren achten?
Wenn man jemanden zitiert, soll man ihm die Zitate zurückschicken. Nur so kann man sicherstellen, dass der Interviewpartner das wirklich gesagt hat.

So viel zum Umgang jüdischer Medien mit Informationen. Eine andere Frage ist: Welchen Beitrag können jüdische Zeitungen zum jüdischen Leben leisten?
Medien können viel zur Erziehung beitragen. Schauen wir uns die jüdischen Gemeinden in Deutschland heute an – viele Mitglieder, die aus der Ex-Sowjetunion zugewandert sind, wissen kaum etwas von jüdischem Leben. Sie sind weder zu Hause mit jüdischen Inhalten aufgewachsen noch haben sie jüdische Schulen besucht. Da kann eine jüdische Zeitung viel bewirken – damit geht eine große Verantwortung einher. Selbst wenn ältere Zuwanderer die Zeitung so gut wie gar nicht rezipieren, weil sie vornehmlich auf Russisch lesen, so sind es doch die zweite und dritte Generation, die ihr Wissen zum Judentum in vielen Fällen möglicherweise ausschließlich aus der Jüdischen Allgemeinen beziehen. Oftmals ist die Zeitung wahrscheinlich sogar die einzige Quelle – und eröffnet damit den Zugang zu den eigenen Wurzeln.

In der Presse geht es vielfach um Auflagen – oder online um Klicks. Schlagzeilen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Worauf sollte man bei deren Formulierung achten?
Das größte Problem heute ist – im Übrigen nicht nur für jüdische Medien –, dass die »alten«, gedruckten, traditionellen Medien von sozialen Medien und Internetangeboten überholt werden. Wenn wir von jüdischen Medien sprechen, sind das normalerweise Zeitungen, die einmal pro Woche erscheinen. Die große Frage ist: Was ist der Nutzwert? Bleibt es bei einem Überblick zu Geschehnissen in der jüdischen Welt? Oder haben jüdische Medien mehr zu geben – wie etwa eine fundierte Analyse der Ereignisse? Wochenzeitschriften wie »Newsweek«, »The Economist« oder die Jüdische Allgemeine kauft man nicht, um die neuesten Nachrichten zu lesen, sondern deren Analyse.

Dazu bedarf es viel Zeit, Aufwand und intensiver Recherche …

Das ist ein wichtiger Punkt. Denn sehr viel geschieht heutzutage sehr schnell. Dabei bleibt jedoch vieles an der Oberfläche. Das Tempo, mit dem wir neue Informationen erhalten, und die Art, wie schnell diese Informationen von anderen regelrecht überschwemmt werden, führt zu einem Problem: Es gibt heute viel weniger Zeitungen. Die Leute sparen Zeit. Informationen müssen innerhalb von wenigen Sekunden konsumierbar sein. Deshalb werden viele Fragen oft nur ansatzweise oder sehr oberflächlich behandelt oder bleiben ganz auf der Strecke. Genau da kann eine jüdische Zeitung einen Kontrapunkt setzen.

Inwiefern?
Wenn Themen, Ideen oder Nachrichten betrachtet werden, sollte eine jüdische Zeitung in die Tiefe gehen – vielleicht gründlicher als andere. Nehmen Sie etwa das Thema Flüchtlinge, worüber wir anfangs sprachen: Themen wie diese werden uns noch lange beschäftigen. Genau da gilt es, dranzubleiben, nachzufragen – tief, gründlich und von allen Seiten. Darin sehe ich eine wichtige Aufgabe der jüdischen Presse.

Hat diese Aufgabe Ihrer Ansicht nach auch etwas mit dem traditionellen jüdischen Zugang zur Schrift zu tun, bei dem es darum geht, den Text zu befragen, auszulegen und verständlich zu vermitteln?
Ja, denn genau das ist unsere Tradition. Betrachten wir nur den Talmud. Was ist Talmud? Das sind Gespräche, Verhandlungen, Diskussionen, die jahrhundertelang in Babylonien und im Land Israel geführt wurden. Und die Diskussion zu den rabbinischen Kommentaren ging danach in Frankreich und Spanien weiter. Denken Sie nur an die Haggada – der »Schwarze Peter« ist nicht etwa das »böse Kind«, sondern derjenige, der keine Fragen stellen kann. Denn genau darum geht es: die richtigen Fragen zu stellen, in Dialog zu treten. Das ist die Essenz des Judentums – und des Journalismus.

Mit dem Vorsitzenden der Europäischen Rabbinerkonferenz sprach Katharina Schmidt-Hirschfelder.

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