Schabbat

Die Würde des Menschen

Warum man andere nicht öffentlich bloßstellen darf

von Rabbiner David Kern  01.08.2011 22:49 Uhr

Von Paparazzi verfolgt und bloßgestellt: Lady Di, Prinzessin von Wales Foto: Reuters

Warum man andere nicht öffentlich bloßstellen darf

von Rabbiner David Kern  01.08.2011 22:49 Uhr

Im ersten Satz unseres Wochenabschnitts heißt es: »Dies sind die Worte, die Mosche zu den Kindern Israels sprach« (5. Buch Moses 1,1). Raschi erklärt, dass es sich hier um eine Kritik handelt. Allerdings merkt er an: »Um nicht die Ehre des jüdischen Volkes zu verletzen, sprach Mosche die Worte der Zurechtweisung nicht deutlich aus, sondern nur andeutungsweise, indem er all die Orte aufzählte, an denen sie G’tt erzürnt hatten.«

Das jüdische Volk soll noch einmal an seine Vergehen erinnert werden, um aus den begangenen Fehlern die notwendigen Lehren zu ziehen. Und doch vermeidet es Mosche, die Sünden ausdrücklich zu nennen, um sein Volk nicht unnötig zu beschämen.

Dies lehrt uns die große Bedeutung, die der menschlichen Würde beigemessen wird, und wie sehr man sich in Acht nehmen muss, die Gefühle des anderen nicht zu verletzen. Dieser Grundsatz gilt selbst dann, wenn aus Rücksicht auf die Ehre eines einzelnen Menschen das Allgemeinwohl kompromittiert werden muss.

Pflicht Der Talmud (Berachot 27b) berichtet davon, wie einmal ein Schüler zu Rabbi Jehoschua kam und ihn fragte: »Ist das Abendgebet freiwillig oder eine religiöse Pflicht?« Der Rabbi antwortete: »Es ist freiwillig.« Als sich eines Tages die Gelegenheit ergab, richtete jener Schüler dieselbe Frage an Rabban Gamliel, das geistige Oberhaupt des jüdischen Volkes. Dieser antwortete ihm: »Es ist eine Pflicht.« Daraufhin entgegnete ihm der Schüler: »Rabbi Jehoschua hat mir aber gesagt, es wäre freiwillig.«

Rabban Gamliel versprach ihm, der Sache bei seinem nächsten öffentlichen Vortrag auf den Grund zu gehen. Als alle Gelehrten im Lehrhaus Platz genommen hat‐ ten, stellte der Schüler wiederum seine Frage. Rabban Gamliel antwortete: »Es ist eine religiöse Pflicht.«

Dann wandte sich Rabban Gamliel an die versammelten Weisen: »Gibt es jemanden, der dem widerspricht?« Rabbi Jehoschua meldete sich zu Wort und versicherte, dass es keine gegenteilige Meinung gäbe. Rabban Gamliel rief daraufhin: »Hat man mir doch gesagt, dass du lehrst, das Abendgebet sei freiwillig. Jehoschua, auf die Füße, sollen sie für dich Zeugnis ablegen!«

Rabbi Jehoschua stand auf und gab zu, dass er zuvor dem Schüler gesagt hatte, dass es freiwillig sei. Ohne Rabbi Jehoschua die Erlaubnis erteilt zu haben, wieder Platz zu nehmen, begann Rabban Gamliel seinen Vortrag.

So dozierte er, während Rabbi Jehoschua gezwungen war, weiter zu stehen, bis ein Raunen durch die Versammelten zu gehen begann. Schließlich wurde der Vortrag unterbrochen und die Frage unter den Anwesenden gestellt: »Wie oft wird er Rabbi Jehoschua noch peinigen? Ist dies doch bereits das dritte Mal! Lasst uns Rabban Gamliel als unseren Führer absetzen.«

Als man später einen Nachfolger bestimmen wollte, wurde es bewusst vermieden, Rabbi Jehoschua zu ernennen, da er in das Ereignis, das zu Rabban Gamliels Absetzung geführt hatte, unmittelbar verwickelt gewesen war. Dies hätte seinem Vorgänger zusätzlichen Schmerz verursacht. Rabbi Jehoschua wäre tatsächlich der geeignetste Kandidat zur Nachfolge in der geistigen Führung des jüdischen Volkes gewesen, und doch wog die Rücksicht auf die Würde des Einzelnen schwerer als das Allgemeinwohl.

Schlammschlacht Jenseits der uns geläufigen Schlammschlachten und Wahlkämpfe politischer Kontrahenten hätten wir in diesem Fall möglicherweise auch so gedacht. Wie aber steht es um die Würde eines Menschen wie Bileam?

Unsere Weisen (Pirkej Awot 5,19) charakterisieren Bileam als einen Menschen von tiefer moralischer Verkommenheit. Sein geistiges Erbe ist die vollkommene Entfremdung des Menschen vom Schöpfer, der Gesellschaft und sich selbst.

Die Tora schildert, wie Bileam sich bereit erklärt, seine prophetische Gabe für finanziellen Gewinn zu missbrauchen und das jüdische Volk auf Bestellung des meistbietenden Auftraggebers zu verfluchen. Er widersetzt sich der Warnung G’ttes und bricht mit seinem Esel auf, um das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Auf dem Weg verleiht G’tt dem Tier die Gabe der Rede, und Bileam wird durch seinen Esel zurechtgewiesen. Gleich anschließend stirbt das Tier jedoch.

Raschi (4. Buch Moses 22,33) erklärt hierzu: »G’tt ist um die Würde des Menschen besorgt. Und so wollte Er verhindern, dass die Leute sagen, dass dies der Esel ist, dem Bileam nichts auf seine Zurechtweisung zu erwidern wusste.« Verglichen mit einem Menschen geistiger Vollendung wie Rabban Gamliel, sehen wir Bileam am entgegengesetzten Ende des Spektrums.

Nichtsdestotrotz tötete G’tt seinen Esel, aufgrund der Befürchtung, er könnte bloßgestellt werden. Zweifellos hätte der Esel den Menschen als Erinnerung an die g’ttliche Intervention und Wunder und damit der Heiligung des g’ttlichen Namens dienen können. Die Würde eines Menschen, und sei er selbst so niederträchtig wie Bileam, verhinderte dies.

Irrtum Der Talmud (Gittin 57a) berichtet, welche katastrophalen Folgen die Beschämung eines Menschen haben kann, selbst wenn dieser von niedrigster moralischer Verfassung sein sollte. Bar Kamza wird aufgrund einer Verwechslung versehentlich zu einer Feier eingeladen. Als sich der Irrtum herausstellt, wird er des Hauses verwiesen. Er muss die Feier verlassen, ohne dass dies von hohen Würdenträgern verhindert wird, die ebenfalls unter den Gästen sind.

Bar Kamza richtet seine Wut gegen das gesamte jüdische Volk und liefert es den römischen Machthabern aus. Rabbi Elasar sagte: »Komm und sieh, wie groß die Kraft der Beschämung ist! Half doch der Heilige, gelobt sei Er, Bar Kamza und zerstörte Seinen Tempel und verbrannte Sein Heiligtum.«

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die öffentliche Bloßstellung anderer mit oder ohne deren Zustimmung regelmäßig der allgemeinen Unterhaltung und den Einschaltquoten dient. Dies prägt zwangsläufig auch unsere Vorstellungen von menschlicher Würde und dem damit verbundenen Respekt gegenüber unseren Mitmenschen. Die Tora lehrt uns: Die Würde des Menschen ist nicht nur in unsozialen Zuständen und inhumaner Behandlung verletzt, sondern wir müssen jede Art von Respektlosigkeit und Beschämung im Umgang mit anderen vermeiden.

Der Autor ist Mitglied des Edgware Kollel in London.

Paraschat Dewarim
Das fünfte Buch der Tora beginnt mit dem Wochenabschnitt Dewarim. Er erzählt vom 40. Jahr, in dem Mosche am Ersten des elften Monats zu den Kindern Israels spricht. Sie stehen kurz vor der Überquerung des Jordans, und Mosche blickt auf die Reise zurück. Er erinnert an die schlechten Nachrichten der Späher und sagt, dass Jehoschua an seine Stelle treten werde. Dann erinnert Mosche an die 40‐jährige Wanderung und die Befreiung der ersten Generation aus Ägypten. Seiner Meinung nach gehört das, was die Eltern erlebt haben, zum Schicksal ihrer Kinder. Wozu sich die Vorfahren am Sinai verpflichtet haben, ist auch für die Nachkommen bindend. Es wird bestimmt, mit welchen Völkern sich die Israeliten auseinandersetzen dürfen und mit welchen nicht. Mosches Bitte, das Land Israel doch noch betreten zu dürfen, wird abgelehnt. 5. Buch Moses 1,1 – 3,22

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