Kino

Die Rache des Mutanten

Magneto ist ein tragischer Held, der zu einem kriminellen und blutrünstigen Rächer wird. Foto: 20th Century Fox

Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen», heißt es in Mozarts Zauberflöte. Im zweiten Akt befiehlt die Königin aus Rachsucht ihrer Tochter, den Rivalen zu ermorden, andernfalls werde sie verstoßen. Rache ist ein Motiv, das immerwährend wiederkehrt. Es scheint, als könne jeder Mensch dazu verführt werden, dem Durst der Rache zu erliegen – so stark ist diese Emotion.

Dementsprechend ist die Literatur voll von Geschichten über Rache und Rächer. In Shakespeares Hamlet rächt sich der Held am Mörder seines Vaters. In Alexandre Dumas’ Der Graf von Monte Christo rächt sich Edmond Dantès, doch nicht im vollen Umfang seines Rachedurstes. Der Gedanke des Rächens reicht bis in die Zeit der Antike zurück. Wir können das unter anderem in der Ilias von Homer nachlesen. Auch uns Juden sind Rachegedanken nicht fremd.

Comic Die Figur des Rächers als prominenter Nazijäger findet sich in dem neuen Film X-Men: Apocalypse, der seit dem 19. Mai in den deutschen Kinos läuft – ein gewisser Erik Lehnsherr, dargestellt von Michael Fassbender. Lehnsherr, ein Jude mit dem Geburtsnamen Max Eisenhardt, ist KZ-Überlebender und ein Antiheld. Zum ersten Mal in Erscheinung getreten ist er 1963 in einem Comic, erfunden von den jüdisch-amerikanischen Zeichnern Stan Lee und Jack Kirby, die ihn in der Welt der Marvel-Comics als Superschurken kreierten.

Lehnsherr, der sich selbst passenderweise Magneto nennt, ist ein Mutant mit besonderen Fähigkeiten. So vermag er unter anderem, Magnetfelder zu erzeugen, elektromagnetische Pulse zu schießen und Kraftfelder herzustellen. Seine Fähigkeiten entwickelte er im KZ, als er fürchterlichen Qualen ausgesetzt war und mitansehen musste, wie seine Mutter vor seinen Augen umgebracht wurde.

Seitdem verachtet er die Menschheit, jedoch wird er auch als tragischer Held voller Hass und Zerrissenheit gezeigt, geprägt durch seine schlimmen Erfahrungen in Auschwitz, der aus Verbitterung und Pessimismus handelt und zu einem kriminellen und blutrünstigen Rächer wird.

Nun kann man sich die berechtigte Frage stellen, ob dieser Weg der Rache im Sinne der jüdischen Tradition und Religion ist. Wem könnte man Rache eher zugestehen als einem Holocaust-Überlebenden, der die Gräuel der Nazizeit im Konzentrationslager selbst erlebt hat?

Simon Wiesenthal hat in diesem Zusammenhang ein Buch verfasst mit dem Titel Recht, nicht Rache. Der Schoa-Überlebende wurde im Mai 1945 aus dem Konzentrationslager Mauthausen befreit. Nach seiner Befreiung machte es sich Wiesenthal zur Lebensaufgabe, nach Nazis zu suchen, um sie vor Gericht zu bringen.

Somit ist seine Form der Rache an den Schuldigen der NS-Zeit eine unerbittliche Jagd nach den Verbrechern, um sie anschließend nicht durch Heimzahlung, sondern durch die Justiz zur Verantwortung zu ziehen.

Strafe Die Tora unterscheidet zwischen Rache, die richtig ist, und Rache, die sündig ist. So wird die Rache dann als gerecht bezeichnet, wenn sie als Strafe für ein Verbrechen auf die vorgeschriebene Art und Weise ausgeübt wird. Derjenige, der die Rachetat ausführt, gilt als Instrument des Gerichts, in manchen Fällen sogar dem Willen Gottes entsprechend, wobei Rache aus Sicht der Tora niemals die Form einer persönlichen Genugtuung annehmen darf.

Die Tora gibt uns einige Beispiele dafür. So darf ein Sklave, wenn er von seinem Herrn erschlagen wurde, gerächt werden (2. Buch Mose 21,20). Auch die Rache im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen ist laut Tora erlaubt. Als Beispiel lesen wir in der Tora die Aufforderung Gottes, sich am Volk der Midianiter zu rächen (4. Buch Mose 25 und 31, 1–2).

Ein gerechter Krieg wird somit legitimiert, wenn es um die Feindschaft mit dem Volk Israel geht, die auch zugleich als Feindschaft mit Gott gesehen wird: «Rache zu üben an den Völkern, Züchtigung an den Nationen» (Psalm 149,7). Somit gehört der Gedanke der Rache zum göttlichen Vorrecht.

Die rabbinische Sichtweise zum Thema Rache ist aber eine andere. So werden wir als Juden zwar angehalten, dem göttlichen Beispiel in jeglicher Form zu folgen, doch die starke Emotion der Vergeltung und ihre Nachahmung werden abgelehnt.

Vielmehr sollen wir uns bei der Nachahmung von Gottes Wegen eher solchen Tugenden wie Barmherzigkeit, Vergebung, Mildbeziehungsweise Wohltätigkeit, Krankenbesuchen, sprich: ethischen Idealen, widmen (siehe etwa Talmudtraktat Sota 14a). Einer der Gründe dafür wird von den Weisen damit erklärt, dass der Mensch, wenn er im Zorn handelt, auch von diesem gesteuert wird. Gott aber in seiner Heiligkeit steuert seinen Zorn selbst, darum wird er als der «Meister des Zorns» bezeichnet.

Zorn Und so befinden die Weisen, dass ein Mensch sich dem Gedanken der Tora unterwerfen soll. Im 4. Buch Mose 19,18 heißt es: «Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der Herr.»

Wem die Liebe zum Nächsten aber als Definition zu schwierig erscheint, der kann sich der Aufforderung Hillels, des Älteren (um 110 v.d.Z. – um 9 n.d.Z.), anschließen. Er formulierte die Liebe zum Nächsten folgendermaßen um: «Was dir nicht lieb ist, dass tue auch deinem Nächsten nicht.»

Befolgt man diesen Satz, dann ist jeglicher Rachegedanke aufgehoben. Insofern sind die elektromagnetischen Attacken des Erik Lehnsherr in X-Men: Apocalypse durch die Tora nicht gedeckt.

Chukat–Balak

Stärken und Schwächen

Unser Blick auf das eigene Volk ist manchmal nicht besonders positiv. Da hilft ein Perspektivwechsel

von Rabbiner Jaron Engelmayer  26.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  25.06.2026

Chabad

Jüdische Gemeinde verschiebt Fest wegen Hitze

Neuer Termin nun Ende August

 25.06.2026

Interview

»Eine Gemeinde muss wie ein Business geführt werden«

Vor 30 Jahren reiste Rabbiner Yehuda Teichtal mit einem One-Way-Ticket nach Deutschland und baute die Berliner Chabad-Gemeinde auf. Ein Gespräch über Glauben und Management

von Mascha Malburg  25.06.2026

Talmudisches

Beratungsklau

Was unsere Weisen über ehrliches Einkaufen lehrten

von Detlef David Kauschke  25.06.2026

Jubiläum

Fünf Jahre jüdische Seelsorge der Bundeswehr: Militärrabbiner Zsolt Balla zieht Bilanz

Seit dem Start der jüdischen Militärseelsorge vor fünf Jahren wächst ihre Bedeutung in der Truppe. Sieben Militärrabbiner tun inzwischen Dienst. Ein Fazit - mit Blick auf Zeitenwende und deutsche Geschichte

von Karin Wollschläger  23.06.2026

Bundeswehr

Fünf Jahre Militärrabbinat

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) betonte, die Jüdische Militärseelsorge bereichere den Dienstalltag und schärfe die ethische Orientierung der Streitkräfte

 22.06.2026

Talmudisches

Schlaf

Was unsere Weisen über die Nachtstunden lehren

von Chajm Guski  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026