Ki Tawo

Die Macht des Einzelnen

Jeder kann etwas tun: Demonstrantin vor der belarussischen Botschaft in Kiew (September 2020) Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Früher war alles besser. Der Rasen war grüner, die Politiker waren ehrlicher, und der Fußball war sowieso besser. Das wissen alle. Warum denken wir, dass ausgerechnet früher alles besser war als heute? Ist es wirklich so, oder können wir Errungenschaften der Gegenwart nicht richtig einschätzen? Und wenn es stimmt, dass früher alles besser war – sind wir dann nicht auch ein wenig schuld daran?

Unser Wochenabschnitt Ki Tawo greift dieses Thema auf eine sehr subtile Weise auf. Ganz am Anfang der Parascha spricht die Tora über das Gebot, die ersten Früchte einer Ernte (Bikurim) nach Jerusalem in den Tempel zu bringen. Bei der Übergabe der Früchte musste der Bauer einen bestimmten Text rezitieren: »Und du sollst zu dem Priester kommen, der in diesen Tagen sein wird, und zu ihm sprechen: Heute mache ich kund für den Ewigen, deinen G’tt, dass ich gekommen bin in das Land, das der Ewige unseren Vätern geschworen hat, uns zu geben« (2. Buch Mose 26,3).

Der Vers liest sich zwar ziemlich flüssig und ist in sich logisch, doch gibt es da ein Detail, bei dem wir stutzig werden sollten. Was bedeutet der Zusatz »der in diesen Tagen sein wird«? Kann man zu einem Priester kommen, der nicht »in unseren Tagen« lebt?

SINN Da es in der Tora keine überflüssigen Wörter gibt und alles seinen Sinn hat, versuchen unsere Weisen, diese merkwürdigen Zusatzwörter zu erklären. Der große mittelalterliche Tora-Kommentator Raschi (1040–1105) zitiert als Erklärung eine Stelle aus dem Midrasch Sifri: »Du hast nur den Kohen (Priester), der in deinen Tagen ist, wie er auch ist.«

Aber dieser Kommentar bringt uns nicht viel weiter: Warum hätten wir überhaupt überlegen sollen, ob dieser Kohen gut ist oder nicht?

Interessanterweise haben wir vor ein paar Wochen in Paraschat Schoftim etwas Ähnliches gelesen: »Und begib dich zu den Priestern, den Leviten, oder zu dem Richter, der in diesen Tagen sein wird, und frage nach, dass sie dir künden den Ausspruch des Rechts.«

Auch dort stellt sich die Frage, was es mit diesem merkwürdigen Zusatz »der in diesen Tagen sein wird« auf sich hat. Und auch dort versucht Raschi zu erklären, jedoch ein wenig ausführlicher: »Selbst wenn er nicht gleich den anderen Richtern ist, die vor ihm waren, musst du auf ihn hören. Für dich ist nur der Richter in deinen Tagen da« (17,9).

Dieser Kommentar ergibt viel mehr Sinn: Von einem Richterspruch hängt vieles ab, und natürlich wünscht man sich einen weisen und gerechten Richter.

Und hier kommt die Tora und sagt: Es kann sein, dass es früher bessere und gerechtere Richter gab. Jedoch hast du nur die Richter, die zu deiner Zeit leben, und auch wenn sie vielleicht nicht so perfekt wie ihre Vorgänger sind, hast du keine andere Wahl, als mit ihnen zu tun zu haben.

RICHTIGKEIT Doch bleiben wir bei unserem Rätsel: Wenn die moralische Größe eines Richters tatsächlich von Bedeutung ist, welche Bedeutung hat die »Richtigkeit« eines Priesters?

Noch viel mehr! Es geht hier nicht um eine Situation, in der der Priester den Bauern segnen sollte, sondern um eine Situation, in der er einfach nur die gebrachten ersten Früchte annimmt. In einem solchen Kontext sollte uns nicht einmal interessieren, ob dieser Kohen heute seine Zähne geputzt hat, ganz zu schweigen, ob seine Gerechtigkeit der Gerechtigkeit seiner Vorgänger nahekommt.

Eine von mehreren Antworten auf diese Frage lautet, dass es doch auf die Größe des Kohens ankommen könnte. Der Bauer könnte folgende Überlegungen haben: Ich habe meine besten Früchte gebracht und möchte G’ttes Segen darauf haben. Und diesen Segen werde ich nur dann bekommen, wenn der Priester, der diese Früchte entgegennimmt, ein gerechter Priester mit heiligen Gedanken ist. Deshalb würde sich der Bauer einen Aharon HaKohen oder einen Schimon HaZaddik wünschen. Jedoch sagt die Tora: Mach dir darüber keine Gedanken – du hast diesen Priester und musst ihm seine Früchte geben, egal wie gut oder wie schlecht er ist.

Doch die Tora ist kein Büchlein, das ängstlichen Bauern Ratschläge gibt. Der siebte Lubawitscher Rebbe, Rabbi Menachem Mendel Schneerson (1902–1994), betonte ständig, dass die Weisheit der Tora für alle Menschen und in allen Generationen gilt. Deshalb ist in diesem Vers eine viel tiefere und wichtigere Botschaft für uns alle verborgen. Wenn wir glauben, dass früher alles besser war, dann sollten wir uns auch fragen, welchen Einfluss wir darauf haben. Kann es sein, dass es auch an uns liegt, dass die moralischen Werte, Ehrlichkeit und andere Tugenden mit der Zeit nachlassen? Unsere Weisen beantworten diese berechtigte Frage mit einem sicheren: Ja – es hat tatsächlich mit uns zu tun!

Im Midrasch Rabba zum Wochenabschnitt Emor wird erzählt, dass Mosche G’tt bat, ihm die Zukunft zu zeigen. Und so, erzählt der Midrasch weiter, zeigte G’tt Mosche jede Generation und ihre Richter, jede Generation und ihre Könige, jede Generation und ihre weisen Männer, jede Generation und ihre Führer, jede Generation und ihre Propheten, jede Generation und ihre Lehrer und jede Generation und ihre Räuber und Diebe.

Reihenfolge Der amerikanische Rabbiner Yissocher Frand zitiert den berühmten Maggid Rabbi Yaakov Galinsky (1920–2014), der fragte, warum der Allmächtige Mosche zuerst die Generation und erst danach ihre Führer, Lehrer und Propheten zeigte. Und warum sollte Mosche unbedingt auch Räuber und Diebe jener Generationen sehen?

Rav Yaakov Galinsky antwortete darauf: Mosche habe sich gefragt, warum die Weisheit von Generation zu Generation abnimmt und warum es seit dem Baubeginn des Zweiten Tempels keine Propheten mehr gibt. Darauf antwortete G’tt: »Schau zuerst das geistige Niveau einer jeden Generation an. Schau auf die Generationen mit ihren Räubern und Dieben. Die Weisen und die Propheten sind von ihrer Generation abhängig, und deshalb verdienen spätere Generationen keine großen Weisen und keine Propheten, keinen Rabbi Akiva und keinen Propheten Schmuel.«

Der Philosoph Joseph de Maistre (1753–1821) hat dieses Prinzip in einem Aphorismus sehr schön formuliert: »Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.«

Und so lautet die Botschaft des merkwürdigen Verses aus unserem Wochenabschnitt: Überleg bitte nicht, ob dein Vorstand, dein Rabbiner oder deine Regierung so gut wie in früheren Zeiten ist. Denk lieber darüber nach, wie dein persönliches geistiges Niveau und dein Handeln besser werden können, damit auch dein Vorstand, dein Rabbiner und deine Regierung besser werden.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Dessau und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz.

inhalt
Die Israeliten sollen aus Dankbarkeit für die Ernte und die Befreiung aus der Sklaverei ein Zehntel der Erstlingsfrüchte opfern. Und sie sollen die Gebote G’ttes auf großen Steinen ausstellen, damit alle sie sehen können. Danach schildert die Tora Fluchandrohungen gegen bestimmte Vergehen der Leviten. Dem folgt die Aussicht auf Segen, wenn die Mizwot befolgt werden.
5. Buch Mose 26,1 – 29,8

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