Tradition

Die Krone der Tora

»Es gibt drei Kronen: die Krone des Gesetzes, die Krone der Priesterwürde und die Krone des Königtums. Die Krone des guten Namens aber übertrifft sie alle.« (Pirke Awot 4,17) Foto: Marco Limberg

Keter Tora ist ein hebräischer Begriff und bedeutet »die Krone der Tora«. In der jüdischen Welt hat dieser Begriff eine mannigfaltige Bedeutung, denn er wird auf besondere sakrale Gegenstände bis hin zu Buchtiteln der rabbinischen Bibliografie angewendet. Viele Gründe also, sich einmal ausführlich mit Herkunft und Bedeutung der »Krone der Tora« auseinanderzusetzen.

Am häufigsten sieht man Keter Tora als Toraschmuck, der zumeist aus Edelmetallen wie Gold oder Silber hergestellt wird. Die meisten aufgerollten Schriftrollen haben solche Kronen als Aufsatz und Zierde. Nicht nur die Torarollen, sondern auch ihre Mäntel (Mapa) tragen eine gestickte Krone oder zumindest die hebräische Aufschrift Keter Tora. Manchmal auch in der Abkürzung Kaf und Taf, hebräische Buchstaben, die dem K und dem T entsprechen.

Selbst die Vorhänge der Toraschreine und sogar die Brustschilde der Torarollen weisen Kronen oder diese beiden Buchstaben auf. In der traditionellen rabbinischen Literatur der Pirke Awot, Sprüche der Väter, die wir an den langen Schabbatnachmittagen des Sommers lesen, finden wir den vielleicht auslösenden Ansatz für diese Darstellungen: »Rabbi Simon (2. Jahrhundert) sagte: Es gibt drei Kronen: die Krone des Gesetzes, die Krone der Priesterwürde und die Krone des Königtums. Die ›Krone eines guten Namens‹ aber übertrifft sie alle.« (Pirke Awot 4,17)

Eine Darstellung der drei Kronen ist als Relief auch oberhalb des Toraschreins in Worms bis heute zu bewundern, in der aus dem Mittelalter stammenden Synagoge. Das Motiv basiert auf ebendieser Sentenz aus den Sprüchen der Väter.

Tugend Ein Gelehrter erklärte die ethische Bedeutung dieser Aussage folgendermaßen: Es ist wohl möglich, dass diese drei angeführten »Kronen« den Schriftgelehrten, den Kohanim und den Herrschern Vorrechte einräumen. Jedoch verkörpert die »Krone des guten Namens«, die alles übertrifft und als »köstlicher als alle anderen Kronen« bezeichnet wird, zwar eine erstrebenswerte Tugend, gewährt aber keine Privilegien.

Bereits im Mittelalter wurde der Begriff der »Krone der Tora«, das heißt, die Gelehrsamkeit der Heiligen Schriften, im synagogalen Leben wörtlich genommen und führte dazu, dass in vielen alten Gemeinden die Torarollen mit stattlichen Kronen ausgestattet wurden. Anfangs wurden die Kronen an Simchat Tora, am Freudenfest der Tora, während der Umzüge in den Synagogen auf die Torarollen gesetzt.

Leopold Löw, der gelehrte Szegediner Rabbiner aus dem 19. Jahrhundert, erwähnt, dass im Mittelalter jedem, der seinen Abschnitt aus der Tora während des Aufrufs (Alija) selbst vorzutragen pflegte, eine Krone auf sein Haupt aufgesetzt wurde. (Leopold Löw: Ben Chananja, Jahrgang 10, 1867, S. 397). Namhafte Autoritäten wie Abraham ben Nathan Hajarchi (12. Jahrhundert), der unter anderem in Lunel (Provence) lehrte, haben diese Sitte allerdings verworfen und aus den Synagogen eliminiert.

Chukkat Hagoj Die Frage muss jedoch noch beantwortet werden, warum die Krone, ein vom Mittelalter an christlich gewordenes Herrschaftszeichen der Könige und Kaiser, ein verzierter Kopfschmuck des Abendlandes, so weit in die jüdische Kunst und ihre Darstellungen vorgedrungen ist und unter anderem zum Schmuck der Tora, der sichtbaren Erscheinung des G’ttlichen, geworden ist. Und das, obwohl viele Gelehrte stets streng darauf geachtet haben, dass nichtjüdische Motive, Gebräuche, Elemente oder Sitten, die als »Chukkat Hagoj« verschrien waren, nicht nachgeahmt oder gar übernommen werden sollten!

Bekanntlich haben unsere Rabbinen »Chukkat Hagoj« stets verworfen, denn sie konnten Handlungen nicht billigen, deren einzige Motivation darin besteht, die Sitten oder die Lebensform anderer Völker nachzuahmen und dadurch jüdische Eigenarten aufzugeben.

Gegen die Krone beziehungsweise die Krönung der Herrscher lässt sich auch einwenden, dass die jüdischen Könige durch die Salbung mit speziellem Öl ihre eigentliche Herrschaftswürde und das Regierungsamt durch den Hohepriester verliehen bekamen. Diese Salbung (das hebräische Verb »maschach« bedeutet »salben«) versinnbildlicht die Heiligung wie auch die Weihe zu einem hohen Amt.

Saul Kenner der biblischen Schriften werden sofort einwenden, dass in der Geschichte des ersten Königs Israels Saul (um 1000 v.d.Z) die Schrift sehr wohl eine Krone erwähnt. Hier sollte man wissen, dass diese Krone, die auch eine Art Kranz gewesen sein könnte, nur zusätzlich zur Salbung als Kopfschmuck verwendet wurde. Nachdem Saul im Krieg gegen die Amalekiter getötet wurde, meldet sich ein Amalekiter mit der Krone des getöteten Königs bei David: »Und (ich) nahm die Krone von seinem Haupt und das Armgeschmeide von seinem Arm und habe es hergebracht zu dir, meinem Herrn« (2. Buch Samuel 1,10). Jedoch lautet der hebräische Ausdruck für eine Krone hier »Neser«, was vielleicht keine Krone in der heute üblichen Bedeutung war.

Auch König David verschaffte der Krone Eingang in die Bibel, und zwar nach seinem Sieg über Amon: »Und David nahm die Krone des Königs von dessen Haupt (…) und sie ward David auf sein Haupt gesetzt« (2. Buch Samuel 12,30). Hier wird die Krone aber mit dem hebräischen Wort »Ateret« bezeichnet. Im Allgemeinen repräsentiere Gold den Lichtglanz, an welchem G’tt Wohlgefallen haben könnte, schrieb der bereits erwähnte Rabbiner Leopold Löw.

hohepriester Der goldene Hauptschmuck des Kohen Gadol, des Hohepriesters, ist in der biblischen Zeit ebenfalls von Relevanz. Er trug nämlich ein »zwei Finger breites goldenes Stirnband« auf seinem Haupt, das aber »Zietz« genannt wurde: »Du sollst auch ein Stirnblatt machen von feinem Golde …« (2. Buch Mose 28,36). Der jüdische Historiker Josephus Flavius (37–100 n.d.Z.) nannte das Stirnblatt der Hohepriester in seinem Werk Antiquitates Judaicae »Krone«.

Zuallererst wird im biblischen Ester-Buch die königliche Krone als Herrschaftsinsignie der Königin Waschti (Ester 1,11), des Königs Achaschwerosch (Ester 6,8) und der Königin Ester angeführt: »Und der König (…) setzte die königliche Krone auf ihr Haupt und machte sie zur Königin« (Ester 2,17).

Aus der Zeit der hasmonäischen Könige ist überliefert, dass der Sohn Simons, Jochanan Hyrkan (134–104 v.d.Z.), sowohl die Keter Malchut, die königliche Krone, als auch eine Keter Kehuna, eine Priesterkrone, getragen haben soll. Dies war der Grund, dass sich die Gelehrten des Talmud über diese Herrscher und ihre Machtanhäufung nicht wohlwollend äußerten. Josephus berichtet weiter, dass Jochanan Hyrkans Sohn, Aristobul I., 480 Jahre nach der Rückkehr der Israeliten aus dem babylonischen Exil sich selbst krönte, indem er sich die Krone auf sein Haupt setzte.

Heimatstätte Der französische Oberrabbiner des Oberelsass, Grand Rabbin Jacky Dreyfuss, zeigte mir einst im Toraschrank seiner Synagoge in Colmar eine Torakrone, die die Aufschrift trug: »Gestiftet für die Gemeinde Sziget«.

Diese untergegangene jüdische Gemeinde Sziget in der Karpatho-Ukraine war einst die Heimatstätte der berühmten Rabbinerdynastie der Teitelbaums und auch Eli Wiesels. Diese Gemeinde wurde unter den ersten im April 1944 deportiert und restlos ausgelöscht. Nach Auskunft des Rabbiners gelangte die Torakrone, die wohl durch mehrere Hände gegangen sein muss, letztendlich durch die amerikanische Besatzungsarmee nach Colmar.

Der Vollständigkeit halber sollte erwähnt werden, dass viele Gelehrte in früheren Zeiten öfters »Keter Tora« als Buchtitel für ihre rabbinischen Werke gewählt haben. Stellvertretend erwähnt seien der bekannte jüdische Philosoph Salomon ibn Gabirol (1021–1057), Autor von Keter Malchut, der spanische Gelehrte David Salomon Vital HaRofe (16. Jahrhundert) mit seinem Werk Keter Tora, welches die 613 Gebote und Verbote behandelt, und der bis heute äußerst populäre chassidische Berditschewer Rabbi Levi Jitzchak (1740–1810), der seine Kommentare ebenfalls unter Keter Tora veröffentlicht hat. Außerdem tragen bis heute, sowohl in Israel als auch in den Vereinigten Staaten von Amerika, mehrere religiöse Einrichtungen und jüdische Gemeinden diesen Namen.

Der Autor war von 1981 bis 2002 Landesrabbiner von Württemberg.

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