Talmudisches

Die Körper der Weisen

Die Rabbinen des Talmuds waren Giganten des Geistes. Aber sie waren auch Männer. Foto: Getty Images / istock

Die Rabbinen des Talmuds waren Giganten des Geistes. Aber sie waren auch Männer – und nicht immer solche, die man sich vor dem geistigen Auge vorstellt, wenn man von den »Weisen des Talmuds« spricht.

Wir kennen sie durch das, was sie gesagt und getan haben. Einige waren Männer im besten Alter, hatten Familien und das, was man ein Privatleben nennt. Ja, sie standen mitten im Leben. Sie waren keine bärtigen Greise, wie man sich Weise vielleicht vorstellen mag, weil Gelehrtheit oft mit Alter einhergeht.

GRANATAPFEL Zudem hatten die Weisen auch – dies sollte nicht verwundern – Körper. Der schönste Rabbiner, den man sich vorstellen kann, soll Rabbi Jo­cha­nan ben Nappacha gewesen sein. Über ihn sagt der Talmud: »Wenn jemand die Schönheit Rabbi Jochanans sehen will, so nehme er einen silbernen Becher, wie er vom Silberschmied kommt, und fülle ihn mit Körnern eines Granatapfels, lege um die Mündung einen Kranz aus roten Rosen und stelle ihn zwischen Sonne und Schatten. Dieser Glanz ist etwas von der Schönheit Rabbi Jochanans« (Baba Mezia 84a). Was ihm gefehlt haben soll, war der Bart.

Der schönste Rabbiner, den man sich vorstellen kann, soll Rabbi Jo­cha­nan ben Nappacha gewesen sein.

Weniger bescheiden heißt es ein paar Sätze weiter, dass Rabbi Jochanan sich gern an den Toren der Mikwe aufhielt. Dazu sagte er: »Wenn die Töchter Israels die Mikwe verlassen, dann sollen sie mir begegnen. Sie sollen Kinder haben, die so schön sind wie ich und Tora lernen wie ich.«

An anderer Stelle (Berachot 20a) wird berichtet, dass Frauen, die ein Kind erwarteten, einen Blick auf Rabbi Jochanan warfen, um eben die Wirkung zu erzielen, von der Rabbi Jochanan sprach.
Das fiel offenbar sogar Männern auf. Als Resch Lakisch, ein Gladiator, der später Rabbi wurde, noch Dieb war, lauerte er Rabbi Jocha­nan an einem Fluss auf, als dieser darin badete. Er beobachtete ihn und trat auf ihn zu. Rabbi Jochanan sprach aber zu ihm: »Deine Stärke ist für das Studium der Tora!« Lakisch antwortete ihm: »Deine Schönheit ist für die Frauen!«

SCHÖNHEIT Jochanan nutzte seine Ausstrahlung und bot Resch Lakisch an, dessen Schwester zu heiraten, die von ähnlicher Schönheit gewesen sein soll – unter der Bedingung, dass Lakisch dem Torastudium nachgehen würde. Und so kam es. Offenbar etwas weniger schön waren die Weisen Rabbi Jischmael und Rabbi Elazar. Der Talmud stellt fest, dass sie sehr beleibt waren: »Wenn Rabbi Jischmael, Sohn von Rabbi Josej, und Rabbi Elazar, Sohn von Schimon, einander begegneten, konnten zwei Ochsen zwischen den beiden Männern hindurchgehen, ohne sie zu berühren« (Baba Mezia 84a).

Das heißt, die beiden waren so dick, dass unter ihren Bäuchen die Ochsen nebeneinander laufen konnten. Und weil es im Talmud auch um Praktisches geht, behauptet eine Matrone, nachdem sie die beiden gesehen hat: »Eure Kinder sind nicht eure eigenen!« Was hat sie damit gemeint? Nichts anderes als: Ihr seid so dick, ihr könnt überhaupt keine Kinder zeugen. Und jetzt wird es noch menschlicher in Bezug auf die Anatomie: Rabbi Jocha­nan antwortet nämlich, das »Organ« (es ist klar, welches Körperteil er meint) von Rabbi Jischmael sei so groß wie ein Schlauch, der neun Kaw fasst. Das entspricht etwa neun Litern!

Rabbi Papa sagte, das »Organ« von Rabbi Jochanan fasste fünf Kaw, etwa sechs Liter. Damit wären wir hier anatomisch vollkommen im Bilde. Von Rabbi Elazar erfahren wir, dass er auf andere herabsah. Im Traktat Ta’anit (20b) wird berichtet, dass er unglaublich stolz auf seine Kenntnisse der Tora war. Und als ihn ein »sehr hässlicher Mann« freundlich grüßte, antwortete er: »Wie hässlich ist dieser Mann! Sind alle Bewohner deiner Stadt so hässlich wie du?« Der Mann antwortete: »Ich weiß es nicht. Aber du solltest zu dem Töpfer gehen, der mich geformt hat, und ihm sagen, wie hässlich du das Gefäß findest, das er gemacht hat.«

Interreligiöser Dialog

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen mehr Austausch

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen sich intensiver austauschen. Am Mittwoch kamen Delegationen in Berlin zusammen, um einen festen Turnus festzulegen

 20.05.2026

Fest

Magdeburger Synagogen-Gemeinde hat neue Torarolle eingeweiht

Mit dem Fest der Toravollendung konnte die neue Torarolle der Magdeburger Synagogen-Gemeinde eingeweiht werden. Traditionell wurden die 5 Bücher Mose von einem Sofer genannten Schreiber in Israel angefertigt

von Thomas Nawrath  20.05.2026

Konflikt

»Große Irritation« nach Gründung eines neuen liberalen Rabbinatsgericht

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin und die Union progressiver Juden haben ein Beit Din gegründet. Die Allgemeine Rabbinerkonferenz kritisiert den Schritt als »Spaltungsmanöver«

von Mascha Malburg  19.05.2026

Klang

Ewiges Nachhallen

Warum die Israeliten in die Stille der Wüste ziehen mussten, um das Wichtigste zu hören

von Rabbiner Jaron Engelmayer  17.05.2026

Pro & Contra

Ist die traditionelle jüdische Familie passé?

Ja, sagt Rabbiner Alexander Grodensky: »Die traditionelle Familie ist heute eine Illusion.« Nein, meint Daniela Fabian: »Eine Familie zu gründen, hat Zukunft, weil sie Leben in die Welt bringt«

von Rabbiner Alexander Grodensky, Daniela Fabian  17.05.2026

Talmudisches

Jüdische Longevity

Was unsere Weisen über gutes Altern lehrten

von Detlef David Kauschke  15.05.2026

Bamidbar

Die Kraft der Stämme Israels

Das jüdische Volk strebt dem Frieden nach – ist dafür aber auch bereit zu kämpfen

von Yonatan Amrani  15.05.2026

Interview

»Musik ist die Sprache, die die Seele versteht«

Jüdische Melodien begleiten Rabbiner Daniel Fabian schon sein Leben lang. Heute helfen sie ihm, das Judentum erfahrbar zu machen

von Mascha Malburg  15.05.2026

Meinung

Orden für den Botschafter: Wie Leo XIV. Irans Regime aufwertet

Mit seinem Orden für den iranischen Botschafter beim Heiligen Stuhl verpasst der Papst den Menschen im Iran symbolisch einen Tritt in die Magengrube

von Michael Thaidigsmann  13.05.2026