Religionswissenschaft

Die ganze Tora auf einem Stick

Die Schriften digital komprimiert Foto: cc

Religionswissenschaft

Die ganze Tora auf einem Stick

Vor 20 Jahren stellte die Bar Ilan University ihr Responsa-Projekt vor. Jetzt folgt »Version 20«

von Benjamin Rosendahl  08.05.2012 11:38 Uhr

»Die Geschichte geschah wiederum an einem Nichtjuden, der zu Schammai kam und sprach ›Belehre mich, indem du mich die ganze Tora lehren willst, solange ich auf einem Bein stehen kann.‹ Da stieß Schammai ihn fort mit einem Maßstecken, wie ihn die Zimmerleute gebrauchen. Da ging der Heide von Schammai weg und kam zu Hillel und fragte auch ihn, ob er ihn die ganze Tora lehren wollte, solange er auf einem Bein stehen könne.« (Talmud, Traktat Schabbat 31a, zitiert nach www.talmud.de)

Was Hillel wohl geantwortet hätte, wenn er gefragt worden wäre, ob es möglich ist, nicht nur die ganze Tora auf einer beschreibbaren Compact Disc zu brennen beziehungsweise auf einen USB-Massenspeicher zu kopieren, sondern auch den ganzen Talmud, dazu sämtliche wichtigen Kommentare, Hauptwerke jüdischer Philosophie, von Maimonides bis zum Chassidismus, und außerdem Jahrhunderte von Responsa-Literatur, die bekannte jüdische Talmudinterpreten hinterlassen haben? Er hätte den Fragenden wohl genauso wie Schammai weggeschickt.

bahnbrechend Aber exakt eine solch umfangreiche Materialsammlung hat die Bar Ilan University vor 40 Jahren begonnen, zusammenzustellen. 1992 präsentierte die Universität aus Ramat-Gan dann die erste elektronische Version ihres Responsa-Projektes. Und sie war von Anfang an bahnbrechend, sowohl in der Welt des religiösen Judentums als auch in der Welt der Wissenschaft.

Insbesondere bei den Responsa, auf Hebräisch Shu’T genannt (She’elot u-Teshuvot, Fragen und Antworten), ist das Bar-Ilan-Responsa-Projekt unvergleichlich: Über 90.000 dieser Fragen – meistens ging es um die Halacha, also das jüdische Religionsgesetz –, die Juden in schriftlicher Form an ihre Rabbiner gestellt haben und die diese Rabbiner unter Einbeziehung jüdischer Quellen in wunderschönem Hebräisch schriftlich beantwortet haben, sind zusammengetragen worden. In der neuesten Version gibt es jetzt auch eine Suchfunktion, sodass die Nutzer in diesen Responsen unter anderem nach Themen, Quellen, Rabbinern sortiert suchen können.

Auszeichnung 2007 erhielt die Bar-Ilan-Universität für dieses Projekt den renommierten Israel-Preis. Mit der höchsten Auszeichnung ehrt der jüdische Staat Staatsbürger und Organisationen für herausragende Leistungen. Aber die universitären Betreiber haben sich nicht auf ihren Lorbeeren ausgeruht. Nach dem Ende des diesjährigen Pessachfestes haben sie ihre noch nutzerfreundlichere »Version 20« vorgestellt, die wohl wieder die Herzen von Talmudschülern und Professoren entzücken wird und bei der Universität bestellt werden kann.

Wie die Geschichte mit Hillel ausging? Der bedeutende Schriftgelehrte sagte: »Halte dich an den Schriftvers: ›Du sollst deinem Nächsten nichts Ärgeres tun, als du dir gern getan haben willst.‹ Das ist der Urgrund der ganzen Tora. Der Rest ist Auslegung. Geh’ hin und lerne weiter.« So lehrte Hillel ihn, während er auf einem Bein stand, die ganze Tora, die jetzt auf einem USB-Stick zu finden ist.

Information zum Projekt: www1.biu.ac.il
Anfragen und Bestellungen (auch auf Deutsch): responsaprojektbarilan@gmail.com

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