Talmudisches

Die arme Frau und das Maultier

Warum verkauft der Mann sein Maultier, seine einzige Habe, seine Stütze und seinen Rückhalt? Foto: Thinkstock

Talmudisches

Die arme Frau und das Maultier

Warum die Gebete eines einfachen Mannes erhört wurden

von Noemi Berger  05.02.2018 18:51 Uhr

In einem Midrasch lesen wir von einer Dürre im Land Israel. Die Menschen beten zu G’tt um Regen, doch es bleibt trocken. Die Weisen fasten, aber es regnet immer noch nicht. Eines Nachts träumen die Weisen, dass ein Bote G’ttes vor ihnen steht und sagt: »Eure Gebete wird der Allmächtige nicht erhören, aber die des Maultiertreibers, der am Stadtrand wohnt. Seine Gebete werden erhört.«

Als die Weisen am nächsten Morgen merken, dass sie alle den gleichen Traum hatten, sagen sie: »Lasst uns zu dem Maultiertreiber gehen und schauen, welche beeindruckenden Eigenschaften er hat.«

Also machen sie sich auf den Weg. Sie kommen zu dem Maultiertreiber und fragen ihn nach seinem Broterwerb. Er antwortet: »Ich vermiete mein Maultier. Es zieht den Pflug und verrichtet andere Arbeiten auf dem Feld.« – Da fragen sie: »Wo ist denn dein Maultier? Wir sehen es nicht.« – »Ich habe es verkauft.«

Die Rabbiner sind erstaunt. Warum verkauft der Mann sein Maultier, seine einzige Habe, seine Stütze und seinen Rückhalt, und warum findet der Ewige diesen Mann so bedeutend, dass Er sein Flehen wohl erhört?

»Sag uns, was für eine beeindruckende Wohltat hast du begangen?«, fragen sie den Mann. »Ich tue nichts Besonderes«, antwortet er und weicht aus, denn er ist ein bescheidener Mensch. Doch die Rabbiner beharren so lange darauf, bis er schließlich bereit ist, ihnen von der guten Tat zu erzählen, die er getan hat.

Verleihen »Das Geld, das ich durch das Verleihen meines Maultiers erhielt, ermöglichte es mir, meine Familie zu ernähren«, beginnt er seine Geschichte. »Eines Tages kam eine Frau zu mir, um mein Maultier zu mieten. Sie gab mir die paar Münzen, die ich üblicherweise für das Vermieten verlangte. Aber als sie mit dem Tier wegging, hörte ich sie schluchzen.

Da ging ich zu ihr hin und fragte, warum sie weint. Unter Tränen erzählte sie: ›Mein Mann sitzt wegen einer un­bezahlten Schuld im Gefängnis, und ich habe nicht das Geld, ihn auszulösen. Da dachte ich bei mir, dass ich deinen Esel anheuern würde, um zu pflügen und den Boden hinter meinem Haus zu bestellen. Wenn dann der Weizen wächst, werde ich ihn verkaufen und mit diesem Geld meinen Mann auslösen.‹

›Und was wirst du tun, wenn der Weizen nicht bald wächst oder wenn es eine Dürre gibt und überhaupt keiner wächst?‹, fragte ich sie.

›Wenn der Boden nichts hervorbringt, werde ich zum Gefängniswärter gehen und alles aufbieten, um ihn davon zu überzeugen, meinen Ehemann freizulassen‹, antwortete sie.
Dann begann sie zu schluchzen. ›Mein Mann ist im Gefängnis, meine Kinder hungern. Ich bin entschlossen, alles zu tun.‹«

Mit einem Seufzer setzte der Maultiertreiber seine Geschichte fort. »Als ich von der schrecklichen Not dieser Frau erfuhr, hatte ich Mitleid mit ihr und lud sie in mein Haus ein. «Bleib hier, bis ich vom Markt zurückkomme», sagte ich zu ihr. «Ich werde dir das Geld beschaffen, damit du deinen Ehemann auslösen kannst.»

Auslösen «Auf dem Markt verkaufte ich mein Maultier. Ich wusste, dass ich damit mein Auskommen verlor, doch zögerte ich nicht. Ich nahm das Geld und kehrte nach Hause zurück, gab es der Frau und sagte zu ihr: ›Hier ist genügend Geld, um deinen Mann auszulösen. Möge G’tt dich segnen, damit du nie wieder Sorgen erfährst.‹

Die Frau fiel vor mir nieder und weinte vor Glück. Dann verabschiedete sie sich und ging fort. Das ist meine Geschichte.»
«Und wie ernährst du dich und deine Familie jetzt?», fragten die Weisen. «Ich verdiene mich als Tagelöhner und arbeite auf den Feldern anderer Leute.»

Als die Weisen das hörten, sagten sie: «Du bist würdig, dass G’tt deine Gebete erhört. Es ist uns eine Ehre, dich kennenzulernen. Möge der Verdienst deiner wunderbaren Tat ganz Israel vor Hunger bewahren.»

Berlin

Berliner Rabbinerin wird Präsidentin der Rabbinical Assembly

Mit Gesa Ederberg übernimmt erstmals eine Europäerin das Spitzenamt der internationalen Organisation

 18.03.2026

Wajakhel–Pekudej

Serie mit Botschaft

In »Alles für die Liebe« geht es um Familie, Zusammenhalt und Werte, die bereits im Mischkan und heute am Pessachfest eine besondere Bedeutung haben

von Yonatan Amrani  13.03.2026

Talmudisches

Die Zahl Dreizehn

Was unsere Weisen über Vollständigkeit und gʼttliche Ordnung lehren

von Chajm Guski  13.03.2026

Unterricht

Wenn Lehrer lernen

Jüdische Religionspädagogen aus ganz Deutschland treffen sich zur Weiterbildung – und finden Wege, alte Texte mit Theater, TikTok und KI wieder lebendig werden zu lassen

von Mascha Malburg  13.03.2026

Pro & Contra

Braucht es jüdischen Feminismus?

Ja, sagt Valérie Rhein: »Weil er zu einem hierarchieloseren Miteinander beiträgt.« Nein, findet Noémi Berger: »Gleichwertigkeit ist das Fundament, auf dem jüdisches Leben gebaut ist.«

von Valérie Rhein, Noemi Berger  12.03.2026

Chabad

Europäische Rabbiner tagen in Berlin

Die Hauptstadt ist seit Montag Treffpunkt von rund 180 Rabbinern aus ganz Europa

 09.03.2026

Talmudisches

Neidisch

Was unsere Weisen über Zufriedenheit lehren

von Detlef David Kauschke  06.03.2026

Verantwortung

Zerbrochen und erneuert

Die Geschichte von Mosche und den zweiten Gesetzestafeln zeigt, dass Gestaltungswille uns den Weg zu Gott öffnet

von Paige Harouse  06.03.2026

Dialog

Judaist Rutishauser: Antisemitismus greift tief in die Psyche

Am Sonntag erhält Christian Rutishauser die Buber-Rosenzweig-Medaille für seine Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog. Was er zum Antisemitismus sagt - und warum die Gesellschaft »auf die Couch« müsse

von Leticia Witte  06.03.2026