Talmudisches

Der Rebbe als Jongleur

Seit Jahrhunderten eine jüdische Tradition: Artistik bei freudigen Anlässen Foto: Getty Images / istock

Artisten und Akrobaten, Gaukler, Jong­leure und das Jonglieren werden im Talmud fünfmal erwähnt. Der früheste erwähnte Geschicklichkeitskünstler ist Rabbi Shimon ben Gamliel. Er war sehr bekannt als großer Weiser, amtierte als Vorsitzender des Obersten Gerichtshofs und wurde schließlich Nassi (Prinz) im Sanhedrin.

Als direkter Nachkomme von König David wurde er von der gesamten Nation als Anführer hoch geschätzt.

Während des Sukkotfestes hatten die Einwohner Jerusalems den Brauch, eine Simchat Beit Haschoewa (Festfreude des Wassergießens) auf dem Altar des Tempels abzuhalten. Dabei wurde auf das Wasser Bezug genommen, das aus einer Quelle am Stadtrand entnommen und für den Tempeldienst verwendet wurde.

Prophetenvers Der Brauch basiert auf dem Prophetenvers: »Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen« (Jeschajahu 12,3).

Bei jener Feier zeigte einmal Rabbi Shimon ben Gamliel seine artistischen Fähigkeiten. Er benutzte eine selbst gemachte Requisite, die aus einem Pflock mit einem großen Docht bestand. Der wurde in Öl getränkt und in Brand gesetzt. Der Pflock leuchtete mit großer Intensität. Rabbi Gamliel warf den Pflock von einer Hand in die andere. Seine krönende Leistung war die Fähigkeit, mit acht dieser tragbaren Feuer zu jong­lieren.

Dieses Kunststück wurde im Innenhof des Tempels vor Tausenden Anwesenden aufgeführt, die entweder in Jerusalem lebten oder aus anderen Landesteilen in die Hauptstadt gepilgert waren, um das Fest zu feiern.

Szenario Neben dem Jonglieren gab es Musiker und Sänger zu hören. Dieses freudige Szenario hielt über Generationen hinweg ununterbrochen an. Leider endete es, als die römischen Eroberer Jerusalem und den Tempel zerstörten und die Bevölkerung niedermetzelten. Shimon ben Gamliel wurde eingesperrt und später geköpft. Die meisten Überlebenden dieser Verwüstung wurden schließlich ins Exil getrieben.

Doch der Versuch der Römer, das jüdische Volk zu vernichten, schlug fehl. Die schwindende Gemeinde in Judäa setzte ihre Feste auch unter dem Joch der römischen Unterdrücker fort. So erzählt man sich, dass der weise Levi bar Sissa, der beim Zusammenstellen der Mischna mitgewirkt hatte, mit acht Messern vor der feiernden Gemeinde jonglierte.

Diaspora Auch in der Diaspora führte man die Tradition des Jonglierens und der fröhlichen Feiern fort. So entstand in Babylonien eine große jüdische Exilgemeinde, in der es auch Jongleure gab. Auch der große Talmudgelehrte Schmuel bar Abba, Dekan der Akademie in Nehardea, jonglierte. Es gelang ihm, einen Akt zu perfektionieren, bei dem er mit acht Bechern Wein hantierte – ohne einen Tropfen zu verschütten!

Ein anderer herausragender Gelehrter in Babylonien, Abaje, Leiter der Akademie in Pumbedita und ein erfolgreicher Landwirt, jonglierte vor großem Publikum mit acht Hühnereiern.

Die Tradition des Jonglierens bei freudigen Anlässen hat sich über Jahrhunderte fortgesetzt. Ein Beispiel sind die Flaschentänzer in der Hochzeitsszene des Films Fiddler on the Roof (1971).

Hollywood Die Geschichte handelt von einer jüdischen Familie, die in einem kleinen Dorf im zaristischen Russland lebt. Der Autor Scholem Alejchem (1859–1916) hat die Geschichte auf seine eigenen Erfahrungen in einem solchen Dorf bezogen. In dem Hollywood-Film führt eine Gruppe von vier Hochzeitsgästen einen gut choreografierten Tanzschritt aus, während sie Weinflaschen auf dem Kopf balancieren, ohne einen Tropfen zu verschütten.

Die Rückkehr der Juden in ihre Heimat hat zu einer Verjüngung des Simchat Beit Haschoewa geführt. Heute wird die Anwesenheit von Jongleuren bei diesen und anderen Festen, einschließlich Hochzeiten, Barmizwa-Feiern und Chanukka-Partys, sehr geschätzt.

Berlin

»Unsere Verschiedenheit trennt uns nicht«

Christen, Juden und Muslime feierten gemeinsamen Fernseh-Gottesdienst

 29.03.2020

Talmudisches

Händewaschen als Mizwa

In den jüdischen Quellen gibt es klare Anweisungen zur Körperhygiene

von Rabbiner Jehoschua Ahrens  27.03.2020

Wajikra

Opfer und Segen

Wie das Judentum die materielle und die spirituelle Welt miteinander verbindet

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  27.03.2020

Gematria

Krone über der Tora

»Corona« heißt auf Hebräisch »Keter«. Was das in der jüdischen Zahlenmystik bedeutet – und wozu es uns verpflichtet

von Rabbiner Benjamin Blech  26.03.2020

Irak

Wo Jecheskel begraben liegt

In der Kleinstadt Kifl soll die Grabstelle des Propheten wieder zugänglich gemacht werden

von Beni Frenkel  26.03.2020

Homeoffice

(Nicht) allein zu Haus

Fünf Rabbiner und eine Rabbinerin erzählen, wie die Corona-Pandemie ihre Arbeit verändert hat

 26.03.2020

Jerusalem

Pessach-Teilnahme per »Zoom« erlaubt

Sefardische orthodoxe Rabbiner genehmigen älteren Menschen Videozuschaltung zum Familienseder

 26.03.2020

Corona

Hoffnung bewahren

Wie wir mit Infektion und Isolation umgehen, uns schützen, anderen helfen – und diese Krise überstehen können

von Rabbiner Avichai Apel  26.03.2020

Halacha

Vorsicht, Musik!

Warum manche rabbinischen Autoritäten das Tanzen und Klatschen am Schabbat nicht erlauben

von Rabbiner Avraham Radbil  24.03.2020