Tradition

Den Namen Israels zur Schau tragen

Selbstbewusst Foto: Uwe Steinert

In Paraschat Wajechi erblicken wir unseren Vorvater Jaakov in seinem letzten Lebensabschnitt. Nach allen Schwierigkeiten lebt er seit 17 Jahren in Frieden im Land Ägypten. Von Kindern umgeben, haben sich seine Leiden allmählich in Freuden verwandelt. Seine Lebensziele sind erreicht, die Natur fordert ihren Tribut, Jaakov wird krank.

Der Sterbende hält seine Hände über die Köpfe seiner Enkelkinder Efrajim und Menasche und spricht: »Der Engel, der von allem Bösen mich erlöste, segne diese jungen Männer. Und es werde genannt bei ihnen mein Name und der Name meiner Väter Avraham und Jitzchak. Sie mögen auf dem Land so zahlreich werden wie die Fische im Wasser« (1. Buch Moses 48,16).

Lippen Was für ein weises Zeichen liegt in diesen wenigen Worten des Patriarchen! Was für ein Aufbauplan! G’tt gebe euch Segen, sprach er. Viele sollt ihr sein und glücklich, und egal, wohin ihr geht, Reichtum und Überfluss sollen euch begleiten. Lebt aber in diesem Wohlstand so bewusst und fromm, dass der Name eurer von G’tt geliebten Väter immer auf euren Lippen schwebe. Ehrt sie durch eure Taten und werdet durch euer Verhalten würdig, ihre Nachkommen genannt zu werden.

Diese bedeutungsschweren Worte sind nicht minder an uns gerichtet. Wenn wir herangewachsen sind, erinnern sie uns daran, nicht vom rechten Weg abzuweichen. Schäme dich ja nicht, den Namen Israels zur Schau zu tragen, so wie deine frommen Väter ihn in allen Lagen des Lebens beibehielten, und sei stolz, die Werte zu vertreten, für die die Vorväter mit Leib und Seele standen.

Wir sollen stets so handeln, dass die Erinnerung an unsere toten Eltern durch unser Tun und Lassen nicht entheiligt wird. Der Segen des sterbenden Jaakov über seine Enkel wird dann gewiss auch auf uns fortwirken.

Heute, im modernen Europa wie auf der ganzen Welt, wird die menschliche Identität zur größten und gefragtesten Ware. In Zeiten der Globalisierung, da die persönlichen Merkmale verschwinden, wird auf einmal so wichtig, wer wir tatsächlich sind.

herkunft Ist man jung, will man nichts von der Tradition des eigenen Hauses wissen. Viel lieber möchte man den alten morschen Lebensbau radikal zerstören. So geschah es oft: Man bewegte sich nicht hin zu etwas, sondern entfernte sich von etwas. Doch früher oder später verschwinden diese altersbedingten Ansichten, und man begreift, wie wenig man über die eigene Herkunft weiß. Wer bin ich? Warum stößt mir dies ständig zu? Woher komme ich? Oft ist es dann zu spät. Hätte man sich bloß früher damit auseinandergesetzt! Es wäre so leicht gewesen, man hätte nur hingehen müssen und sich bei den Älteren erkundigen. Häufig gibt es keine Verbindung mehr, und niemand kann noch davon erzählen.

Das jüdische Volk braucht nicht zu fürchten, dass dies sein Schicksal wird. Wir wissen ganz genau, anhand der in den Worten der Tora verschlüsselten Grundsätze, was wir erwarten dürfen.

Gehen wir einen Schritt weiter. Wenn dem dahinscheidenden Jaakov die Verbindung zwischen den Generationen so wichtig ist, warum beauftragt er dann – so die mündliche Tora – seine Enkel Efrajim und Menasche damit, ihn in der Höhle Machpela zu bestatten? Warum wendet er sich nicht an Josef oder Ruwen, den Erstgeborenen? Oder an Jehuda, der unter den Brüdern der Angesehenste ist?

Stellen wir uns Josefs Rolle im damals modernsten Staat der Welt vor: Ihm, dem begnadeten Bevollmächtigten des Pharao, verdankt das Land seine starke Wirtschaftskraft und die militärische Überlegenheit. Ein Mann, der faktisch König ist und nur dem Pharao untersteht, kann sich nicht damit beschäftigen, in einem anderen Land Bestattungen zu organisieren.

Es wäre völlig falsch, anzunehmen, dass Jaakov seinem Sohn Josef kein Vertrauen entgegenbrächte. Vielmehr vermutete er, das wichtige Regierungsamt seines Sohnes könnte den Pharao dazu bewegen, es Josef nicht zu erlauben, das Land zu verlassen. Jaakov befürchtete, der Pharao könnte annehmen, Josef würde dann zu Hause bleiben und nicht mehr nach Ägypten zurückkehren. Aus diesem Grund beauftragt Jaakov Ephraim und Menasche mit den Vorbereitungen für seine Bestattung.

Nachkommen Da ist die gesuchte Verbindung! Die Vorväter Avraham und Jitzchak, die ihre Ruhestätte im heiligen Land gegen nichts eingetauscht hätten, leben in ihren Nachkommen weiter. So nahmen Jaakov und später auch Josef nicht die durchaus verlockende Ehre an, neben den Hohepriestern der Götzendiener in Ägypten begraben zu werden. Nein! Sie bahnten ihren Nachkommen die Wege.

Die mündliche Tora berichtet: Jahrhunderte später, beim Auszug aus Ägypten, werden auf dem 40 Jahre dauernden Weg durch die Wüste nach Hause zwei Kisten getragen. Die eine ist die Bundeslade mit den soeben am Berg Sinai erhaltenen Tafeln. Die andere enthält die sterblichen Überreste Josefs. Die Menschen, die diese Kisten sehen, fragen: »Was ist da drin?« Sie erhalten zur Antwort: »Der, dessen Knochen in der einen Kiste sind, hatte mehrere Jahrhunderte vor dem Gesetz, das in der anderen Kiste liegt, schon nach diesem gelebt.« Das ist die jüdische Verbindung zwischen Zukunft und Vergangenheit.

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin und an der Fachhochschule Erfurt.

Inhalt
Im Wochenabschnitt Wajechi segnet Jaakov die Enkel Efrajim und Menasche. Seine Söhne versammeln sich um sein Sterbebett, und an jeden von ihnen wendet er sich mit letzten Segensworten. Jaakov stirbt und wird einbalsamiert. Seinem Wunsch entsprechend wird er in der Höhle Machpela in Hebron beigesetzt. Josef verspricht seinen Brüdern, nun für sie zu sorgen. Später dann, bevor auch Josef stirbt, erinnert er seine Brüder daran, dass G’tt sie in das versprochene Land zurückführen wird. Wenn sie dorthin zurückkehren, sollen sie seine Gebeine mitnehmen. Am Ende der Parascha Wajechi, das zugleich auch das Ende des ersten Buches der Tora ist, stirbt Josef im Alter von 110 Jahren.
1. Buch Moses 47,28 – 50,26

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