Talmudisches

Das Verborgensein des Ewigen

Jeder Versuch, einen allgemeingültigen G’ttesbeweis zu liefern, ist zum Scheitern verurteilt. Foto: Getty Images / istock

Der Talmud berichtet im Traktat Baba Mezia von einer Diskussion über die ri­tuelle Reinheit eines Ofens, des sogenannten Tanur schel Achnai, des Ofens von Achnai. Es entsteht eine Diskussion wie viele andere im Talmud. Die Geschichte dieser Diskussion jedoch entwickelt sich zu einer der fundamentalsten der gesamten jüdischen Religion und wird noch Jahrhunderte später studiert werden.

Rabbi Eliezer ben Hyrkanus und die Weisen sitzen im Lehrhaus und haben eine Meinungsverschiedenheit bezüglich der Frage nach der rituellen Reinheit des Ofens von Achnai. Rabbi Eliezer ist mit seiner halachischen Meinung allein, während alle anderen Weisen ihm widersprechen.

Halacha Gemäß dem Prinzip, sich in halachischen Unklarheiten an der Mehrheit der Weisen zu orientieren (nach 2. Buch Mose 23,2), wird die Diskussion zu ihren Gunsten entschieden. Rabbi Eliezer ist allerdings nicht mit dem Ausgang dieser Diskussion einverstanden.

Er weiß, dass er im Recht ist. Er wartet mit zahlreichen Wundern auf, um zu beweisen, dass er richtigliegt. Doch die Weisen zeigen sich unbeeindruckt. In einem letzten Versuch, seine Opponenten umzustimmen, ruft er G’tt höchstpersönlich in den Zeugenstand.

Da verkündet eine himmlische Stimme: Die Halacha orientiert sich immer an der Meinung von Rabbi Eliezer ben Hyrkanus! Die Rabbinen zeigen sich immer noch unbeeindruckt. Sie entgegnen: »Die To­ra ist nicht im Himmel« (5. Buch Mose 30,12) und setzen sich durch.

Der Talmud berichtet, dass Rabbi Na­than den Propheten Elijahu fragte, wie G’tt denn reagierte, als sich die Rabbinen seiner Stimme widersetzten. Elijahu sagte, G’tt habe gelächelt und entgegnet: »Meine Kinder haben mich besiegt.«

Meinung Diese Geschichte ist für das Verständnis des jüdischen Religionsgesetzes, der Halacha, von essenzieller und maßgeblicher Bedeutung. Die Meinung der Weisen, die sich auf die Tora berufen, ist gewichtiger als eine g’ttliche Offenbarung.

Die Halacha ist in allererster Linie Konsens. Gleich der unvokalisierten To­rarolle, die erst in den vom Leser ausgehenden Tönen ihre Vokalisierung findet, erfährt der g’ttliche Wille seine Vokalisierung im Konsens der Weisen. Es ist kein in Stein gemeißelter Kodex, sondern ein Prozess praktischer Gesetzgebung, der der geistigen Evolution und Evaluation unterliegt.

Ich möchte einige Schritte zurückgehen. Das hebräische Wort für »Welt« ist Olam. Es ist eng verwandt mit dem Wort »Ha’alama« – Verbergen. Die hebräische Sprache lehrt uns, dass die Existenz der Welt etwas verbirgt – die Existenz G’ttes. G’tt ist verborgen.

Jeder Versuch, einen allgemeingültigen G’ttesbeweis zu liefern, ist zum Scheitern verurteilt, denn die Existenz der Welt lässt nur die Verborgenheit G’ttes zu.

konsens Halacha, eng verwandt mit dem Wort Halicha (das Gehen), ist der jüdische Konsens darüber, wie man sich in einer g’tt-verborgenen Welt mit G’tt verbindet, zu G’tt geht.

Der Prophet Jeschajahu sagt: »Haus Jakow – auf, wir wollen gehen im Licht des Ewigen« (2,5). Das Gehen im Licht G’ttes, die Halacha, ist ein Ventil für den Wunsch des Endlichen, sich mit dem Unendlichen zu verbinden. Aus dem halachischen Konsens bildet sich neben dem Ventil aber auch ei­ne Messlatte, um die Verbindung (das hebräische Wort für Gebot – »Mizwa« – kommt von dem Wort »Zawta« – Verbindung) mit der Unendlichkeit zu messen.

Der Religionsphilosoph Jeschajahu Leibovitz wurde einmal gefragt, ob eine Verbindung mit G’tt möglich ist: »G’tt ist so unendlich und allumfassend. Wie soll man sich die Verbindung mit dieser Kraft vorstellen?« Derjenige, der die Frage gestellt hatte, hatte sich währenddessen eine Zigarette angezündet. Leibovitz antwortete, die Verbindung zu G’tt könne zum Beispiel durch das Verzichten auf die Zigarette am Schabbat hergestellt werden – eine Kollision von Irdischem und Himmlischem.

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