Als wir beim vergangenen Seder voller Hoffnung die Worte sprachen: »Leschana haba bnej chorin« – nächstes Jahr werden wir frei sein –, dachten viele von uns an die damals noch in Gaza verbliebenen Geiseln. 59 waren es zu jener Zeit, 24 davon noch am Leben, gefangen unter unvorstellbaren Bedingungen in der Finsternis der Tunnel. Es war eine Dunkelheit, die an »Makat Choschech« erinnerte, jene Plage, von der es heißt, dass man seinen Nächsten, Verwandte und Freunde nicht sehen konnte und jede Bewegung unmöglich war.
Nun, ein Jahr später, dürfen wir sagen, dass unsere Gebete erhört wurden. Alle Geiseln sind zurück in Israel, und diejenigen, die überlebt haben, können erstmals wieder gemeinsam mit ihren Familien den Seder feiern.
Auch wenn der Weg zur inneren Heilung von diesem Trauma noch lang ist, so ist allein das Wunder ihrer Befreiung Grund genug, aus vollem Herzen »Dajenu« zu sagen und Hallel zu sprechen.
Und doch bleibt auch in diesem Jahr unsere Freude nicht ungetrübt. Der anhaltende Krieg bringt eine schmerzvolle Mischung aus Trauer um die Getöteten und Verletzten sowie eine tiefe Ungewissheit über das, was noch vor uns liegt.
Und so sprechen wir auch in diesem Jahr: »Nächstes Jahr werden wir frei sein!«
Trotz allem aber beten wir weiter und hoffen auf Erlösung – für das Volk Israel, für die Menschen, die im Iran in Unfreiheit leben, für die gesamte Region und für die Welt. Und so sprechen wir auch in diesem Jahr: »Leschana haba bnej chorin.«
Dabei sind wir uns bewusst, dass auch unsere Vorfahren diese Worte über Jahrhunderte hinweg gesprochen haben – oft unter noch weitaus schwierigeren Umständen. Von Generation zu Generation: Wir Juden verleugnen niemals die bittere Realität, doch wir weigern uns, die Zuversicht zu verlieren. Gerade in Zeiten der Krise bewahren wir unsere Hoffnung.
Ein besonderer Ausdruck dieser unerschütterlichen Zuversicht ist der Brauch am Seder, die Haustür für Elijahu den Propheten zu öffnen. Es ist die Hoffnung auf die Erfüllung der Worte, die wir in der Haftara zu Schabbat HaGadol beim Propheten Malachi 3:23 lesen: »Siehe, ich sende euch Elijah, den Propheten, bevor der Tag des Ewigen kommt.«
Elijahu Hanawi bringt gute Nachrichten, Erlösung und Trost. Genau das brauchen wir heute mehr denn je.
Elijahu Hanawi bringt gute Nachrichten, Erlösung und Trost. Genau das brauchen wir heute mehr denn je. Und nichts soll uns davon abhalten, auch dieses Jahr die Tür weit zu öffnen und für Elijahu einen schönen Becher Wein einzuschenken – den »Koss schel Elijahu«.
In meiner Familie haben wir dazu einen herzigen Brauch: Jeder gießt ein wenig von seinem eigenen Wein in den Becher von Elijahu. Und nach einigen Minuten fragen wir die Kinder schmunzelnd:
»Und? Was denkt ihr? Hat Elijahu wohl schon heimlich einen Schluck genommen?«
Trauben können zu süßem Wein werden – oder zu saurem Essig.
Dabei liegt die eigentliche Pointe gerade darin, dass der Koss schel Elijahu unberührt bleibt. Denn er gehört nicht zu den vier anderen Kossot, den vier Bechern Wein, von denen wir an Pessach tatsächlich trinken – entsprechend den »Arba leschonot ge’ula«, den vier Ausdrücken der Befreiung, die wir in der Exodusgeschichte lesen (2. Buch Mose 6:6-8): »wehozeiti« – ich werde euch hinausführen, »wehizalti« – ich werde euch retten, »wega’alti« – ich werde euch erlösen, und »welakachti« – ich werde euch zu meinem Volk nehmen.
Diese vier Schritte zur Freiheit hat G’tt bereits beim Auszug aus Ägypten mit uns genommen. Doch der fünfte Ausdruck, »weheweiti« – ich werde euch bringen –, gehört noch zur Zukunft.
So wie Haschem uns aus Ägypten befreite, wird Er uns erneut erlösen
Der Chafez Chajim erklärt in seinem Hauptwerk, der Mischna Berura (480:10), dass der Becher für Elijahu etwas andeutet: So wie Haschem uns aus Ägypten befreite, wird Er uns erneut erlösen und Elijahu senden, um uns dies zu verkünden. Darum füllen wir diesen fünften Becher voller Hoffnung – doch wir trinken ihn noch nicht. Denn wir wissen: Die Zeit ist noch nicht reif, aber wir warten geduldig. Und wir geben die Hoffnung niemals auf.
Wein ist das perfekte Symbol für diese Geduld. Denn Wein verlangt Zeit, Reifung und Hingabe. Presst man Trauben, erhält man zunächst nur Saft – süß, aber vergänglich. Um jedoch zu kostbarem Wein zu werden, braucht es einen langen Prozess, viel Arbeit und Ausdauer.
Und wenn man nicht aufpasst, wird aus edlem Wein saurer Essig. So steckt bereits in jeder Traube ein doppeltes Potenzial – zum Guten wie zum Schlechten. Und selbst wenn der Wein einmal gereift ist, bleibt die entscheidende Frage: Was machen wir daraus?
Man kann Wein missbrauchen – indem man sich betrinkt und sich selbst oder anderen schadet. Oder man kann den Wein erheben, ihn heiligen und für Mizwot verwenden.
Man kann Wein missbrauchen – für Awoda Sara, den Götzendienst, oder indem man sich betrinkt und sich selbst oder anderen schadet. Oder man kann den Wein erheben, ihn heiligen und für Mizwot verwenden: beim Kiddusch am Schabbat und Jom Tow, unter der Chuppa, bei einer Brit Mila oder eben beim Seder. Darum sagt der Talmud in Taanit 7b: So wie Wein durch Unachtsamkeit verdirbt, so können auch die Worte und Werte der Tora verloren gehen, wenn wir sie nicht bewusst bewahren. Genau darin liegt das Wesen unserer freien Wahl: in der Verantwortung, aus unserem Potenzial etwas zu machen. Nicht umsonst sagen einige Weisen, dass die Frucht vom Baum der Erkenntnis kein Apfel, sondern eine Traube gewesen sein könnte (Talmud Berachot 40a). Denn die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu wählen, ist untrennbar verbunden mit der Verantwortung für unser Handeln.
Als wir aus Ägypten auszogen, waren wir wie zerdrückte Trauben: Das Potenzial war bereits in uns angelegt – doch wir waren noch weit davon entfernt, es voll zu entfalten. Auf dem Papier waren wir frei – aber innerlich noch lange nicht. Denn ein freigelassener Sklave ist noch kein wirklich freier Mensch.
Zwei Worte für Freiheit
Wie Rabbiner Shlomo Riskin betont, kennt das Hebräische zwei unterschiedliche Begriffe für Freiheit: »Chofesch« und »Cherut«. »Chofesch« beschreibt die Freiheit, die ein Mensch erhält, wenn er von äußerer Arbeit befreit wird. So heißt es im 2. Buch Mose 21,2 über den hebräischen Diener: Sechs Jahre soll er arbeiten, doch im siebten geht er frei hinaus, ohne Verpflichtung. »Chofesch« beschreibt das, was Erich Fromm als »Freiheit von etwas« bezeichnet.
Von der Sicherheit der Unfreiheit zur Unsicherheit der Freiheit.
Das Schwierige an der neu gewonnen Freiheit ist, sich in einer unvorhersehbaren und sich ständig verändernden Wirklichkeit zurechtzufinden. Es ist, wie Fromm schreibt, der Übergang »von der Sicherheit der Unfreiheit zur Unsicherheit der Freiheit«.
Denn Freiheit kann überfordern. Immer wieder sehen wir, wie schwer es ist, mit plötzlich gewonnener Freiheit umzugehen – sei es bei einzelnen Menschen oder bei ganzen Gesellschaften, die nach Jahrzehnten der Unterdrückung von einem Tag auf den anderen aus der Tyrannei entlassen werden. Das sehen wir heute zum Beispiel in Syrien nach dem Sturz Assads, und es kann auch im Iran passieren, wenn das Terrorregime zusammenbricht.
Wie also geht man richtig mit der neu gewonnenen Freiheit um? Hier gibt uns Viktor Frankl, der als Schoa-Überlebender die Abgründe der Unfreiheit selbst erlebt hat, eine tiefe Einsicht in seinem Werk … trotzdem Ja zum Leben sagen: dass der Mensch in erster Linie nicht nach Lust oder Macht strebt, sondern nach Sinn und Bedeutung.
Darum reicht »Chofesch« allein nicht aus. Freiheit von etwas muss verwandelt werden in »Cherut« – Freiheit zu etwas.Denn wahre Freiheit bedeutet nicht, einfach tun und lassen zu können, was man will. Wahre Freiheit – »Cherut« – bedeutet vielmehr, ein bewusstes, sinnvolles und verantwortungsvolles Leben zu führen.
Für uns bedeutet »Cherut«, Freiheit, vor allem eines: »Achrajut« – Verantwortung
Für uns als Menschen, geschaffen im Ebenbild G’ttes, bedeutet »Cherut« vor allem eines: »Achrajut« – Verantwortung.
Haschem hat uns nicht nur aus Ägypten herausgeführt, damit wir einfach »frei haben«, sondern um uns eine Aufgabe zu geben. Nicht nur: »Let my people go«, sondern vielmehr: »Schlach et ami weja’awduni« – »Lass Mein Volk ziehen, damit es Mir dient«.
Freiheit ist kein Selbstzweck. Sie ist die Voraussetzung für unsere Bestimmung und unsere Verantwortung. Das hebräische Wort für Verantwortung, Achrajut, offenbart dies bereits in seinem Kern: Es birgt die Buchstaben der Freiheit (Cherut) in sich und entfaltet eine Bewegung, die beim Bruder (Ach) beginnt, den anderen, (Acher) einschließt und im mutigen Vorangehen – dem Acharai (Mir nach!) – gipfelt. Hierin liegt der wahre Kern der Cherut: Es ist die schöpferische Freiheit zu etwas, weit erhaben über die bloße Chofesch, die Freiheit von etwas. Wie der gute Wein, der erst durch Zeit, Geduld und Reifung sein volles Potenzial entfaltet und unter den richtigen Bedingungen mit den Jahren nur noch besser wird. Diese Einsichten können auch uns gerade in unserer aktuellen Situation eine wichtige Perspektive geben, indem wir verstehen: Wahre Freiheit entsteht nicht von heute auf morgen. Sie braucht Zeit, Geduld und Ausdauer.
Als Juden schöpfen wir aus einer jahrtausendealten Erfahrung von Hoffnung, Durchhaltevermögen und Vertrauen in G’tt. Darum trinken wir am Seder vier Becher Wein, um uns daran zu erinnern, dass Freiheit schrittweise kommt.
Und darum öffnen wir – trotz aller Herausforderungen – die Tür für Elijahu Hanawi und schenken ihm einen eigenen Becher ein, weil wir uns weigern, die Hoffnung draußen stehen zu lassen.
Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich.