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Das Ding kann beten

Sprachassistenten sind Helfer, denen wir aber niemals unser Gespräch mit G’tt überlassen sollten. Foto: Marco Limberg

Briten können mit Alexa beten.» Diese Meldung, die vor einigen Wochen durch die Medien ging, hatte mich neugierig gemacht. Denn da hieß es, dass die Church of England einen neuen Dienst eingerichtet hat, der «Alexa» – dem Sprachassistenten von Amazon – alle möglichen Gebete beigebracht hat. Auf Kommando liest Alexa ein Morgen- oder Abendgebet vor oder spricht einen Segen vor der Mahlzeit. Außerdem kennt sich Alexa mit Hochzeiten aus und weiß über Beerdigungen Bescheid. Der Sprachassistent ist zudem in der Lage, die nächste Kirche in der Nähe zu finden. Shkoyach!

Nun kamen mir gleich mehrere Fragen in den Sinn. Die erste: Wenn unser Judentum doch sozusagen die Mutter aller abrahamitischen Religionen ist, kann es dann sein, dass unsere jüngeren Brüder der Kirche uns im Digitalzeitalter etwas voraus haben?

apps Ein Blick ins Netz beruhigte mich. Für «Siri», den Sprachassistenten von Apple, haben schlaue jüdische Köpfe wohl schon vor Jahren solche Apps erfunden. Und auch für Alexa gibt es entsprechende Dienste, die einem zum Beispiel die tägliche Talmudseite, Daf Yomi, oder die Tehillim, also Psalmen des Tages, vorlesen. Alexa kann auch Omer zählen.

Alexa soll beim Sprechen noch ein bisschen Schwierigkeiten haben, die hebräischen Begriffe (also Chanukka mit dem richtigen «Ch» und so) richtig zu prononcieren. Siri ist da schon weiter, habe ich gehört, soll schon perfekt Hebräisch können, Jiddisch wohl auch ein bisschen.

Ich habe es noch nicht ausprobiert – obwohl ich mit Siri schon die eine oder andere Konversation hatte. Aber die führte irgendwie nicht wirklich weiter. Denn wenn auf die Frage: «Hey Siri, gibt es einen G’tt?» die verwirrenden Antworten «Ich glaube fest an die Trennung von Geist und Silizium» oder «Auf solche Fragen bin ich wirklich nicht eingestellt» kommen, dann ist für mich das Gespräch beendet.

minjan Aber dennoch sind diese Sprachassistenten auch in unserer Gemeinde immer wieder ein Thema. Darauf müssen wir uns einstellen. Wenn Alexa beten kann, darf sie dann einen Minjan ergänzen? Kann ich mit dem Sprachassistenten Tora lernen? Kann Alexa die Brachot für mich vorsprechen? Was mache ich damit am Schabbat?

Grundsätzlich gilt: Neue Technologien sollen uns helfen. Gut, dass es sie gibt, wir müssen sie nur richtig nutzen. Und Sprachassistenten sind eben Helfer, aber denen sollten wir niemals unser Gespräch mit G’tt überlassen! Das jüdische Gebet ist auch kein individuelles Gebet. Es wird immer im Plural gesprochen. Es geht nicht um mich, sondern um uns. Und gemeinsam beten bedeutet auch, gemeinsam da zu sein. Menschen treffen, Menschen kennenlernen. Gemeinsam Trauer oder Freude, Armut oder Reichtum, Stärke oder Schwäche zu spüren.

Und Mitmachen ist die erste Regel des Gebets. Der Vorbeter und der Rabbiner sind genau wie jeder andere am G’ttesdienst beteiligt. Niemand gilt bei uns als Vermittler, Helfer oder Assistent. Jeder soll für sich, das heißt, für alle beten.
Also nichts für Sprachassistenten. Die können uns in anderen Bereichen behilflich sein: Sie können uns erinnern, sie können uns mit Wissenswertem versorgen, wir können mit ihnen lernen. Und vieles mehr.

bracha Warum sollten uns Siri, Alexa & Co. nicht im Zweifelsfall verraten, welche Bracha wir über bestimmte Speisen oder Getränke sprechen dürfen? Warum sollten wir dadurch nicht auch die Zeiten fürs Kerzenzünden und den Schabbatbeginn oder die Adresse der nächsten Synagoge erfahren? Texte aus Tora und Talmud können sie uns doch auch vorlesen, jüdische Musik vorspielen. Wunderbar.

Aber nicht am Schabbat! Auch wenn man eine Zeitschaltuhr hätte, die Alexa automatisch an- oder ausstellt, würde das gegen die Halacha verstoßen. Schabbat hat seine ganz besondere Atmosphäre – und die soll weiter gehalten werden. Einen Tag in der Woche offline zu sein, ist ein ganz besonderer Luxus: echte Freiheit!

Und noch etwas: Wenn wir sie nicht ausschalten, laufen die Dinger im Hintergrund weiter – auch wenn wir Siri oder Alexa am wöchentlichen Ruhetag nicht direkt ansprechen, also mit dem Aktivierungswort in Betrieb nehmen. Ich habe gehört, dass Alexa auch schon mal beim Wort «Alaska» anspringt. Nicht auszudenken, wenn die Frau oder Tochter Alexa heißt. Einige Datenschützer warnen, dass das Gerät die ganze Zeit Gesagtes aufnimmt, speichert und analysiert.

schabbat Das ist für rabbinische Experten, die sich mit Technologiefragen befassen, Grund genug, den Rat zu geben, die Sprachassistenten auf jeden Fall am Schabbat lahmzulegen. Auch wenn es in Zeiten, in denen wir immer mehr Geräte im Haus vernetzen, nicht so einfach erscheint – sagen Sie: «Alexa, Schabbat Schalom!» Sie können es am Samstagabend wieder anschalten.

Übrigens habe ich es jetzt bei Apples Sprachassistent doch noch einmal mit der schon erwähnten Frage «Hey Siri, gibt es einen G’tt?» versucht. Darauf kam die Antwort: «Ich schlage vor, dass du dich mit spirituellen Fragen an jemanden wendest, der kompetenter ist. Wie wäre es mit einem menschlichen Wesen?» Das Ding ist doch schlauer, als ich dachte.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main und Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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