Tempeldienst

Brustschild und Turban

»Hoher und niederer Priester«, Farblithographie, Weimar um 1880 Foto: dpa

Tempeldienst

Brustschild und Turban

Der Hohepriester trug besondere Kleidung. Jedes Stück hatte symbolische Bedeutung

von Rabbiner Nils Ederberg  24.02.2015 10:21 Uhr

Der Karneval ist vorbei!», sagte Papst Franziskus nach seiner Wahl vor knapp zwei Jahren und weigerte sich, den mit Spitze besetzten Überwurf zu tragen, den ihm ein Kardinal als Zeichen seines neuen Amtes umlegen wollte. Auch die roten Schuhe und vieles andere möchte er nicht tragen. Diese bewusste Abgrenzung zur überlieferten Kleiderordnung brachte dem neuen obersten Priester der katholischen Kirche viel Sympathie ein.

Auch unser Wochenabschnitt Tezawe berichtet von den Kleidern eines neuen obersten Priesters. Aharon, der Bruder von Mosche und Miriam und erste Hohepriester Israels überhaupt, soll beim Gottesdienst im Heiligtum acht Kleidungsstücke tragen: das Choschen, ein mit Juwelen verzierter Brustschild; das Ephod, ein fünffarbiges Obergewand; das Me’il, ein langes hellblaues Unterkleid; das Ketonet Taschbetz, ein vielfarbiges Untergewand; das Mitznefet, eine Art Turban; das Awnet, einen Gürtel; das Tzitz Sahaw, eine goldene Platte auf der Kopfbedeckung, und schließlich die Michnesei Bad, Hosen aus Leinen.

Nicht alle diese Teile werden so beschrieben, dass wir sie uns genau vorstellen können. Und keines dieser Kleidungsstücke wurde in den 1945 Jahren seit der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahre 70 getragen. Eine einzige Auswirkung dieser hohepriesterlichen Kleidung auf unsere heutige Praxis ist das Verbot von Schatnes, also Kleidung, die aus einer Mischung von Wolle und Leinen besteht. Die explizite Verbindung von Schatnes und den Gewänden des Priesters lesen wir allerdings erst bei Josephus im ersten Jahrhundert.

Opfer Wie haben die Rabbinen der Mischna und des Talmud diesen Text verstanden in einer Zeit, als keine Opfer mehr im Tempel dargebracht wurden, die Erinnerung aber noch relativ frisch war? Am Weitesten geht die Deutung in Traktat Sewachim 88b: «Wie die Opfer Sühne schaffen, so schaffen auch die priesterlichen Gewänder Sühne.»

Das Ketonet Taschbetz sühnt Blutvergießen, denn die Brüder Josefs sandten Jakow den blutbefleckten bunten Rock, den Josef getragen hatte. Die Leinenhosen sühnen sexuelle Vergehen, denn sie dienen der Verhüllung des Geschlechts. Die anderen Kleidungsteile sühnen sündhafte Gedanken, Rechtsverletzungen, Götzendienst und Verleumdungen.

Im Gegensatz zu anderen rabbinischen Deutungen ist dies aber kein Versuch, das, was der Opfergottesdienst im Tempel leistete, in einer neuen Zeit ohne Tempel ebenfalls zu erreichen. Die Opfer sind genauso Vergangenheit wie die Kleidung des Hohepriesters. Auch spätere Deutungen, die die verschiedenen Kleidungsstücke als Erinnerung und Warnung an den Hohepriester verstehen und sie auf die diversen Schwächen aller Menschen beziehen, an denen selbst er Teil hat, sind Erinnerung an Vergangenes.

Regeln Im Gegensatz zur ausführlichen Schilderung der Gewänder des obersten Priesters gibt es in der Tora kaum Hinweise darauf, wie sich normale Juden – und Priester außerhalb des Tempels – anziehen sollen. Aus unserem Text werden jedenfalls keine Regeln dafür abgeleitet.

Eine der wenigen expliziten Regeln der Tora ist das Verbot von Crossdressing: Männer sollen keine Frauen- und Frauen keine Männerkleidung tragen. Gerade an Purim, das nächste Woche gefeiert wird, ist genau dies aber nach Auffassung vieler Rabbiner erlaubt. Auch hängt es stark von den lokalen Gewohnheiten der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft ab, was jeweils zu einer Zeit und an einem Ort als Männer- und was als Frauenkleidung verstanden wird.

Trotz dieses Mangels an ausdrücklicher Halacha haben sich im Judentum immer wieder Kleidungsgewohnheiten entwickelt, die Juden anders aussehen lassen als die Mehrheit. Der Gedanke ist hierbei, durch Kleidung, eine Art Uniformierung, und die dadurch gegebene Erkennbarkeit als Juden eine Befolgung jüdischer Regeln hervorzubringen: Kleider machen Leute und normieren Verhalten.

In der westlichen Welt wird Kleidung heute meist anders verstanden. Jeder und jede soll sich nach den eigenen Vorstellungen anziehen können, soll durch die persönliche Wahl der Kleidung die jeweilige Individualität nach außen zeigen dürfen. Hier gilt: Leute machen Kleider, und es gibt keine verpflichtenden Normen.

Macht Wenn man das Beispiel des neuen Papstes noch einmal aufnimmt und genauer betrachtet, dann ist auf einmal gar nicht mehr so klar, wie die Verweigerung hergebrachter Kleidungsnormen zu verstehen ist. Was auf den ersten Blick als Bescheidenheit erscheint, verhüllt vielleicht einen viel größeren Machtanspruch: Die Kleidung, die mit meinem Amt einhergeht, brauche ich nicht zu tragen, ich stehe über dem Amt. Der Chef braucht sich nicht an Regeln zu halten.

Diese Ambivalenz des Umgangs mit bestehenden Kleiderordnungen kann uns dafür sensibilisieren, dass es letztlich weniger darauf ankommt, bestimmte vorgegebene Kleiderordnungen einzuhalten, als darauf, wie wir dies tun. Natürlich hat jede Gesellschaft bestimmte Mindestnormen, und wer durch seine Kleidung als Mitglied einer bestimmten Gruppe erkennbar ist, der hat einen starken Anreiz, sich gesellschaftskonform zu verhalten. Letztlich kann aber unter jeder Verhüllung ein guter oder eben auch ein schlechter Mensch stecken.

Der Autor lehrt am Institut für Jüdische Theologie der Universität Potsdam.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Tezawe berichtet davon, wie den Kindern Israels aufgetragen wird, nur reines Olivenöl für das ewige Licht, das Ner Tamid, zu verwenden. Auf Geheiß des Ewigen soll Mosche seinen Bruder Aharon und dessen Söhne Nadav, Avihu, Eleazar und Itamar zu Priestern machen. Für sie übermittelt die Parascha Bekleidungsvorschriften. In einer siebentägigen Zeremonie werden Aharon und seine Söhne in das Priesteramt eingeführt. Dazu wird Aharon angewiesen, Weihrauch auf einem Altar aus Akazienholz zu verbrennen.
2. Buch Mose 27,20 – 30,10

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