Schabbat

Bittere Frage

Der Wochenabschnitt Dewarim beginnt mit dem gleichen Wort wie das Buch der Klagelieder

von Rabbiner Jaron Engelmayer  20.07.2015 18:31 Uhr

Zerstörung des Tempels von Jerusalem (Carl von Rotteck, Stahlstich, 1842) Foto: dpa

Der Wochenabschnitt Dewarim beginnt mit dem gleichen Wort wie das Buch der Klagelieder

von Rabbiner Jaron Engelmayer  20.07.2015 18:31 Uhr

Selten wird der Wochenabschnitt Dewarim wie dieses Jahr an Tischa beAw, dem 9. Aw, gelesen. Da das Datum des Fastentages auf den Schabbat fällt, wird das Fasten auf den Sonntag verschoben. Stets jedoch wird der Abschnitt unmittelbar vor Tischa beAw gelesen. So werden wir bereits am Schabbat auf die Klagelieder eingestimmt, wenn während der Toralesung unvermittelt die übliche Melodie wechselt und statt ihrer die Melancholie der an Tischa beAw gelesenen Megillat Ejcha unsere Ohren erreicht – nur für einen Vers: »Wie soll ich allein eure Mühe, eure Last und eure Streiterei tragen?« (5. Buch Mose 1,12).

Aus diesen Worten spricht unverkennbar Mosches Resignation. Der Vers beginnt mit demselben Ausdruck wie die Klagelieder: »Ejcha!« So eröffnet der Prophet Jirmejahu seine Klagen: »Wie sitzt sie einsam, die Stadt viel Volks, sie wurde zur Witwe« (Ejcha 1,1). In der Megilla wird die Zerstörung des Ersten Tempels betrauert, doch der Ausruf »Ejcha!« drückt zugleich die inhaltsschwere Frage aus: Wie konnte es nur so weit kommen? Wie konnte das scheinbar gesicherte Leben so plötzlich umkippen und zunichtegemacht werden? Und wie konnte das für die Ewigkeit gedachte Heiligtum in so kurzer Zeit zerstört werden?

Verwunderung Auch im fünften Kapitel des Buches Jeschajahu kommt dieselbe Art von Verwunderung zum Ausdruck: In einer prophetischen Beschreibung wird das Volk Israel mit einem Weinberg verglichen, der mit viel Aufwand gepflegt wurde und trotzdem dem Verfall anheimfiel. Wie ist so etwas nur möglich? Wie konnte ein Volk, das von g’ttlicher Seite mit allem ausgestattet und bedacht wurde, was es brauchte, eine derart tiefe Stufe erreichen, sodass es der Zerstörung hilflos ausgesetzt war?

Dem Wort »Ejcha« begegnen wir zum ersten Mal in der Tora bei Adam, dem ersten Menschen, unmittelbar nach seiner Sünde, infolge derer er sich vor G’tt zu verstecken versuchte. Noch in seinem Versteck verharrend, wird Adam von G’tt angerufen: »Ajekka?« (1. Buch Mose 3, 8–9), im Hebräischen mit denselben Buchstaben geschrieben wie »Ejcha« (nur andere Punktierung).

Während in den Klageliedern von der Vertreibung des Volkes aus dem Land Israel die Rede ist, geht es hier um die Vertreibung Adams aus dem Garten Eden. Doch schon dort tauchte dieselbe Frage auf: »Ejcha?« – »Wie?« Wie war es möglich, dass der soeben von G’ttes Hand erschaffene Mensch sich in so kurzer Zeit zur Sünde verleiten ließ? Wie konnte ein Wesen, das so rein erschaffen wurde und auf einer geistig so hohen Stufe stand, in wenigen Augenblicken so tief fallen, dass es sich sogar vor seinem Schöpfer zu verstecken versuchte, obwohl dies gar nicht möglich ist?

Entscheidung Doch der Ausruf »Ejcha« vermittelt nicht allein die Verwunderung, sondern vor allem die Antwort darauf: Der Ertrag eines Weinbergs steht mehr oder weniger in direktem Verhältnis zum Aufwand, der in ihn investiert worden ist. Oder mit einem modernen Vergleich verdeutlicht: Ein Computer gibt das wieder, womit er gespeist wird. Nicht so der Mensch. Er besitzt eine weitere Eigenschaft, die ihm einen speziellen Platz innerhalb der Schöpfung zuweist: Er besitzt den freien Willen, die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen und frei zwischen gut und schlecht, recht und unrecht zu wählen. Doch dabei sollte er immer das »Ejcha«, die mit seiner Entscheidung verbundenen Folgen, bedenken und sich stets dessen bewusst sein, dass sowohl die Vertreibung Adams aus dem Garten Eden als auch die Zerstörung des Tempels Folgen dessen sind, dass der freie Wille missbraucht wurde.

Vor der verheerenden Zerstörung des Tempels und der Vertreibung des Volkes aus Israel herrschte im Volk der Glaube, dass nichts und niemand das Heiligtum zerstören könne. Schließlich war es Zeichen und Ausdruck des ewigen Bundes zwischen G’tt und dem jüdischen Volk. Und genauso wie G’tt und sein Bund ewig sind, so würde auch der Tempel ewig stehen.

Diese Annahme erwies sich jedoch als Irrtum: Es stimmt, der Tempel verkörperte den Bund zwischen G’tt und den Israeliten. Aber als das Volk durch seine Sünden die Zerstörung des Tempels herbeiführte, hieß das nicht, dass auch G’tt Seinerseits den ewigen Bund zunichtemachen würde (3. Buch Mose 26, 44–45). Das Verhalten des Volkes führte jedoch dazu, dass sich die Schechina, die Gegenwart G’ttes, vom Tempel zurückzog. Damit wurde aus dem Heiligtum ein gewöhnliches Haus aus leblosem Material. Es zu zerstören, war kein Wunderwerk und hatte keine innere Bedeutung mehr.

BEstrafung Der Talmud (Taanit 29a) stellt die Frage, warum wir die Zerstörung des Tempels am 9. Aw betrauern, obwohl er doch erst gegen Ende dieses Tages angezündet wurde und der größte Teil erst am darauffolgenden Tag abbrannte? Die Antwort des Talmuds lautet: Es kommt auf den Beginn der Bestrafung an. Aber weshalb?

Dass der Brand im G’tteshaus entfacht werden konnte, war ein Zeichen dafür, dass sich die g’ttliche Gegenwart von ihm zurückgezogen hatte, denn davor wäre so etwas nicht möglich gewesen. Was wir in Wirklichkeit also betrauern, ist, dass G’tt seine offenbare Anwesenheit aus dem Tempel zurückzog, was am 9. Aw geschah – und nicht die physische Vernichtung von toter Materie, die größtenteils am 10. Aw stattfand.

Auch Mosche wurde dazu veranlasst, »Ejcha!« zu rufen: »Wie soll ich allein eure Mühe, eure Last und eure Streiterei tragen?« (5. Buch Mose 1,12). Das Volk Israel wanderte unter direkter g’ttlicher Aufsicht in der Wüste umher. Es war dabei weder von außen bedrängt, noch musste es sich darüber Gedanken machen, woher es Essen und Kleidung bekommen sollte (5. Buch Mose 8, 3–4). Wären das nicht ideale Voraussetzungen, um einträchtig und in Frieden, in brüderlicher Liebe gemeinsam durch die Wüste zu ziehen? So rief es bei Mosche denn auch umso größere Verwunderung hervor, dass trotzdem so viele Streitereien im Volk aufkamen, dass sie ihm regelrecht zur Last wurden.

Mögen diese Tage vor Tischa beAw im Zeichen der Einheit und Liebe stehen, vergangene Sünden wiedergutmachen und daraus die Grundlage für den Bau des Tempels und die Erlösung entstehen.

Der Autor war Rabbiner der Synagogen-Gemeinde Köln. Seit März amtiert er in Karmiel/Israel.

Inhalt
Mit dem Wochenabschnitt Dewarim beginnt das fünfte Buch der Tora. Er erzählt vom 40. Jahr, in dem Mosche am Ersten des elften Monats zu den Kindern Israels spricht. Sie stehen kurz vor der Überquerung des Jordans, und Mosche blickt auf die Reise zurück. Er erinnert an die schlechten Nachrichten der Spione und sagt, dass Jehoschua an seine Stelle treten wird. Dann erinnert Mosche an die 40-jährige Wanderung und die Befreiung der ersten Generation aus Ägypten. Seiner Meinung nach gehört das, was die Eltern erlebt haben, zum Schicksal ihrer Kinder. Wozu sich die Vorfahren am Sinai verpflichtet haben, ist auch für die Nachkommen bindend. Es wird bestimmt, mit welchen Völkern sich die Israeliten auseinandersetzen dürfen und mit welchen nicht. Mosches Bitte, das Land Israel doch noch betreten zu dürfen, lehnt G’tt ab.
5. Buch Mose 1,1 – 3,22

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