Gebet

Beim ersten Hahnenschrei

Der Hahn wird im ersten Segen benannt. Foto: Getty Images

Es existiert ein offensichtlicher Widerspruch zwischen zwei Versen in den Psalmen: Einerseits sagt Vers 24,1, dass Gʼtt die Welt besitzt, doch der Pasuk in 115,16 beschreibt, dass das Land der Menschheit vermacht wurde. Der Talmud erklärt, dass tatsächlich alles Haschem gehört, aber sobald ein Mensch eine Bracha, einen Segensspruch, über ein bestimmtes weltliches Vergnügen rezitiert, erlangt er dieses.

Aus diesem Grund führten die Weisen eine Reihe von Segenssprüchen ein, die jeden Morgen rezitiert werden sollen, wobei jeder Segen einem anderen der verschiedenen weltlichen Vorteile und Vergnügen entspricht. So machen wir die Welt jeden Morgen erneut »zu unserer« – aber erst, nachdem wir Gʼtt darum gebeten haben.

Verpflichtung, mindestens 100 Segenssprüche am Tag zu sprechen

Außerdem wurden diese Segenssprüche eingeführt, damit wir die Verpflichtung, mindestens 100 Segenssprüche am Tag zu sprechen, leichter erfüllen können. Wenn wir jeden Morgen mit unseren Gebeten beginnen, leitet uns der Vorbeter in der Synagoge mit den »Birchot HaSchachar«, den Morgensegenssprüchen, ein, auf die die Gemeinde jeweils mit »Amen« antwortet. Obwohl es üblich ist, alle Birchot HaSchachar auf einmal zu sagen, werden sie nicht als eine Reihe von Brachot betrachtet, da sie von den Weisen nicht in diesem Sinne eingeführt wurden. Daher kann man nicht nur auf die letzte Bracha antworten, sondern muss nach jeder Bracha einzeln »Amen« sagen.

Diejenigen, die nicht in der Nähe einer Synagoge wohnen, sagen die Segenssprüche zu Hause. Man sollte jedoch darauf achten, dass man währenddessen nicht schon den Kaffee aufbrüht oder die Kinder anzieht. Denn manche meinen, dass man Birchot HaSchachar nicht im Gehen oder bei anderen Tätigkeiten sagen sollte. Der aschkenasische Brauch ist es, sie grundsätzlich im Stehen zu sprechen und von dieser Praxis nicht abzuweichen, es sei denn, man ist krank oder alt.

Der Satz von 15 Segnungen ermöglicht es, uns auf die täglichen Gaben zu konzentrieren, die unser Schöpfer uns jeden Morgen schenkt. Wir danken Gʼtt für unser Augenlicht, unsere Kleidung, unsere Fähigkeit, aufrecht zu stehen, und für das Gefühl, nach einer erholsamen Nacht erfrischt zu sein (um nur einige davon zu nennen).

»Wir danken dir, Gʼtt, dass du dem Hahn die Intelligenz gegeben hast, zwischen Nacht und Tag zu unterscheiden.«

Auf den ersten Blick ist der Eröffnungssegen etwas verwirrend: »Wir danken dir, Gʼtt, dass du dem Hahn die Intelligenz gegeben hast, zwischen Nacht und Tag zu unterscheiden.« Hähne sind zwar tolle Tiere, genauso wie alle anderen, aber was haben sich die Weisen dabei gedacht, als sie dies zum Haupt- beziehungsweise zum Eröffnungsmorgensegen machten?

Ein Ansatz zum Verständnis dessen ist, dass wir den Übergang von der Nacht zum Tag wertschätzen, der täglich durch das Krähen des Hahns symbolisiert wird.

Rabbeinu Asher Rosch (1250–1327) versteht das Wort Sechvi hingegen als menschliche Einsicht und nicht als Hahn. Dies verändert die Bedeutung des Segens. Wir verstehen es jetzt so, dass wir Haschem dafür danken, dass er der Menschheit die Fähigkeit verliehen hat, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden.

Die Welt zu einem besseren Ort machen

Die Helligkeit des Tages und die Dunkelheit der Nacht werden in unserer Liturgie oft verwendet, um Gut und Böse darzustellen. So ergibt der Segensspruch Sinn: Wir wachen morgens auf, um unseren Tag mit der Absicht zu beginnen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wenn wir den Siddur, unser Gebetsbuch, öffnen und mit unseren Gebeten beginnen, ist das Erste, was wir anerkennen, unser von Gʼtt gegebenes Privileg, zu erkennen, was Tag und was Nacht ist – was gut und würdig ist im Gegensatz zu dem, was frustrierend, schlecht und negativ ist.

In diesem Sinne loben und danken wir Gʼtt für all unsere reichen und zahlreichen Segnungen und bitten ihn um Hilfe zum Erfolg in all unseren Bemühungen, Gutes zu vollbringen.

Bevor wir uns in den Arbeitstag stürzen, können wir durch ein paar Momente des Gebets unser Leben in die richtige Per
spektive rücken, damit wir gute Entscheidungen treffen und positive Ergebnisse erzielen können. Wir haben das Glück, dass Gʼtt uns die einzigartige menschliche Eigenschaft verliehen hat, frei das »Richtige« auswählen zu können und damit die Welt zu einem besseren Ort zu machen und sie nachhaltig zu verbessern.

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