Abschreckend

Balak, der Held

Weder verwandt noch verschwägert: Der Fußballspieler Michael Ballack (l.) schreibt sich anders als der biblische Wüstenkönig Balak. Foto: imago

Eine ungewöhnliche Erzählung lesen wir an diesem Schabbat: Balak, der König des Wüstenstaates Moab, fürchtet sich vor den Israeliten, die, aus der Knechtschaft Ägyptens befreit, nach Kanaan unterwegs sind. Der Herrscher fürchtet, dass seine militärischen Kräfte gegen die Israeliten nicht ausreichen. Deshalb beschließt er, einen Magier, den berühmten Zauberer Bileam, in seine Dienste zu nehmen. Dieser soll die Israeliten verwünschen, so dass sie den Moabitern keinen Widerstand leisten können.

Nach langem Zögern willigt Bileam ein. Er unternimmt einige Versuche, um seinen Auftrag zu erfüllen und die Israeliten kampfunfähig zu machen. Doch am Ende spricht er anstatt des Fluches einen Segen, denn er könne diejenigen nicht verwünschen, die der Herr, G’tt, gesegnet habe. Sein Auftraggeber Balak überhäuft ihn daraufhin mit Zornesausbrüchen.

Soweit diese Erzählung, die uns bis heute etliche Rätsel aufgibt. Aus welchem Grund bringt die Tora überhaupt diese Erzählung? Was können wir ihr entnehmen? Gebote, Verpflichtungen oder Verbote beinhaltet dieser Abschnitt nicht. Weshalb hielt die Tora Balak, diesen altertümlichen Herrscher, für so wichtig, dass sein Name als Titelheld eines Wochenabschnitts verewigt wurde? Es wäre zu einfach, den Grund darin zu entdecken, dass man den Gegnern nicht durch einen Fluch beizukommen versuchen solle. Wunderwaffen können auch ihre Ziele verfehlen.

namensgebung Es lohnt, sich einmal anzuschauen, welche Wochenabschnitte in der Tora nach Personen benannt sind. Als positiver Held in der Epoche der Sintflut eröffnet Noach die Reihe: Über ihn lesen wir in der Schrift, dass er ein gerechter, redlicher Mann war, in seinem Geschlecht. Bis heute kann man darüber debattieren, ob der Nachsatz »in seinem Geschlecht« Lob oder Tadel bedeutet. Wäre er in einer anderen Epoche wohl noch bedeutender und herausragender, aber in der Generation von Awraham oder Moses vielleicht gar nicht erwähnenswert gewesen?

Als nächste Persönlichkeit erscheint Jitro, Moses’ Schwiegervater. Dieser wird jedoch nicht wegen seiner verwandtschaftlichen Beziehungen hervorgehoben, sondern, weil er die Rechtsprechung der Israeliten mit einem nützlichen Vorschlag entscheidend reformierte. Ihm folgt Korach, der machtbesessene Demagoge. Trotzdem wurde er zu einer Titelfigur, weil seine Gelehrsamkeit ausschlaggebend war. Die Reihe schließt mit dem Helden der kommenden Parascha: Pinchas. Jener Priester war ein Eiferer für G’tt, jedoch kein unumstrittener Würdenträger. Nach den erwähnten Männern gewinnt die Frage noch mehr an Gewicht: Warum dann Balak?

Das Welt‐ und Menschenbild der Tora ist von den Gegensätzen Segen und Verwünschung geprägt. Seit Awraham ist das Judesein mit der Bestrebung verknüpft, ein Segen für den Mitmenschen zu werden. In der ersten g’ttlichen Verheißung an Awraham sprach der Herr: »Wehje Bracha« – werde ein Segen für die Deinigen (1. Buch Moses 12). Daraus entwickelte sich die Bestrebung, Freude zu verbreiten. »Wer seine Mitmenschen mit Freude erfüllen kann, über den freut sich auch sein Schöpfer« (Awot 3,13).

Distanz In gleichem Maße wird gelehrt, sich vom Fluch, der dem Menschen Verderben und Untergang bringt, fernzuhalten, um die Güte, Barmherzigkeit und Liebe des Schöpfers nicht zu verwirken. Daher wird die Person Balak, als besonderes Lehrbeispiel für einen negativen Helden, zur Titelfigur. Die Tora weist darauf hin, dass Balak, als er sich das erste Mal an den Magier Bileam wandte, sprach: »Ich weiß es (wohl): Wen du segnest, der ist gesegnet und wen du verfluchst, der ist verflucht« (4. Buch Moses 22,6).

Einige Rabbinen stellten sich die Frage: Wenn Balak wusste, dass Bileams Segen genauso wirksam war wie sein Fluch, warum hat er dann den Magier nicht gebeten, sein Volk Moab zu segnen, damit es gerettet und nicht in den Kampf verwickelt werde und die Israeliten an ihm vorbeiziehen? Stattdessen engagierte Balak den Magier, die Israeliten zu verfluchen, weil er sie so hasste. Und zwar grundlos. Denn was hatten ihm die Israeliten getan? Nichts! Sie hatten bisher nichts miteinander zu tun gehabt.

Der Gelehrte Isaak ben Juda Abrabanel (1437–1508) stellte folgende Frage: Gab es einen Grund dafür, dass G’tt Bileam davon abhielt, die Israeliten zu verwünschen? Glaubt denn die Tora an die Kraft der Wahrsagerei oder Magie? Die Welt der Heiden, Götzendiener war von dem Glauben erfüllt, dass man Wortzauber, die Wirksamkeit eines ausgesprochenen Fluches, nicht brechen könne. Die Welt unserer Vorfahren betraf dies jedoch mitnichten. Bileam gibt in seiner Rede auch zu: »Denn es ist kein Zauberer in Jakob und kein Wahrsager in Israel« (4. Buch Moses 23,23). Demnach befasst sich unsere Parascha damit, Aberglauben und magische Praktiken in Misskredit zu bringen.

Stammeln Aber wird durch die in der Tora geschilderten Ereignisse dem Fluch eines heidnischen Sehers nicht übertrieben große Bedeutung beigemessen? War es wirklich notwendig, seinen Fluch in einen Segen umzuwandeln? Wollte der Herr Bileam eine öffentliche Lektion erteilen und zeigen, dass der in seiner Welt hochgeschätzte Magier nicht einmal Herr seiner eigenen Worte war? Er hatte von der Spitze des Berges zwar klare Sicht über das Lager der Israeliten, aber keine Wahl und musste die Worte stammeln, die der Herr in seinen Mund legte (4. Buch Moses 23,5). Man kann diese Fragen so beantworten: Die Worte Bileams, ob Fluch oder Segen, waren wirkungslos. Es hing einzig und allein vom G’tt Israels ab, ob Bileams Worte Gutes oder Böses bewirkten.

Balak steht als Titelheld des Abschnitts als ein Mann, der ein abschreckendes Beispiel für grundlosen Hass ist. Sein Name, seine Geschichte soll uns vor seinen Taten abschrecken.

Der Autor war von 1981 bis 2002 Landesrabbiner von Württemberg.

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