Talmudisches

Bärenstark

In den jüdischen Schriften steht der Bär vor allem für eines: ungebändigte Natur

von Chajm Guski  20.05.2022 09:56 Uhr

Wird mit Kraft und Gewalt identifiziert: der Bär Foto: Getty Images/iStockphoto

In den jüdischen Schriften steht der Bär vor allem für eines: ungebändigte Natur

von Chajm Guski  20.05.2022 09:56 Uhr

Wofür steht der Bär? Stärke? Vielleicht für eine Mischung aus Kraft und Beherrschtheit? Das würde erklären, warum der Name »Dov« (Bär) im Hebräischen nicht selten ist. Doch spiegelt dies die schriftliche Tradition wider?

Die wohl bekannteste Geschichte, in der Bären eine große Rolle spielen, ist eine aus dem Tanach. Sie berichtet vom Propheten Elischa (2. Könige 2, 23–24). Elischa war unterwegs nach Bet-El. Was ihm auf dem Weg geschah, war nicht sehr nett: »Es kamen kleine Jungen aus der Stadt und verspotteten ihn und riefen ihm hinterher: ›Zieh weiter, Kahlkopf! Zieh weiter, Kahlkopf!‹«

trinkwasser Der Talmud und Raschi erklären in Sota 46b, dass die Jungen dies nicht ganz ohne Grund taten. Elischa hatte in Jericho dafür gesorgt, dass die Bewohner der Stadt ihr Wasser auch trinken konnten, denn zuvor war es versalzen. Elischa änderte dies. Die Jungen lebten anscheinend davon, Trinkwasser in die Stadt zu bringen. Dieses Geschäftsmodell hatte Elischa zunichtegemacht.

Doch seine Reaktion auf die Beschimpfungen der Jungen war hart. Im Text heißt es: »Er wandte sich um und sah sie an und fluchte ihnen im Namen des Ewigen.« So weit noch verständlich. Doch die Worte Elischas bewirkten etwas Drastisches: »Da kamen zwei Bären aus dem Wald und zerrissen von ihnen 42 Kinder.«

Sowohl uns als auch die Weisen des Talmuds verstörte diese Geschichte. Ein Prophet, der seine Macht dazu nutzt, spottende Kinder zu töten? Zu diesem Thema gab es einen Streit zwischen Raw und Schmuel (Sota 46b – 47a). Einer sagte, dies sei ein Wunder gewesen, und der andere meinte, dass es ein Wunder innerhalb eines Wunders war. Ein Wunder, weil es dort einen Wald gegeben haben soll, aber keine Bären. Ein Wunder im Wunder, weil es dort weder Wald noch Bären gab. Der Bär ist hier kein Naturphänomen, sondern ein aggressives Werkzeug.

ZORN Der Midrasch charakterisiert den Bären ähnlich. Er kommentiert die Geschichte von der Zerstörung Sodoms (Bereschit Rabba 49,8). Awraham führt als Argument gegen die Zerstörung an, dass auch rechtschaffene Menschen getötet werden würden, wenn die Stadt mit den bösen Menschen zerstört wird. Diese »Kollateralschäden« seien wie ein Bär, der seinen Zorn nicht auf ein Ziel richten könne: »Rabbi Levi sprach, dies ist wie mit einem Bären, der gegen ein Tier wütete, aber das Tier nicht fand, gegen das er wüten konnte, und dann gegen seine Kinder wütete.«

Von Aggression und Zerstörungswut lesen wir auch an anderer Stelle. In Ta’anit 25a wird von den Ziegen von Rabbi Chanina ben Dosa berichtet. Jemand sagte ihm eines Tages, dass seine Ziegen Schaden anrichten würden. Da rief er aus: »Wenn sie tatsächlich Schaden anrichten, dann sollen Bären sie fressen, aber wenn nicht, möge jede von ihnen am Abend einen Bären auf den Hörnern nach Hause bringen.«

Was passierte? Am Abend brachte jede Ziege einen Bären auf den Hörnern nach Hause. Hier konnten die Bären ausnahmsweise ihre »Natur« nicht ausleben.

HERRSCHER Im Traktat Megilla (11a) verweist Resch Lakisch auf das Buch der Sprüche (28,15): »Wie ein brüllender Löwe und ein gefräßiger Bär, so ist ein böser Herrscher über ein armes Volk« um Achaschwerosch in der Esther-Rolle zu beschreiben: »Ein gefräßiger Bär – das ist Achaschwerosch, von dem geschrieben steht: ›Und siehe, ein anderes Tier, ein zweites, gleich einem Bären‹.«

Selbst der Prophet Elijahu nutzte die Furcht, die der Bär durch diese Eigenschaften auslöst. Von ihm wird erzählt, er sei regelmäßig ins Lehrhaus des Rabbis gekommen (Baba Metzia 85b). Als er einmal die Schüler aufschrecken und verwirren wollte, verwandelte er sich in einen feurigen Bären und lief zwischen die Schüler.

Der Bär steht also nicht für eine beherrschte Kraft, sondern eher für eine unbändige.

Die positive Bedeutung des Vornamens Dov kommt möglicherweise aus der mitteleuropäischen Sagenwelt. Hier taucht der Bär durchaus auch als Helfer von Helden auf, wie etwa im Märchen »Die zwei Brüder«, das die Gebrüder Grimm aufgeschrieben haben.

Wajikra

Zeichen der Zuwendung

So wie sich die Engel gegenseitig rufen, wird Mosche vom Ewigen gerufen

von Rabbinerin Gesa Ederberg  24.03.2023

Talmudisches

Urteile, die zum Himmel schreien

Was unsere Weisen über die Gerichtsbarkeit in der Stadt Sodom lehrten

von Yizhak Ahren  24.03.2023

Interview

»Unser Einfluss wird größer«

Ilana Epstein über die Rolle der Rebbetzin, Veränderungen und ein Treffen in Wien

von Imanuel Marcus  23.03.2023

Debatte

Für die Freiheit des Glaubens

Moskaus früherer Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt sprach in Berlin über die Folgen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine für das jüdische Leben in Europa

von Gernot Wolfram  23.03.2023

Konferenz

Rat für Ratgeberinnen

Rebbetzins aus ganz Europa tauschten sich in Wien über ihre Herausforderungen im Alltag aus

von Stefan Schocher  23.03.2023

Technologie

Beten mit Handy

Warum spezielle Apps viel mehr sein können als Siddurim auf dem Smartphone

von Chajm Guski  21.03.2023

Kleidung

Wann ist ein Jude religiös?

Äußerlichkeiten können in die Irre führen – auch die Befolgung der zwischenmenschlichen Gesetze ist von zentraler Bedeutung

von Daniel Neumann  17.03.2023

Talmudisches

Korpulente Rabbiner

Was unsere Weisen über Leibesfülle und körperliche Gesundheit lehrten

von Vyacheslav Dobrovych  17.03.2023

Wajakhel–Pekude

Herausforderungen angehen

Die Tora lehrt: Der Mensch muss den ersten Schritt tun, dann wird G’tt ihm helfen

von Shlomo Rottman  17.03.2023