Pädagogik

Auf zur Mündigkeit!

Ohne Mosche: Sie schaffen es allein über den Jordan – junge Israelis im Norden des Landes heute. Foto: Flash 90

Der heutige Schabbat folgt auf einen der traurigsten Tage im jüdischen Kalender, auf Tischa be Aw. Viele furchtbare Ereignisse aus der jüdischen Geschichte fanden am neunten Tag des jüdischen Monats Aw statt. Die Zerstörungen der beiden Tempel in den Jahren 586 v.d.Z. und dem Jahr 70 waren jedoch die unheilvollsten in dieser Reihe.

Seinen Namen Schabbat Nachamu, Schabbat der Tröstung, bekommt er in Anlehnung an die Botschaft der Haftara, des in dieser Woche gelesenen Abschnitts aus den Prophetenbüchern. Dort muntert der Prophet Jesaja das Volk nach der Zerstörung des ersten Tempels und nach dem Verlust der staatlichen Eigenständigkeit auf, indem er ihm eine tröstliche Zukunft verheißt: »Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott! Redet zum Herzen Jerusalems und ruft ihm zu, dass erfüllt ist seine Dienstzeit, dass seiner Schuld genug getan, denn es hat empfangen aus der Hand des Ewigen doppelt für all seine Sünden« (Jesaja 40, 1–2). Stets waren diese Worte für unzählige in der Diaspora lebende Generationen der Juden ein wahrhafter Beweis für die baldige nationale Wiedererstehung.

Zahlenwert Erwartungsgemäß erhoffen auch wir in der heutigen Toralesung, die Zeichen für die künftige Errettung zu finden. Am Anfang des Wochenabschnitts bietet sich dem Schöpfer tatsächlich eine gute Gelegenheit, seinem Volk Barmherzigkeit zu zeigen. Und zwar als Mosche ihn bittet, das Land Israel betreten zu dürfen: »Und ich flehte damals zum Ewigen: (…) Lass mich doch hinüberziehen und das schöne Land schauen, das jenseits des Jordans liegt, dieses schöne Gebirge und den Libanon« ( 5. Buch Moses 3, 23,25). Die mündliche Tradition berichtet davon, dass Mosche es 515 Mal – so der Zahlenwert des Namens der Parascha – versucht, Gott mit diesen ergreifenden Sätzen zu beeindrucken.

Doch der lehnt Mosches Bitte ab und empört sich über dessen Hartnäckigkeit: »Der Ewige aber zürnte mir um euretwillen und hörte nicht auf mich; und der Ewige sprach zu mir: »Genug für dich! Sprich zu mir nicht mehr von dieser Sache!«(3,26). In der Gegenüberstellung von Gotteseigenschaften wie Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zeigt er sich in diesem Augenblick anscheinend von seiner strengeren Seite.

Mosche darf sein Lebensziel, worauf er all die Jahre hingearbeitet hat, nicht erreichen. Sein Traum, das Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten und nach der 40‐jährigen Wüstenwanderung in das heilige Land hineinzuführen, wird nicht in Erfüllung gehen. Abgesehen von seiner persönlichen Enttäuschung, ist diese Entscheidung ein harter Rückschlag für das ganze Volk. In einem geschichtsträchtigen Augenblick, als sie vor den schwierigen Herausforderungen im Lande Israel stehen, verlieren sie ihren bedeutenden Religionsführer und Lehrer. Mosche Rabeinu, der als einziger Mensch dem Ewigen von Angesicht zu Angesicht begegnet ist, kann den Kindern Israels nicht mehr zur Seite stehen.

Selbstständig Beim aufmerksamen Lesen der Gottesantwort fällt auf, dass der auslösende Punkt dieser Entscheidung das Volk war: »um euretwillen«. Durch diese Betonung offenbart sich die wahre Gottesabsicht, dem Volk Israel die Chance zu geben, die Idee der Tora in ihrer neuen Heimat selbstständig, ohne die Obhut ihres Lehrers zu verwirklichen. Auch die ersten Menschen Adam und Chava mussten sich nach ihrer Verbannung aus dem Gan Eden im wirklichen Leben beweisen. So wie ihre Wegbereiter steht nun die ganze Gemeinschaft vor der Aufgabe, selbstständig den eigenen gerechten Lebensweg zu finden.

Mosche akzeptiert zwar die Entscheidung, versucht jedoch die zukünftigen Aufgaben der Kinder Israels zu erleichtern. Als vorsorglicher Ziehvater gibt er ihnen auf ihren steinigen Weg eine Botschaft mit: »Und nun Israel, höre auf die Gesetze und Rechtsvorschriften, die zu üben ich euch lehre, damit ihr lebt und hinkommt und das Land in Besitz nehmt, das der Ewige, der Gott eurer Väter, euch gibt« ( 5. Buch Moses 4,1).

Pragmatisch Am Ende seiner Tage sieht er es als seine Pflicht, das Volk ausgerechnet an die Gesetze der Tora zu erinnern. Die göttliche Barmherzlichkeit zeigt sich hier von ihrer pragmatischen Seite. Mit dem Ziel, das Volk zur Mündigkeit zu erziehen, wird ihm zwar Mosche weggenommen, zugleich wird das Volk auf die überlebenswichtigen Hilfsquellen hingewiesen. Insofern bringt uns der heutige Wochenabschnitt den tieferen Grundgedanken des Schabbats der Tröstung näher. Die göttlichen Gesetze und Vorschriften bilden nicht nur die tragenden Säulen, sondern üben auch eine weisende Funktion aus. Getröstet und ausgerüstet können wir in dieser Woche in die Zukunft blicken.

Der Autor unterrichtet Jüdische Religionslehre in Dortmund, Gelsenkirchen und Bielefeld.

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