Bund

Auf immer und ewig

Raschi fragt: »Können Himmel und Erde sich denn entscheiden, Zeugen zu sein? Schließlich haben sie keine Wahl wie wir Menschen.« Foto: Thinkstock

In unserem Wochenabschnitt geht es um einen Bund zwischen G’tt und dem Volk Israel. Die Folgen dieses Bundes sind von großer Bedeutung: Das Volk wird zum Volk G’ttes, der sich verpflichtet, Seine »Herde« vor allen Feinden zu schützen. Und das Volk verpflichtet sich, als eine Art Gegenleistung, seinem Herrn treu zu sein. Sehr bildlich wird dabei beschrieben, was geschieht, wenn das auserwählte Volk den Bund brechen sollte und sich dafür entscheidet, Götzen zu dienen. Verbannung wird das Schicksal jener sein, die sich vor fremden Gottheiten bücken.

Als sich Mosche dem Ende seiner Rede nähert, machen seine Worte die Zuhörer stutzig: »Ich nehme zu Zeugen gegen euch heute den Himmel und die Erde« (5. Buch Mose 30,19). Man fragt sich, wie Himmel und Erde Zeugen sein können. Auch die Erklärung von Raschi (1040–1105) löst das Problem nicht, sondern wirft weitere Fragen auf: »(Sie werden Zeugen sein,) da sie ewig bestehen; und wenn euch das Böse widerfährt, werden sie Zeugen sein, dass Ich euch davor gewarnt habe.«

sonne Raschi führt noch eine andere Erklärung an: »Der Heilige, gelobt sei Er, sprach zu Israel: ›Betrachtet den Himmel, den Ich erschaffen habe, damit er euch dient! Hat er jemals seine Natur verändert? Ist die Sonne vielleicht jemals nicht im Osten aufgegangen? Und wenn schon diejenigen, die, wenn sie gehorchen, keinen Lohn erhalten, und wenn sie sündigen, keine Strafe bekommen, ihre Eigenschaften nicht ändern, um wie viel mehr dürft ihr es nicht tun‹«.

Raschi stimmt nicht nur der Annahme zu, Himmel und Erde würden einst Zeugnis ablegen, sondern er behauptet gar, dass wir von den beiden Zeugen lernen könnten, da sie ihre Aufgabe jeden Tag ausführen. Die Frage wird also offensichtlicher: Können Himmel und Erde sich denn entscheiden, es nicht zu tun? Schließlich haben sie keine freie Wahl wie wir Menschen.

Wenn wir in der Tora nachschlagen, werden wir interessanterweise feststellen, dass es sehr viele solcher Passagen gibt. Versuchen wir, eine davon etwas näher zu betrachten. In der Schöpfungsgeschichte heißt es: »Und G’tt machte zwei große Lichtkörper: einen großen Lichtkörper, um den Tag zu regieren, und einen kleinen Lichtkörper, um die Nacht zu regieren« (1. Buch Mose 1,16).

Der Widerspruch ist kaum zu übersehen: Gerade noch waren beide Lichtkörper groß – doch im selben Vers ist plötzlich einer von ihnen klein geworden. Unsere Weisen erklären, dass der Mond sich beim Schöpfer mit der Frage beschwert hat: »Können zwei Könige eine Krone haben?« Mit anderen Worten: Einer von uns muss kleiner werden. Da sagte G’tt: »Da du dich beschwert hast, machen Wir dich kleiner.« Und wieder taucht dieselbe Frage auf: Wer genau hat sich bei G’tt beschwert? Das Mondgestein?

Um die Antwort besser zu verstehen, wagen wir einen kleinen Exkurs in die Medizingeschichte: Ignaz Semmelweis (1818–1865), der später der »Retter der Mütter« genannt wurde, war Leiter einer Geburtshilfe-Klinik in Wien. In seiner Zeit kam es häufig vor, dass Frauen nach der Entbindung starben. Semmelweis fiel auf, dass in einer benachbarten Klinik die Müttersterblichkeit deutlich niedriger war. Es stellte sich heraus, dass der Unterschied darin lag, dass bei Semmelweis die Ärzte unmittelbar, bevor sie Geburtshilfe leisteten, mit Leichen zu tun hatten. Dies brachte Semmelweis auf den Gedanken, dass es kleine Partikel oder Teilchen geben könnte, durch die Krankheiten übertragen werden.

Ein weiterer Zwischenfall verstärkte seine Vermutungen: Bei einer Obduktion wurde einer seiner Freunde, der vollkommen gesund war, durch ein Skalpell verletzt und starb wenige Tage später an einer Blutvergiftung, die ähnliche Symptome hatte wie das Kindbettfieber.

Semmelweis verlangte daraufhin von seinen Studenten, sich vor jeglichem Kontakt mit Patienten die Hände mit Chlorkalk zu desinfizieren. Und siehe da: Die Sterblichkeit der Mütter verringerte sich um das Sechsfache!

Psychiatrie Man könnte nun annehmen, dass Doktor Semmelweis infolge seiner Entdeckung mit Auszeichnungen geradezu überhäuft worden wäre und sein weiteres Leben als angesehener Wissenschaftler verbracht hätte. Doch so war es nicht. Semmelweis wurde von der Fachwelt verspottet, musste seine Stelle als Arzt aufgeben, und man brachte ihn in eine psychiatrische Klinik.

Von kleinen Teilchen zu erzählen, die nicht zu sehen sind und angeblich Krankheiten übertragen – das hörte sich damals sehr seltsam an. Wenn diese Partikelchen existieren, wieso kann man sie dann nicht sehen? Heute wissen wir, dass es sie tatsächlich gibt: Bakterien, Sporen, Viren. Und auch wenn nicht jeder sie gesehen hat, bezweifelt trotzdem kaum jemand ihre Existenz.

Mond Der Rambam, Maimonides (1138–1204), schreibt, dass all das, was G’tt in der nicht belebten Natur erschaffen hat, eine Entsprechung auf der geistigen Ebene hat. Dies sind höhere Wesen, die über eigenen Verstand und Willen verfügen. Als der Mond sich bei G’tt beschwerte, war es nicht der Trabant unserer Erde, den wir nachts sehen können. Nein, vielmehr war es das, was dem Mond auf der geistigen Ebene entspricht.

In den Psalmen und Gebeten, die wir jeden Tag während des Morgengebets sagen, wird berichtet, wie die gesamte Welt G’tt preist: die Vögel, die Tiere, die Sterne, die Gräser ... Aus Rambams Worten wird klar, dass die Lobpreisungen nicht von den Tieren, Sternen und Gräsern kommen, die wir sehen. Nein, G’tt wird von höheren Wesen besungen, die den Tieren, Sternen und Gräsern auf der geistigen Ebene entsprechen.

Und so ist es auch in unserem Wochenabschnitt: Als G’tt den Himmel und die Erde als Zeugen nehmen wollte, meinte er natürlich nicht die Berge, Felsen und Gase, sondern die höheren Wesen, die ihnen entsprechen. Sie werden später einmal über unser Verhalten aussagen. Und da sie über einen freien Willen verfügen, könnte zum Beispiel die Sonne tatsächlich einmal im Westen aufgehen. Doch wird sie es nicht tun, da sie ganz genau weiß, dass G’tt von ihr etwas anderes will. Das mag sich gewiss seltsam anhören, nicht wahr? Über Semmelweis hat man am Anfang auch gelacht ...

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.

Inhalt
Im Zentrum des Wochenabschnitts Nizawim liegt der Bund des Ewigen mit dem gesamten jüdischen Volk. Diesmal sind ausdrücklich auch diejenigen Israeliten miteinbezogen, die nicht anwesend sind: die künftigen Generationen. G’tt versichert den Israeliten, dass Er sie nicht vergessen wird, doch sollen sie die Mizwot halten.
5. Buch Mose 29,9 – 30,20

Im Wochenabschnitt Wajelech geht es um Mosches letzte Tage. Er erreicht sein 120. Lebensjahr und bereitet die Israeliten auf seinen baldigen Tod vor. Er verkündet, dass Jehoschua sein Nachfolger sein wird. Die Parascha erwähnt eine weitere Mizwa: In jedem siebten Jahr sollen sich alle Männer, Frauen und Kinder im Tempel in Jerusalem versammeln, um aus dem Mund des Königs Passagen aus der Tora zu hören. Mosche unterrichtet die Ältesten und die Priester von der Wichtigkeit der Toralesung und warnt sie erneut vor Götzendienst.
5. Buch Mose 31, 1–30

Ki Teze

Ein Monat Bedenkzeit

Warum die Tora Soldaten vorschrieb, nach der Rückkehr aus dem Krieg erst einmal innezuhalten

von Rabbiner David Geballe  13.09.2019

Talmudisches

Rabbi Safras Weingeschäft

Über die Aufrichtigkeit in finanziellen Dingen

von Diana Kaplan  13.09.2019

Kapitalverbrechen

»Lasst ihn für immer damit leben«

Warum das Judentum die Todesstrafe ablehnt – auch für den Attentäter von Pittsburgh

von Rabbiner Raphael Evers  12.09.2019