Spiritualität

Auf der Suche nach dem Guten

Die Menschen kommen nicht immer gut miteinander aus. Wir sind oft müde oder gestresst, und es ist schwierig, gelassen zu bleiben, wenn jemand uns mitten im Berufsverkehr auf der Autobahn schneidet, uns seinen Kaffee über die Hosen gießt oder es zulässt, dass sein Hund sein Revier ausgerechnet auf unserer Fußmatte markiert.

Als klinischer Psychiater, der in Harvard studiert hat und in einer geschlossenen Abteilung an einem Krankenhaus arbeitet, ist es Teil meines Jobs, Menschen dabei zu helfen, das große Ganze zu sehen und die Dinge ins rechte Licht zu rücken.

Ein Großteil meiner Arbeit auf der geschlossenen psychiatrischen Station besteht darin, angemessene Verhaltensweisen für meine Patienten und ihre Angehörigen zu modellieren und zu entwickeln. Von einem Psychiater erwartet jeder, dass er kühl, ruhig und gefasst ist, und die meisten Leute denken, diese Eigenschaften würden sich ganz von selbst einstellen. Völlig falsch!

Burn-out Vielleicht wären die Leute überrascht zu hören, wie viele Psychiater am Rande des Burn-outs arbeiten. Es gibt sogar einen Begriff in der psychologischen Umgangssprache – die Gegenübertragung –, der die intensiven Gefühle beschreibt, die Therapeuten und Psychiater in ihrer klinischen Arbeit durchleben. Für mich persönlich besteht das beste Mittel, mit meinen eigenen Reaktionen der Gegenübertragung umzugehen, immer darin, in jedem meiner Patienten das Gute zu sehen, egal wie schwierig sein Fall ist.

Diese Lektion habe ich nicht etwa von Sigmund Freud erhalten oder während meiner Ausbildung in den heiligen Hallen der Harvard Medical School gelernt. In jedem Menschen das Gute zu finden, ist etwas, das ich in der Jeschiwa gelernt und aus den Lehren unserer chassidischen Meister gezogen habe.

Eine schöne Geschichte wird von Rabbi Levi Jizchak von Berditschew seligen Angedenkens erzählt: Einmal sah er einen Juden, der am Schabbat eine Zigarette rauchte, was das jüdische Religionsgesetz verbietet. Rabbi Levi Jizchak ging zu dem Mann und sagte: »Du rauchst wahrscheinlich, weil du nicht weißt, dass Schabbat ist.« Der Mann antwortete, er wisse sehr wohl, was für ein Tag es sei.

Rauchen Darauf Rabbi Levi Jizchak: »Wahrscheinlich weißt du nicht, dass es verboten ist, am Schabbat zu rauchen.« Der Mann erwiderte, er sei sich darüber im Klaren, dass Rauchen am Schabbat verboten ist. Rabbi Levi Jizchak versuchte es wieder: »Du rauchst vermutlich deshalb, weil du glaubst, Rauchen sei gut für die Gesundheit.«

Der Mann sagte ihm, er rauche nicht aus gesundheitlichen Gründen. Rabbi Levi Jizchak blickte auf in den Himmel und rief: »Gott, schau, wie herrlich und ehrlich Deine Menschen sind! Selbst wenn sie eine Sünde begehen, machen sie es nicht schlimmer, indem sie lügen und Ausflüchte suchen!«

Die Mischna ermahnt uns: »Urteile über jeden zu seinen Gunsten« (Pirkej Awot –Sprüche der Väter 1,6). Rebbe Nachman von Bratzlaw seligen Angedenkens schrieb: »Selbst wenn dein Bruder ein durch und durch böser Mensch ist, musst du versuchen, eine einzige Sache in ihm zu finden, die nicht ganz böse ist. Damit wirst du das Gute entdecken und die Fähigkeit, deinen Bruder positiv zu beurteilen« (Likutei Moharan 1,282).

Durch die Suche nach dem Guten in anderen und die Konzentration auf deren positive Eigenschaften können wir einen starken Einfluss auf den Rest des jüdischen Volkes ausüben und Juden dazu inspirieren, bessere Menschen zu werden. Das macht den Kern meiner Arbeit aus – zu versuchen, meinen Mitmenschen dabei zu helfen, ihr volles Potenzial auszuschöpfen.

Mutter Wenn ich bei der Arbeit bin, muss ich oft daran denken, was meine Mutter immer sagte: »Jeder Mensch ist der Sohn oder die Tochter von jemandem und trägt etwas Gutes in sich.« Zu Hause, und wenn wir mit anderen Juden zusammen sind, müssen wir uns immer in Erinnerung rufen, dass jeder Mensch nicht nur der Sohn oder die Tochter eines anderen ist …, sondern dass jeder Mensch mein Bruder oder meine Schwester ist!

Der Talmud (Yoma 9B) sagt, der Heilige Tempel sei wegen Sinat Chinam – sinnloser Hass zwischen Juden – zerstört worden. Wenn das stimmt, dann ist klar, dass die Wiedergutmachung dieser Zerstörung Ahavat Chinam erfordert – Liebe zwischen Juden. Sicherlich gibt es keine bessere Möglichkeit, einander zu lieben, als die Suche nach dem Guten in unseren Mitjuden, und wenn wir das tun, helfen wir ihnen, ihre Persönlichkeit voll zu entwickeln.

Wir müssen für den Wiederaufbau des Tempels nicht nur beten, sondern wir müssen uns direkt an seinem Wiederaufbau beteiligen, indem wir unsere Beziehungen zu anderen Menschen stärken und verbessern.

Übersetzung und Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.aish.com

Israel

In Deboras Fußstapfen

Seit 2018 versuchen Frauen, an den Halacha-Prüfungen des Oberrabbinats teilzunehmen. Nun ist es ihnen gelungen

von Sophie Goldblum  08.05.2026

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Medien

Worte wiegen schwer

Was dürfen Journalisten? Auch Pressekodex und Gesetz kennen Grenzfälle. In der jüdischen Ethik wirft der Chafetz Chaim einen interessanten Blick auf die Frage, was an die Öffentlichkeit gehört

von Mascha Malburg  07.05.2026

Behar–Bechukotaj

Vom Joch befreit

Wie der Ewige seinem Volk die Last der Unterdrückung nimmt

von Rabbiner Avraham Radbil  07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  06.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert