Achter Tag

Audiovisuelle Lehrstunde

Die »Abschlussfeier« nach Sukkot erinnert uns daran, dass wir neue Wege einschlagen können

von Rabbiner Raphael Evers  20.09.2018 19:22 Uhr

Moses mit den Zehn Geboten: Bild von Rembrandt van Rijn (1659) Foto: ullstein bild - Heritage Images / Fine Art Images

Die »Abschlussfeier« nach Sukkot erinnert uns daran, dass wir neue Wege einschlagen können

von Rabbiner Raphael Evers  20.09.2018 19:22 Uhr

Schemini Azeret, die »Abschlussfeier« unmittelbar nach dem siebentägigen Sukkotfest, ist ein mysteriöser Festtag. Er ist nicht an ein historisches oder landwirtschaftliches Ereignis gebunden. Laut Talmud bezieht sich die Aufgabe der Tora, »vehajita ach sameach – vollkommen glücklich« zu sein, auf diesen achten Tag von Sukkot. Wörtlich bedeutet Schemini Azeret »achter Tag der Versammlung«.

Der jüdische Kalender hat zwei Zyklen von Feiertagen mit Anfangs‐ und Endpunkten. An Pessach wurde das jüdische Volk physisch befreit. Nach 49 Tagen Omerzählung kulminiert Pessach in Schawuot, wenn wir die Offenbarung der Tora auf dem Berg Sinai feiern, den Höhepunkt einer echten Befreiung. Denn körperliche Freiheit hat keinen Inhalt ohne geistige Errettung.

So wie Schawuot der Höhepunkt von Pessach ist, ist Schemini Azeret das »Schlussstück« einer langen Periode von Teschuwa (Reue und Umkehr), die im Monat Elul begann, mit Rosch Haschana eine intensive Wendung nahm und ihren Höhepunkt an Jom Kippur erreichte. Wir feiern die wiedergewonnene geistige Reinheit in der Laubhütte, die ein Symbol des Tempels ist.

Hochzeit Wir wurden von unserer Schuld befreit. Wir können wieder eine intime Beziehung mit G’tt eingehen. Die sieben Tage von Sukkot werden mit den sieben Tagen der Hochzeit verglichen, ein Ausdruck unserer erneuten Verbundenheit mit dem Höchsten Wesen. Aber die Funktion des achten Tages, Schemini Azeret, bleibt in einen Schleier der Geheimhaltung gehüllt.

An Pessach feiern wir unsere nationale Geburt. An Schawuot erinnern wir uns, dass G’tt uns die Tora gab. Bei beiden Gelegenheiten blieb das jüdische Volk passiv. Von Elul bis einschließlich Sukkot hingegen feiern wir unsere eigene Aktivität und fragen uns, was wir Haschem zurückgeben können.

An Rosch Haschana versuchen wir, uns zu rehabilitieren. Jom Kippur betont unsere Fähigkeit, das Irdische zu transzendieren – als »Engel« essen und trinken wir nicht und sind den ganzen Tag mit höheren Dingen beschäftigt. An Sukkot loben wir G’tt mit dem Feststrauß und sitzen in der Sukka wie im Tempel, wo in der Vergangenheit 70 Ochsen für 70 Völker (Talmud, Sukka 55b) geopfert wurden. Das bringt die Tatsache zum Ausdruck, dass wir in der Lage sind, die ganze Welt der Fauna, vom Tier zum Menschen, durch eigene Anstrengungen auf ein höheres Niveau des heiligen Dienstes zu heben.

Laubhütten Wenn wir unsere Laubhütten an Schemini Azeret verlassen und die vergangene Periode überdenken, können wir »vollkommen glücklich« sein. Wir feiern nicht die Freude der Reise von Pessach bis Schawuot, in der wir der Güte und Gnade G’ttes völlig ausgeliefert waren. Das Geheimnis des zweiten Zyklus Elul/Rosch Haschana/Jom Kippur/Sukkot liegt in der Aktivität des Menschen, der sich mit eigener Kraft und innerer Motivation auf den geraden Weg zurückbegibt.

Das jüdische Volk wird G’ttes Partner genannt, weil wir in der Lage sind, uns selbst und die Welt um uns herum auf ein höheres Niveau der Perfektion zu heben. An Schawuot feiern wir die historische Tatsache, dass G’tt uns die Tora gegeben hat. Schemini Azeret feiert die Tatsache, dass wir das ganze Jahr über die Tora gelesen und studiert haben. Die Freude, die wir empfinden, ist in der Tat überwältigend. Gerade in unserer Generation können wir eine enorme Wiederbelebung des Interesses an der Tora erleben, auch hier in Deutschland, vor allem aber in Israel.

Die Zahl Sieben symbolisiert den natürlichen Lauf der Ereignisse. Die Acht steht für das Übernatürliche. Am achten Tag können wir eine Vogelperspektive einnehmen, sodass wir auch alles aus einer höheren Warte verstehen können.

Ägypten Schemini Azeret ist auch mit der historischen Figur von Josef, dem Vizekönig von Ägypten, verbunden. Als er sich seinen Brüdern vorstellte, sagt die Tora, dass »niemand da war, als Josef seinen Brüdern seine wahre Identität offenbarte« (1. Buch Mose 45,1). Laut dem Sohar können wir dieses Ereignis als Auftakt zur zukünftigen Welt sehen, und es hat die gleiche Bedeutung wie Schemini Azeret. Im Jenseits würde G’tt sich uns offenbaren, wie Josef seinen Brüdern mitgeteilt hat.

Wie können diese Variablen verglichen werden? Die Brüder verstanden absolut nicht, was mit ihnen geschah, als sie nach Ägypten kamen, um Getreide zu kaufen. Ihr Bruder wollte ihnen helfen, aber sie fühlten, dass sie auf schreckliche Weise »mitgenommen« wurden. Wenn wir in der zukünftigen Welt verstehen, wie G’ttes Weltanschauung uns durch die Geschichte geführt hat, werden wir sehen, dass die Unterdrückung während des langen Exils nur eine Illusion war.

An Schemini Azeret bat uns G’tt, »noch einen Tag bei Ihm zu bleiben«. Diese innige Beziehung mit dem Höchsten Wesen führt uns zu der Erkenntnis, dass es selbst unter den bedrückendsten Umständen einen einzigen G’tt gibt – es gibt nichts außerhalb von Ihm. Nur G’tt ist die wahre Identität der Welt. Schließlich wird uns das klare Verständnis der wahren Wahrheit hinter einer solch dunklen Realität klar werden. Das ist die Idee von Schemini Azeret, das war die Ebene von Josef: G’tt exklusiv als einzige wirkliche Realität.

Tafeln Wichtig ist auch: Am zweiten Tag von Schemini Azeret, also an Simchat Tora, lesen wir das Ende der Tora, wo G’tt Mosche laut Raschis Kommentar zum 5. Buch Mose, 34,12, der auf dem Talmud (Jewamot 62a und Schabbat 87a) basiert, dafür dankt, dass er die Steintafeln zerstört hat. Unglaublich! Aber auch hier gilt G’tt als einzige Realität. Laut »Meschech Chochma« von Rabbiner Meir Simcha aus Dwinsk wollte Mosche Rabbeinu mit dem Zerschmettern der steinernen Tafeln klar und deutlich sagen, dass kein einziger Gegenstand aus der materiellen Welt unumstößlich heilig ist.

Wenn der Mensch den Auftrag nicht erfüllt, verliert auch das Geschenk aus dem Himmel – die steinernen Tafeln – seinen geweihten Status. Als Mosche sich dem Lager näherte und sah, dass das Volk um das Goldene Kalb tanzte, erkannte er, dass dessen Bewusstsein von der Wechselwirkung zwischen G’tt und der Welt dermaßen verfremdet war, dass er die steinernen Tafeln aus seinen Händen auf den Boden warf und sie zerschmetterte. Und als Mosche die steinernen Tafeln zerstört hatte, verstand das jüdische Volk, wie weit es noch vom wirklichen Ziel der Tora entfernt war.

Haschem war Mosche für diese audiovisuelle Lehrstunde dankbar. G’tt bekräftigte die Entscheidung Mosches, dass diese Tat notwendig sei, und Er sprach zu ihm: »Schkoijah! Herzlichen Dank dafür, Mosche, dass du die Steinernen Tafeln zerstört hast« (Talmud, Jewamot 62a).

Midrasch Die Zerstörung der steinernen Tafeln war übrigens keine Sorglosigkeit oder Verantwortungslosigkeit. Es scheint auf den ersten Blick, dass Mosche sie aus Wut einfach auf die Erde warf, aber nichts ist weniger wahr.

Götzendienst Laut dem Midrasch gab es eine Diskussion und ein Handgemenge vorab: Mosche Rabbenu einerseits und Aharon und die Ältesten andererseits. Die Diskussion verlief heftig. Mosche argumentierte, dass die Juden als Anbeter eines Goldenen Kalbs der Tora nicht würdig seien.

Doch Aharon, sein Bruder und die 70 Ältesten waren überhaupt nicht damit einverstanden. Ihre Uneinigkeit ging so weit, dass sie Mosche festhielten und versuchten, zu verhindern, dass er die steinernen Tafeln auf die Erde werfen konnte. Mosche aber war stärker, sowohl geistig als auch körperlich.

Natürlich hatten Aharon und die Ältesten recht. Die Tafeln waren die Handschrift G’ttes! Wie reagieren wir, wenn eine Sefer Tora, von der es Hunderttausende gibt, auf den Boden zu fallen droht?
Aharon und die Ältesten protestierten: »In der Tat, die Juden haben mit ihrem Niederwerfen vor dem Goldenen Kalb gesündigt. Aber deswegen musst du doch die Tafeln nicht kaputt schlagen. Einmal einen Fehler zu machen, bedeutet nicht, immer zu freveln. Vielleicht werden sie Teschuwa machen und den Götzendienst bereuen!«

Mosche Doch als die Juden über das Goldene Kalb auch noch sagten: »Dieses ist Dein G’tt, o Israel«, zerbrach etwas in Mosche. Wenn man Götzendienst Judentum nennt, so fühlte er, gibt es keinen Weg mehr zurück von einer völligen Perversion der Tora. Also unternahm Mosche einen dramatischen Schritt, und G’tt genehmigte seine zerstörerische Tat. Der Talmud leitet hieraus ab, dass es manchmal eines drastischen Schrittes bedarf, um das Volk wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

Dies ist die wahre »Simchat Tora«: Die Tora ist revolutionär. Manchmal müssen wir unser ganzes Leben ändern und einen kompletten Neuanfang wagen. Die meisten Menschen sind leider nicht in der Lage, ihre Fehler zuzugeben und sich zu ändern. Schon gar nicht, wenn es um ihren Lifestyle geht. Aber das ist wohl die wirkliche Tora, zu der uns Schemini Azeret den Weg weist.

Der Autor ist Oberrabbiner der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Dajan beim Europäischen Beit Din und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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