Talmudisches

Ans Ende denken

Reflexionen über die Endlichkeit des menschlichen Lebens sollen keineswegs unsere Tatkraft lähmen, sondern uns vor möglichen Irrwegen schützen. Foto: Getty Images/iStockphoto

Talmudisches

Ans Ende denken

Was die Weisen über die Begrenztheit des Lebens lehren

von Yizhak Ahren  06.05.2022 09:38 Uhr

Der Talmud (Edujot 5,6 und Pessachim 64b) berichtet darüber, dass der Tannait Akawja Ben Mahalalel, der seine Zeitgenossen an Weisheit und an Sündenscheu übertraf, lehrte: »Betrachte folgende drei Dinge, so kommst du nicht in die Hand der Sünde: Wisse, woher du gekommen bist, wohin du gehst und vor wem du einst Rechenschaft und Rechnung zu geben haben wirst.«

Nach Akawjas Ansicht soll der Mensch über die Begrenztheit seines Lebens nachdenken sowie über die Erhabenheit des Ewigen. Wenn jemand ernsthaft an den eigenen Tod denkt und an die Tatsache, dass seine Seele dann über Tun und Lassen in dieser Welt vor dem himmlischen Gericht wird Rechenschaft ablegen müssen, dann verliert jede Sünde ihren Reiz. Ein vernünftiger Mensch wird zu dem Schluss kommen, dass ein sündhaftes Vergnügen sich nicht lohnt.

endlichkeit Reflexionen über die Endlichkeit des menschlichen Lebens sollen keineswegs unsere Tatkraft lähmen und eine depressive Stimmung hervorbringen, sondern uns vor möglichen Irrwegen schützen und dadurch wahre Lebensfreude sichern und steigern.

In manchen aschkenasischen Gemeinden ist es üblich, Akawjas Ratschlag bei jeder Beerdigung zu rezitieren (siehe zum Beispiel die Begräbnistexte im Koren-Siddur von Rabbiner Jonathan Sacks). Diejenigen, die eine verstorbene Person auf ihrem letzten Weg begleiten, werden bei dieser Gelegenheit an schlichte Wahrheiten erinnert, die ihnen den Pfad der Sündenscheu nahebringen. In den Worten Schlomos: »Besser ist es zu gehen in ein Haus der Trauer als zu gehen in ein Haus des Gastmahls, da jenes das Ende aller Menschen ist; und der Lebende wird es sich zu Herzen nehmen« (Kohelet 7,2).

Dass ein Nachdenken über den eigenen Tod Positives bewirken kann, lernen wir auch aus der folgenden Mischna: »Rabbi Levitas aus Jawne sagt: Sei unbedingt bescheidenen Sinnes, denn des irdischen Menschen Hoffnung ist Moder« (Sprüche der Väter 4,4). Der Tannait aus Jawne weist nicht nur auf die große Bedeutung der Demut hin, sondern fügt auch eine Begründung hinzu: Stolz und Hochmut sind unangebracht – das kann sich jeder Mensch klarmachen, wenn er sich vorstellt, wie es seinem Körper nach dem Tod ergehen wird.

DEMUT Gedanken über den eigenen Tod können, wie besprochen, zur Sündenscheu und auch zu einer demütigen Haltung führen. Was aber ist dann zu tun, wenn der Mensch bereits gesündigt hat? Dass dieser Fall oft vorkommt, wissen wir aus der Schrift: »Denn es gibt keinen gerechten Menschen im Land, der (immerdar) das Gute übte und niemals sündigte« (Kohelet 7,20 und Könige I 8,46). Es ist wichtig zu wissen, dass jedem Sünder der Weg der Umkehr (hebräisch: Teschuwa) offensteht.

Dass auch das Tun von Teschuwa von einer Betrachtung über den kommenden Tod gefördert werden kann, geht aus der folgenden Talmudstelle hervor: »Rabbi Eliezer sagte: ›Tue einen Tag vor deinem Tod Teschuwa.‹ Die Schüler sprachen zu Rabbi Eliezer: ›Weiß denn der Mensch, an welchem Tag er sterben wird?‹ Der Rabbi erwiderte: ›Umso mehr muss er heute Teschuwa tun, vielleicht stirbt er morgen.‹ Es ergibt sich also, dass er all seine Tage in Umkehr verbringt« (Schabbat 153a).

Es ist beachtenswert, wie Maimonides, der Rambam (1138–1204), die soeben zitierte Gemara in seinem religionsgesetzlichen Kodex referiert hat: »Immer betrachte sich der Mensch so, als stünde er kurz vor seinem Tod, als könnte er, noch in seiner Sündhaftigkeit beharrend, plötzlich sterben. Man tue deshalb von den Sünden, die man begangen hat, sofort Teschuwa, und man sage nicht, wenn ich alt sein werde, dann will ich Teschuwa tun; man könnte ja sterben, bevor man alt geworden sein wird. Das ist es, was Schlomo meint: ›Zu jeder Zeit seien deine Kleider weiß‹ (Kohelet 9,8)« (Hilchot Teschuwa 7,2).

Feiertage

Gut gefüllt

Zu Sukkot gibt es eigentlich keine traditionellen Speisen wie an Rosch Haschana oder Pessach. Und doch essen sich gefülltes Gemüse, Teigtaschen und gestopfte Weinblätter in der Laubhütte besonders gut. Steckt mehr dahinter?

von Daniela Rusowsky  29.09.2026

Schweiz

Eine Sukka voller Fragen

Die Israelitische Cultusgemeinde Zürich hat ihre nichtjüdischen Nachbarinnen und Nachbarn in die Laubhütte eingeladen. Zu selbstgemachtem Hummus darf alles gefragt werden. Ein Besuch

von Nicole Dreyfus  25.09.2026

Zusammenhalt

Was uns verbindet

Sieben Tage feiern Juden in der Laubhütte. Der achte aber hat eine eigene Botschaft

von Rabbiner Elischa Portnoy  25.09.2026

Sukkot

Mit Herz und Sinnen

Welche Bedeutung die Vier Arten an Sukkot haben und warum sie den Menschen erfreuen

von Rabbiner Avraham Radbil  24.09.2026

Sukkot

»… und du sollst nur fröhlich sein«

Warum die Tora gerade das Laubhüttenfest zu einer Zeit unserer Freude erklärt

von Vyacheslav Dobrovych  24.09.2026

Debatte

Wehret den Anfängen gilt rechts und links

Ein Offener Brief an Bischof Christian Stäblein vom Evangelischen Arbeitskreis der CDU Berlin/Brandenburg

von Cornelia Seibeld  24.09.2026 Aktualisiert

Laubhüttenfest

Ein Fest der Natur

Vom Feiern der Schöpfung zur Verantwortung für ihre Bewahrung

von Rabbiner Yehoyada Amir  23.09.2026

Sukkot

Wenn der Himmel unser Dach wird

Vielleicht können wir Israelis nach Jahren in Schutzräumen die Bedeutung der fragilen Laubhütte heute noch besser verstehen. Ein Essay

von Rabbiner Raphael Evers  23.09.2026

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  25.09.2026 Aktualisiert