Wajikra

»Als Mazzot soll es gegessen werden«

»Und was davon übrig bleibt, sollen Aharon und seine Söhne essen. Als Mazzot soll es gegessen werden an einem heiligen Ort« (3. Buch Mose 6,9). Foto: Getty Images/iStockphoto

Das 3. Buch Mose beginnt. Nach den ersten zwei Büchern mit all den Geschichten, die sich fest ins kollektive Gedächtnis des Judentums eingegraben haben, folgt nun ein Teil, der auch als »Torat Kohanim« bezeichnet wird, als »Lehre der Priester«. Dieser Teil ist etwas sperriger als die Geschichten und Satzungen, die wir bisher gelesen haben.

Es verwundert, dass man Kinder in traditionellen Kreisen zunächst an dieses Buch der Tora heranführt. Wir begegnen hier zahlreichen detaillierten Vorschriften für verschiedene Brandopfer, die dargebracht werden sollen: vom freiwilligen Opfer bis hin zum Sühnopfer. Es folgen weitere Regelungen zu Tieropfern, aber auch zu verbotenen sexuellen Handlungen. Dann lesen wir vom Umgang mit Toten und Kranken. In späteren Kapiteln werden auch die Festtage behandelt.

Gebete Wir tun uns heute schwer, das Thema »Opfer« zu verstehen. Es gibt verschiedenste Ansätze, sich damit zu beschäftigen. Erklärt man es historisch? Erklärt man es im Gegensatz zu Menschenopfern, die es im Altertum gegeben hat? Oder betont man stattdessen, dass wir heute die Gebete an ihrer Stelle haben?

Die möglicherweise einfachste Heran­gehensweise an das Thema ist, wenn man nicht gleich den gesamten Komplex betrachtet, sondern sich kleine Aspekte herauslöst, vor allem jene, die vielleicht schnell überlesen werden: zum Beispiel, dass alle Opfer mit Salz bestreut werden müssen (2,13). Da ist etwa vom »Bund des Salzes« die Rede, der uns durch das Salzen der Challot am Freitagabend noch immer präsent ist.

Rabbiner bezeichnet Berlin Gesäuertes als den »Inbegriff des menschlichen Eingriffs in die Natur«.

Der Kommentator Raschi (1040–1105) merkt dazu an, dass Salz nicht verdirbt und ebenso der Bund G’ttes mit den Kohanim nicht vergehen wird. Wir sprechen also nicht von einem Phänomen, das nur für kurze Zeit gedacht war. Vielmehr geht es um etwas, das auch uns etwas lehrt, selbst wenn wir es nicht aktiv tun. Zwei Zeilen vor dem Bund des Salzes lesen wir: »Jedes Speiseopfer, das ihr für den Ewigen darbringt, soll nicht bereitet werden aus Gesäuertem (Chametz); denn aller Sauerteig und aller Honig – davon sollt ihr kein Feueropfer für den Ewigen in Dampf aufgehen lassen« (3. Buch Mose 2,11). Ungesäuertes? Ist das nicht ein Thema für Pessach?

Das Verbot, Chametz zu verwenden, bezieht sich auch auf das Speiseopfer (Mincha), das aus Mehl (Grieß) und Öl bestand. Wenig später, im nächsten Wochenabschnitt, heißt es: »Und was davon übrig bleibt, sollen Aharon und seine Söhne essen. Als Mazzot soll es gegessen werden an einem heiligen Ort, im Hof des Zeltes der Zusammenkunft sollen sie es essen. Es soll nicht gesäuert gebacken werden. Als ihren Teil habe ich es ihnen gegeben von meinen Feuergaben. Hochheilig ist es, wie ein Sühnopfer und wie ein Schuldopfer« (6, 9–10).

Lebenswelt All das lesen wir mit dem Wissen um unsere Lebenswelten. Gehen wir zum Bäcker, dann erhalten wir Brot und Gebäck, das mit Hefe gebacken wurde. In der Lebenswelt der Kinder Israels nach dem Auszug aus Ägypten war das nicht selbstverständlich. Das Verfahren, Brot aus gesäuertem Teig herzustellen, haben die Ägypter als Erste entdeckt und es ihrer Göttin Isis zugeschrieben. Es war auch Bestandteil der Opfer, die die Ägypter ihren Götzen darbrachten. So schildert die Stele von Merer aus Edfu, dass er täglich weißes Brot geopfert habe.

Wir tun uns heute schwer, das Thema »Opfer« zu verstehen.

Maimonides, der Rambam (1135–1204), nimmt darauf Bezug. Er schreibt in seinem Morej Newuchim (3,46): »Und weil die Götzendiener nur Sauerteig, nicht aber Brot opferten und es vorzogen, die süßen Dinge zu opfern, und ihre Opfer mit Honig mischten (…) und du ebenso bei keinem ihrer Opfer Salz bemerken wirst, deshalb hat G’tt ver­boten, irgendwelchen Sauerteig oder Honig darzubringen. Aber Er hat die stete Beibehaltung des Salzes befohlen: ›Bei jedem deiner Opfer sollst du Salz darbringen‹.«Vor diesem Hintergrund ist es nahezu selbstverständlich, dass Gesäuertes keinen Platz in den Opfervorschriften hat. Dies wäre eine Erinnerung an die Riten und die Welt der Ägypter.

Honig Rabbiner Naftali Zvi Berlin (1817–1893) geht in seinem Kommentar HaEmek Dawar noch einen Schritt weiter und verweist auf das, wofür Honig und gesäuertes Brot stehen: »Die Schrift nennt alle Inhaltsstoffe, die einen süßenden Effekt haben, ›Honig‹, denn Honig ist ein Süßungsmittel. Gesäuertes, auch Se’or genannt, ist eine Veränderung durch Menschenhand von etwas, welches auf G’ttes Welt bereits existiert. Es ist menschliche Trickserei. G’tt mahnt uns, diese nicht im Tempel anzuwenden, denn je näher man sich bei G’tt befindet, desto weniger Raum ist für den menschlichen Einfallsreichtum.«

Die Verbindung zu Pessach über das ungesäuerte Brot ist hier keine zufällige.

An anderer Stelle bezeichnet Rabbiner Berlin Gesäuertes als den »Inbegriff des menschlichen Eingriffs in die Natur«. Deshalb sei Ungesäuertes ein Symbol für das Volk Israel, denn es überlebe ausschließlich durch den Geist G’ttes. Oder um es weniger dramatisch zu sagen: Gesäuertes Brot ist etwas Künstliches, etwas, das durch die Einmischung des Menschen erst zu dem wurde, was gegessen werden kann. Die Mazza hingegen, die nur wenige Minuten vom Teig bis zur Fertigstellung braucht, steht für das natürliche Produkt. Und im Tempel, genauer gesagt, auf dem Altar, sind nur solche Dinge zugelassen.

Die Verbindung zu Pessach über das ungesäuerte Brot ist hier keine zufällige. Vielmehr verweist die Schilderung des Pessachopfers (2. Buch Mose 12,5) und der ungesäuerten Brote (12,39) auf den Altar und dieser auf die Geschehnisse von Pessach. Jedes Haus der Kinder Israels wurde zu einem Altar. Die Bewohner des Hauses wurden in diesem Augenblick gewissermaßen zu Kohanim. Sie waren befugt, das Pessachopfer darzubringen und zu verzehren.Es lohnt sich also durchaus, die Opfer genauer zu betrachten, denn sie sind mehr als nur Verfahrensanweisungen.

Der Autor ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen.

 

inhalt
Der Wochenabschnitt Wajikra steht am Anfang des gleichnamigen dritten Buches der Tora und enthält Anweisungen dazu, wie, wo und von welchen Tieren die verschiedenen Opfer dargebracht werden müssen. Es werden fünf Arten unterschieden: das Brand‐, das Schuld‐, das Friedens‐ und das Sündenopfer sowie verschiedene Arten von Speiseopfern.
3. Buch Mose 1,1 – 5,26

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