Rückkehr

Alles ist bereitet

»Es ist ein Land, in dem Milch und Honig fließt, und dies ist seine Frucht« (4. Buch Mose 13,27). Foto: Thinkstock / (M) Marco Limberg

Würde sich ein Außerirdischer aufgrund der Berichterstattung in den Medien ein Bild von unserer Erde machen, käme er wohl zu dem Schluss, dass sich unter den Weltmächten ein Imperium namens Israel befände. Es sei mindestens so bedeutsam wie Amerika, Russland oder China. Wie erstaunt wird der Außerirdische aber sein, wenn er herausfindet, dass es sich bei Israel um ein derart kleines Fleckchen Erde handelt, dass der Landesname auf einem gewöhnlichen Globus sogar abgekürzt werden muss (vielleicht dient dies auch nur zur Tarnung, damit diese Geheimmacht nicht allzu schnell entdeckt werde).

Doch nicht erst seit jüngerer Zeit ist Israel stets aktueller Schauplatz des medialen Weltinteresses und der internationalen Politik. Kaum ein Imperium des Altertums wollte dort auf seine Herrschaft verzichten. So wurde das Land von den Assyrern, Babyloniern, Persern, Griechen und den Römern erobert, zum Teil führte man erbitterte Kämpfe.

Wüste Die israelitischen Kundschafter in unserem Wochenabschnitt konnten dies alles noch nicht wissen. Aber selbst wenn, hätte es sie sicherlich nicht berührt. Sie lehnten das g’ttliche Angebot ab, das Land direkt in Besitz zu nehmen und wollten stattdessen lieber noch länger in der Wüste bleiben.

Die Bedeutung Israels ist schwer zu erklären, denn weder durch seine Bodenschätze noch durch eine für die Landwirtschaft besonders günstige Lage oder andere Reichtümer kann dieses Land bestechen. Auch heute liegt die größte wirtschaftliche Bedeutung Israels in Gütern, die zumeist vom Land selbst unabhängig sind: vor allem im Erfindungsreichtum, in der technologischen Entwicklung und den wissenschaftlichen Errungenschaften seiner Bewohner. Vielleicht können wir aber in den Worten der Kundschafter und deren Antithese den wirklichen Zauber dieses kleinen Landes erkennen.

Als die Kundschafter nach Beendung ihrer Mission zum israelitischen Volk zurückkehrten und üble Nachrede über das Land verbreiteten, bezeichneten sie es als »ein Land, das seine Einwohner verzehrt« (4. Buch Mose 13,32). Leicht könnte man denken, diese Bezeichnung für das Gelobte Land sei eine erfundene Lüge, und man müsste sie kategorisch ablehnen. Doch aus den Worten des großen Propheten Jecheskel wird derselbe Charakterzug beschrieben: »So spricht der Ewige: Weil sie zu euch (Bergen Israels) sprechen: ›Du verzehrst den Menschen, und deine Völker hast du hinausgeworfen‹ – deshalb wirst du nicht mehr Menschen verzehren und deine Völker nicht mehr hinauswerfen« (36, 13–15). Es scheint sich zu unserer Verwunderung also tatsächlich um eine berechtigte Beschreibung zu handeln! Aber was verstehen wir unter einem Land, das »seine Bewohner verzehrt«?

Dies wird an anderer Stelle in der Tora erläutert: »Denn alle diese Gräueltaten verübten die Menschen im Land, die vor euch waren, und das Land wurde unrein. So soll euch das Land nicht ausspeien, (was aber eintreten wird,) wenn ihr es verunreinigt, wie es das Volk ausspie, das vor euch war!« (3. Buch Moses 18, 25–28).

Verzehren Ja, die Kundschafter sagten die Wahrheit: Das Land Israel verzehrt tatsächlich seine Bewohner und speit sie aus, wenn sie sündigen und es verunreinigen, denn dieses Land verträgt keine Sünder! In der Wertung dieser Erkenntnis führten die Kundschafter das Volk jedoch aufs Schwerste in die Irre, da diese Eigenschaft in Wirklichkeit nicht den Mangel, sondern die Vorzüge und die Heiligkeit des Gelobten Landes bezeugt.

Auf ähnliche Art und Weise führten die Kundschafter die Israeliten in die Irre: Sie brachten ihnen riesige Früchte mit als Beweis für die Größe, Stärke und Unbesiegbarkeit der Landesbewohner. Sie verängstigten die Israeliten damit und raubten ihnen das letzte bisschen Vertrauen.

Die wahre Bedeutung der überschwänglichen Fruchtbarkeit des Landes aber können wir wiederum im Buch Jecheskel nachlesen: »Und ihr, Berge Israels, werdet eure Zweige treiben und eure Frucht tragen, für Mein Volk Israel, denn sie kommen bald. (...) Und Ich mehre bei euch Menschen und Vieh, und sie mehren sich und sind fruchtbar, und Ich lasse euch wohnen wie in früheren Zeiten, und tue euch wohl, mehr als früher« (36, 8–12).

Das Gelobte Land bereitet sich auf die Ankunft des Volkes Israel vor und wird außergewöhnlich fruchtbar. Es zeigt seine volle Bereitschaft, das ganze jüdische Volk aufzunehmen. Seine Feinde jedoch werden statt dieser ungewöhnlichen Fruchtbarkeit ein vollkommen unwirtliches Land antreffen. Unter ihrer Hand wird es schnell zur Einöde, wie die Tora beschreibt: »Und Ich werde das Land veröden, dass sich eure Feinde, die darin wohnen, darüber entsetzen« (3. Buch Mose 26, 32).

In Abwesenheit der Israeliten wird das Land zur Einöde. Nähert sich aber die Erlösung des Volkes und dessen Rückkehr, bereitet sich das Land vor, und seine volle Fruchtbarkeit tritt zutage. Die übergroßen Früchte wiesen also auf eine der guten Eigenschaften des Landes Israel hin und nicht, wie es die Kundschafter zu Unrecht interpretierten, auf einen Missstand.

Besitznahme Wieso aber sollte die Eigenschaft des Landes, seine Bewohner bei schlechter Führung auszuspeien, auf seine Vorzüge hinweisen? Dies erklärt der Ramban, Nachmanides (1194–1270), an mancher Stelle, unter anderem in seiner Drascha (Rede) zu Rosch Haschana. Er führt aus, dass das Land Israel sich durch seine besondere Nähe zu G’tt auszeichnet. Diese Nähe wird in der Tora beschrieben: »Denn das Land, in das du kommst, es in Besitz zu nehmen, ist nicht wie das Land Ägypten. (Es ist) ein Land, das der Ewige, Dein G’tt, forscht, stets sind die Augen des Ewigen, Deines G’ttes, auf es gerichtet, von Beginn des Jahres bis zum Ende des Jahres (5. Buch Mose 11, 10–12).

Ramban vergleicht diese Nähe mit einem Königspalast. Weit weg vom König mögen unterschiedliche Verhaltensweisen möglicherweise geduldet werden. Möchte man sich aber in der Nähe des Königs, in seinem Palast, aufhalten und mit ihm stets in Kontakt sein, muss man auch streng auf das richtige, anständige und des Königs würdige Benehmen achten – ansonsten würde man aus dem Palast geworfen.

Genauso verhält es sich auch mit dem Land Israel: G’tt ist in ihm besonders präsent, in ihm kann man G’tt nahe sein (Talmud Ketubot 110b). Diese Nähe verpflichtet. Diese höchst spirituelle Seite gibt es nur in Israel, sie ist in keinem anderen Land zu finden.

Der Autor ist Rabbiner der Synagogen-Gemeinde Köln.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Schelach Lecha berichtet davon, wie zwölf Männer ins Land Kanaan gesendet werden, um es auszukundschaften. Von jedem Stamm ist einer dabei. Zehn kehren mit einer erschreckenden Schilderung zurück: Man könne das Land niemals erobern, denn es werde von Riesen bewohnt. Lediglich Jehoschua bin Nun und Kalew ben Jefune beschreiben Kanaan positiv und erinnern daran, dass der Ewige den Israeliten helfen werde. Doch das Volk schenkt dem Bericht der zehn mehr Glauben und ängstigt sich. Darüber wird G’tt zornig und will das Volk an Ort und Stelle auslöschen. Doch Mosche kann erwirken, dass G’ttes Strafe milder ausfällt.
4. Buch Mose 13,1 – 15,41

Mikez

Für alle

Die Tora lehrt, dass wir unsere Stärken in den Dienst des Gemeinwohls stellen sollen

von Beni Frenkel  03.12.2021

Talmudisches

Auf hoher See

Wie gegen Rabbi Eliezer der Bann verhängt wurde und Rabban Gamliel in einen Sturm geriet

von Yizhak Ahren  03.12.2021

Tradition

Acht Lichter und viele Mizwot

Welche Bräuche zum Kerzenzünden an Chanukka sich im Laufe der Zeit entwickelten

von Rabbiner Avraham Radbil  02.12.2021

Chanukka

Licht aus Jerusalem

Die Geschichte des Festes anders erzählt – mit einer modernen Deutung der altjudäischen Botschaft

von Michael Wolffsohn  02.12.2021

Interview

»Die Religionsfreiheit gerät immer mehr unter Druck«

Rabbiner Avichai Apel über Chanukka, die Corona-Pandemie und Herausforderungen für das jüdische Leben in Europa

von Leticia Witte  01.12.2021

Berlin

Chanukka am Brandenburger Tor

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas entzündete das erste Licht

 28.11.2021

Andreas Nachama

»Die Macht des aufklärenden Wortes«

Der Berliner Rabbiner wird 70 Jahre alt. Ein Gespräch über seine Familie, die Gemeinde und den jüdisch-christlich-muslimischen Dialog

von Leticia Witte  28.11.2021 Aktualisiert

Chanukka

Lichter der Hoffnung

Mitten in Pandemie und Dunkelheit: Das Fest könnte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen

von Rabbiner Julian-Chaim Soussan  26.11.2021

Wajeschew

Das Leben feiern

Die Tora lehrt, in jeder Erfahrung einen Sinn zu sehen und daran zu wachsen

von Rabbiner Yehuda Teichtal  26.11.2021