Beha’alotcha

Ach, damals in Ägypten!

Foto: Getty Images

Unzufriedenheit kann sich wie eine Krankheit ausbreiten. Zunächst betrifft es nur wenige, doch je mehr sie nörgeln und jammern, desto mehr scheint dies um sich zu greifen. So ist es auch in unserem Wochenabschnitt.

Es betrifft zunächst nur eine kleine Gruppe von Menschen, die mit den Kindern Israels unterwegs ist: »Aber der Pöbel, der unter ihnen war, fühlte Gelüste, und auch die Kinder Israels weinten wieder: Wer wird uns Fleisch zu essen geben?« (4. Buch Mose 11, 4–6). Doch ausgehend von dieser kleinen Gruppe breitet sich die Unzufriedenheit weiter aus. Am Ende weinen die Kinder Israels. Nicht nur Einzelne. Durch eine Eigendynamik hat sich sogar der Grund für die Klagen verschoben. Es wurde ein Vorwand gesucht, um Unzufriedenheit auszudrücken.

HERDEN War es zunächst der Mangel an Fleisch, so ist es im nächsten Vers fehlender Fisch. Diese Klage ist bemerkenswert. Man würde voraussetzen, die Kinder Israels seien ohne Tiere und Besitz durch die Wüste gewandert. Tatsächlich hatten sie allerdings kleinere Herden dabei.

Plötzlich aber steht Fisch im Fokus der Beschwerde: »Wir erinnern uns an die Fische, die wir umsonst aßen in Ägypten, die Gurken und Melonen, den Lauch und den Knoblauch. Und nun lechzt unsere Seele – nichts ist da; nur auf das Man sind unsere Augen gerichtet« (4. Buch Mose 11,5).

Werfen wir einen weiteren Blick auf die Klage. Es ist nicht die Rede von Grundnahrungsmitteln. Wo ist Milch, wo ist Brot, wo ist das Fleisch, dessen Mangel gerade noch beklagt wurde? Stattdessen Knoblauch und Lauch. Würzige Speisen. Sie seien in Ägypten »umsonst«, also kostenlos gewesen. Hinter dieser Formulierung scheint der Wunsch zu stehen, das Man weiter abzuwerten.

Der spanische Kommentator Rabbi Bachja ben Ascher (1255–1340), erklärt, die genannten Speisen seien nicht die besten, die Ägypten zu bieten hatte. So sage der Text auch nicht »Fische« (Hebräisch: Dagim) oder »Fisch« (Dag), sondern »HaDag« (der Fisch), um auszudrücken, dass es dort überhaupt Fisch gegeben habe.

wanderung Wie ist die Versorgungslage der Kinder Israels zum Zeitpunkt der Klage? Das Volk erhält während der Wanderung jeden Tag kostenlose Lebensmittel. Der Aufwand besteht im Einsammeln des Man. Fleisch ist theoretisch verfügbar, aber nicht jeden Tag für alle.

Fisch hat es in Ägypten nicht ohne Gegenleistung gegeben. Der Kommentator Raschi (1040–1105) fragt dementsprechend: »Wenn gesagt wird, die Ägypter hätten ihnen Fisch umsonst gegeben, dann frage ich: Heißt es nicht: ›(Für die Arbeit) wird euch kein Stroh gegeben werden‹ (2. Buch Mose 5,18)? Wenn sie ihnen das Stroh nicht umsonst gegeben haben, hätten sie ihnen denn dann Fische umsonst gegeben?«

Der Preis für die Versorgung war hoch. Die Kinder Israels waren Sklaven und mussten hart arbeiten, um versorgt zu werden. Die Erinnerung an die Ermordung jüdischer Säuglinge scheint weggewischt zu sein.

Raschi antwortet auf seine eigene Frage und zitiert einen Midrasch: »umsonst« (Hebräisch: »chinam«) bedeute frei von den Mizwot, den Geboten. Diese waren den Kindern Israels kurz zuvor übergeben worden. Ihr Leben hatte sich dadurch verändert.

kinder Eltern können das nachvollziehen, wenn sie auf ihre Kinder schauen: Es gab eine Zeit, in der sie klein waren und noch keine Verpflichtungen hatten. Keinerlei belastende Verantwortung trübte ihren Alltag. Aber das ist Nostalgie. Kleine Kinder tragen zwar keine Verantwortung, doch sie können auch nicht so viel bewegen wie Erwachsene. In diesen Zustand zurückzuwollen, ist menschlich und verständlich. Doch mit der Übergabe der Tora ist der entscheidende Punkt überschritten. Es gibt kein Zurück.

Aus diesem Grund folgt diesen Versen auch die Beschreibung des Man: »Aber das Man war wie Koriandersamen und seine Farbe wie die Farbe des Erzes Bedolach. Das Volk streifte umher, und sie sammelten und mahlten es in Handmühlen oder stampften es in der Stampfe und kochten es im Topf oder machten daraus Kuchen; und sein Geschmack glich dem Geschmack des Markes von Öl« (4. Buch Mose 11, 7–8).

Der Kommentator Ibn Ezra (1089–1167) stellt dazu in aller Klarheit fest: »Die Tora beschreibt die Dummheit derjenigen mit den Gelüsten, denn das Man war wie Koriandersamen, der leicht zu pflücken ist, und es war leicht zu sehen, denn es war weiß. Außerdem konnten sie es so essen, wie es war. Sie konnten es auch in Mühlen mahlen und daraus Kuchen backen. Sie konnten es in Mörsern zerstoßen und in Töpfen kochen. Es hatte einen besonders guten Geschmack, denn es schmeckte wie eine Speise aus feinstem Öl. Außerdem fiel es herab, nachdem der Tau den Ort gewaschen hatte, auf den es fiel. Es fiel also auf einen sauberen Ort herab.«

sklaven Mit anderen Worten: Es ist alles da, was benötigt wird. Sammle es, iss es, aber es kommt nicht ohne Verpflichtung und Verantwortung. Es wäre falsch, davon auszugehen, dass die Kinder Israels im Geiste noch Sklaven waren. Sklaven beschweren sich nicht lautstark, denn sie fürchten die Peitsche.

Die Israeliten müssen einsehen, dass Freiheit ohne Verantwortung nicht zu haben ist. Die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey haben kürzlich in einer Studie gezeigt, dass gerade ein »libertärer Autoritarismus« entsteht – eine Auffassung von Freiheit, bei der Menschen nicht durch und in sozialen Beziehungen eingeschränkt werden wollen. Freiheit sei, aus Sicht einiger, ein alleiniges Recht, über das jeder individuell verfügen könne. Diese individuelle Freiheit werde absolut gesetzt. Durch die Abwertung jeder anderen Auffassung sei diese Haltung autoritär.

Die Tora widerspricht dem, wie wir gesehen haben. Die Nostalgie wird im jüdischen Kontext durch »Erinnerung« ersetzt, und diese hat einen positiven Zweck für die Gegenwart und die Zukunft. Wenn gebetet wird: »Chadesch Jamejnu kekedem« (Erneuere unsere Tage wie früher), dann ist das kein Zurücksehnen, sondern ein Verweis auf eine Zeit, in der mehr Verantwortung getragen wurde und die Mizwot eine größere Rolle spielten.

Erinnerung statt Nostalgie, Verantwortung statt unmittelbare Bedürfnisbefriedigung. Die Botschaft bleibt aktuell.

Der Autor ist Blogger und lebt in Gelsenkirchen.

inhalt
Der Wochenabschnitt Beha’alotcha beginnt mit den Vorschriften für den Leuchter im Stiftszelt. Danach bringt er weitere Vorschriften für die Leviten. Außerdem wird ein zweites Pessachfest für diejenigen eingeführt, die es im Monat Nissan nicht feiern konnten. Ferner wird geschildert, wie am Tag eine Wolke und nachts eine Feuersäule die Anwesenheit des Ewigen am Stiftszelt anzeigen. Immer wenn die Wolke sich vom Stiftszelt entfernte, setzten auch die Kinder Israels ihren Zug fort.
4. Buch Mose 8, 1 – 12,16

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