Gazastreifen

Zynisches Kalkül

Palästinenser setzten am vergangenen Freitag Autoreifen in Brand, um israelischen Soldaten die Sicht zu versperren. Foto: Flash 90

Einen »Marsch der Millionen auf Jerusalem« hatte die Hamas-Regierung in Gaza angekündigt. Gemessen daran sind die Aktionen eher kläglich ausgefallen. Obwohl die Hamas Millionen Dollar ausgegeben hat, um nahe der Grenze zu Israel Zelte aufzustellen, Verpflegung und »kulturelle« Veranstaltungen zu organisieren, konnten am ersten Tag der auf sechs Wochen angelegten Aktionen gerade einmal 30.000 Menschen mobilisiert werden.

Wenn man bedenkt, dass die Regierung in Gaza allein schon 40.000 Beschäftigte hat, die unter erheblichem Druck stehen, ihre Loyalität zu beweisen, sind 30.000 »Protestierende« schon eine Niederlage. Seit dem harten Eingreifen der israelischen Armee (IDF) am ersten Tag zeigen sich immer weniger Bewohner Gazas bereit, dem zynischen Kalkül der herrschenden Terroristen zu folgen und sich als potenzielle Märtyrer für die Propaganda der Hamas zur Verfügung zu stellen.

schutzschild Das sollten diejenigen bedenken, die Israel zur »Zurückhaltung« mahnen. Was wäre passiert, wenn es den Hamas-Aktivisten gelungen wäre, den Grenzzaun zu durchbrechen und mit Tausenden Frauen und Kindern als Schutzschild auf israelisches Gebiet vorzudringen? Jeder kann sich das ausmalen – ein Blutbad, das die Hamas wollte und das die IDF verhindert hat.

Warum aber will die Hamas gerade jetzt ein Massaker provozieren? Vor einem Jahr wurde Jahia Sinwar zum Chef der Hamas in Gaza bestimmt. Ein wegen der Entführung und Ermordung zweier israelischer Soldaten verurteilter und diverser Morde an »Kollaborateuren und Verrätern« verdächtigter Hardliner, der im Zuge eines Gefangenenaustauschs aus israelischer Haft freikam. Kaum war er im Amt, verkündete Sinwar: Die Beziehungen zum Iran seien »sehr ausgezeichnet«, Teheran werde fortan der »wichtigste finanzielle und militärische Unterstützer« der Hamas sein.

Das war ja auch bis 2012 der Fall, doch hatten sich die Hamas und der Iran über die Frage der Unterstützung des Assad-Regimes in Syrien entzweit. Nun, da Assad dabei ist, mithilfe Teherans, Russlands und der Hisbollah zu siegen, schlägt sich die Hamas schnell auf die Seite der Sieger. Die »gemäßigten« arabischen Staaten hingegen geben immer offener zu, dass nicht Israel ihre Existenz bedroht, sondern der Iran. Längst haben Ägypten und Jordanien einen Friedensvertrag mit Israel. Jüngst hat sogar der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman das Existenzrecht Israels anerkannt.

atomwaffenprogramm Im Kampf um die regionale Vorherrschaft setzt Teheran nicht nur auf sein Atomwaffenprogramm, seine Raketen, seine Elitetruppen in Syrien, seine Verbündeten in Moskau und Damaskus, örtliche Milizen wie die Hisbollah im Libanon und die Huthi im Jemen.

Der Iran spielt auch die antizionistische Karte, um die »arabische Straße« für sich zu gewinnen. Das, was Ägyptern, Syrern, Irakern und Jordaniern nicht gelang, die heilige Sache der Befreiung Palästinas von jüdischer »Besatzung« – das, so die Mullahs, werde nur unter der Führung der Islamischen Republik Iran gelingen. Und darum müssen die zwangsverhüllten Frauen Gazas, ihre Kinder mit Spielzeugpistolen und in Tarnanzügen im Schlepptau, an der Grenze die Fäuste recken, während ihre Söhne ins israelische Feuer geschickt werden.

»Keinen Zentimeter Palästinas aufgeben!«, rufen die Hamas-Propagandisten. Wie schon 1948, 1956, 1967 und 1973 träumen sie davon, die Juden »ins Meer zu werfen«. Nichts anderes bedeutet ihre Forderung nach einem »Recht auf Rückkehr« für alle, die vor 70 Jahren im Zuge des Vernichtungskriegs gegen den jüdischen Staat flüchteten oder vertrieben wurden, und für ihre Nachkommen. »Umvolkung«, von manchen Populisten hierzulande als Schreckgespenst an die Wand gemalt – ist genau das, was die Hamas wirklich erreichen will.

unrwa Dabei ist sie unfähig, ihre eigene Bevölkerung auch nur zu ernähren. Nicht wegen der »Blockade« durch Israel und Ägypten. Sondern weil der Hamas die Menschen gleichgültig sind. Die Palästinenser sind die einzige Flüchtlingsgruppe weltweit, die eine eigene UN-Organisation hat: die UNRWA. Sie betreibt in Gaza Schulen und Sozialeinrichtungen und stellt für mehr als die Hälfte der Bevölkerung Essen und Kindergeld zur Verfügung. Je mehr Kinder eine Frau bekommt, desto mehr Geld bekommt sie von der UNRWA, weshalb die Geburtenrate in Gaza viel höher ist als etwa bei Arabern in Israel oder im Westjordanland.

Hauptgeldgeber der UNRWA sind die USA, die EU, Großbritannien, Saudi-Arabien und Deutschland. Ein Großteil der Bevölkerung des Hamas-Ministaats wird also von westlichen Staaten versorgt; das erlaubt der Hamas, sich der Zerstörung Israels und der Verteufelung des Westens zu widmen.

Israel hat in den letzten Tagen Härte gezeigt. Das war nicht schön, aber nötig. Wenn der Westen den Menschen in Gaza helfen wollte, würde er ohne Wenn und Aber hinter Israel stehen, das Recht auf Rückkehr zurückweisen, die UNRWA auflösen und damit die Hamas zwingen, selbst um Materielles zu bitten, was dann an politische Konzessionen geknüpft werden könnte. Solange er jedoch ein korruptes Terrorregime am Leben hält, hat der Westen weder politisch noch moralisch das Recht, Israel zu kritisieren.

Der Autor schreibt für die »Welt« und betreibt den Blog »Starke Meinungen«.

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