Hudhaifa Al-Mashhadani, der Leiter einer deutsch-arabischen Sprachschule in Berlin-Neukölln, steht nach neuen Enthüllungen im Zentrum einer Affäre. Ein von ihm geschilderter Mordversuch in einer U-Bahnstation soll sich offenbar anders abgespielt haben als zunächst behauptet.
Nach Medienrecherchen gibt es Hinweise darauf, dass der angebliche Angriff möglicherweise frei erfunden war. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Medienberichten zufolge gegen Al-Mashhadani selbst. Der »Tagesspiegel« und die »Tageszeitung« berichteten zuerst.
Der Vorfall hatte im November große Aufmerksamkeit ausgelöst. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner reagierte damals öffentlich und erklärte auf der Plattform X, ihn erschüttere der »feige Angriff« auf den Pädagogen zutiefst. Der CDU-Politiker verurteilte »diese feige Tat aufs Schärfste«. Der Schulleiter gilt in Berlin als engagierter Kritiker von Islamismus und Antisemitismus und tritt häufig als Vermittler zwischen verschiedenen religiösen Gruppen auf.
Der Mann hatte der Polizei geschildert, er sei am U-Bahnhof Rathaus Neukölln beinahe vor einen einfahrenden Zug gestoßen worden. In einer schriftlichen Darstellung erklärte er: »Als die U-Bahn einfuhr und ich im Begriff war, in den vorderen Wagen einzusteigen – jener, der sich unmittelbar beim Fahrer befindet –, wurde ich plötzlich und völlig unerwartet von hinten mehrfach heftig gestoßen, als wolle mich jemand vor den Zug schubsen.«
Anderes Bild
Eine Auswertung von Überwachungsvideos zeichnet dem »Tagesspiegel« zufolge jedoch ein anderes Bild. Die Aufnahmen zeigen, wie der Schulleiter mit einem Kaffeebecher und einem Handy in den Händen auf eine bereits eingefahrene U-Bahn zuläuft und in den ersten Wagen einsteigt.
Ein anderer Mann auf dem Bahnsteig berührt ihn kurz an der Tür und macht anschließend eine Handbewegung in Richtung seiner Augen und des Schulleiters – eine Geste, die eher als »Ich habe dich im Blick« interpretiert werden kann. Hinweise darauf, dass jemand versucht hätte, ihn vor den Zug zu stoßen, sind darauf nicht zu erkennen.
Der Staatsschutz des Landeskriminalamtes hatte die Bilder bereits kurz nach dem angeblichen Angriff gesichert. Intern sollen schon kurz darauf Zweifel an der Darstellung des Vorfalls aufgekommen sein.
Während die Ermittler zunächst in alle Richtungen prüften, bestätigte dem Bericht nach die Staatsanwaltschaft, dass auch gegen den Schulleiter selbst ermittelt wird. Es besteht der Verdacht der falschen Verdächtigung. Ein Sprecher der Behörde erklärte: »Das Verfahren wurde von der Staatsanwaltschaft Berlin nach Sichtung der ersten Ermittlungsergebnisse von Amts wegen eingeleitet.« Der Beschuldigte habe inzwischen Kenntnis von dem Verfahren und einen Verteidiger eingeschaltet.
Friedliches Miteinander
Der Mann selbst weist Vorwürfe den Berichten nach zurück. Vor wenigen Tagen erklärte er: »Das stimmt nicht, was taz schreibt. Die machen das, weil ich für Israel bin.«
In der Vergangenheit erhielt Al-Mashhadani viel politische Unterstützung. Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) hatte die von ihm geleitete Sprachschule mehrfach besucht. Die Einrichtung wurde im Bezirk auch für ihr Engagement gegen Antisemitismus und für interkulturellen Dialog ausgezeichnet. Hikel betonte, dort würden »Hunderte Schülerinnen und Schüler« Arabisch lernen und gleichzeitig für »Verständigung, Toleranz und ein friedliches Miteinander« sensibilisiert.
Zugleich erinnerte der Bezirksbürgermeister daran, dass die Schule und ihr Leiter nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 zur Zielscheibe von Islamisten geworden seien. Es habe Bedrohungen und sogar Gewalt gegen die Einrichtung gegeben. Angesichts der aktuellen Vorwürfe forderte Hikel nun Aufklärung.
Zweifel an Veröffentlichungen
Neben dem umstrittenen U-Bahn-Vorfall werfen laut »Tagesspiegel« auch andere Aspekte Fragen auf. Ein Nahostforscher stieß im Internet auf mehrere arabischsprachige Artikel, die unter dem Namen des Schulleiters veröffentlicht wurden und teilweise islamistische oder antisemitische Aussagen enthalten. Ob diese Texte tatsächlich von ihm stammen, ist bislang unklar.
Auch Angaben zu seinem beruflichen Werdegang lassen sich bislang nur schwer überprüfen. Der Pädagoge hatte unter anderem behauptet, im Irak Parlamentsabgeordneter gewesen zu sein und später für das US-Außenministerium gearbeitet zu haben. Öffentliche Quellen legen jedoch nahe, dass er lediglich für einen Abgeordneten tätig gewesen sein könnte.
Unklarheiten gibt es zudem bei seinem akademischen Titel. Nach eigenen Angaben soll er an einer Einrichtung im US-Bundesstaat Texas promoviert haben. Ein Sprecher der Universität erklärte jedoch, dass dort kein Student mit seinem Namen und Geburtsdatum bekannt sei – und dass das betreffende Institut keine akademischen Grade verleihe.
Schule äußert sich zurückhaltend
Der Schulleiter selbst reagierte nicht auf einen umfangreichen Fragenkatalog. Stattdessen erklärte die Pressestelle seiner Schule, einige der angesprochenen Punkte seien derzeit Gegenstand rechtlicher Prüfungen. Deshalb wolle man sich »zum jetzigen Zeitpunkt nicht im Rahmen einer öffentlichen medialen Debatte« zu einzelnen Aspekten äußern.
Die Einrichtung betonte zugleich, ihr Leiter engagiere sich seit Jahren in der Bildungsarbeit sowie für gesellschaftlichen Dialog in Berlin. Offene Fragen sollten über »zuständige rechtsstaatliche Wege« geklärt werden. Bis dahin wolle man sich auf die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern konzentrieren. ja