Terror

»Wo sind die Türme?«

Bilder, die die Welt erschütterten Foto: Archiv

Belinda Cooper, eine Expertin für Menschenrechte und internationales Recht, die am »World Policy Institute« in Manhattan lehrt, war gar nicht in New York, als es passierte. Sie hatte gerade einen Lehrauftrag mitten in Ohio, war umgeben von gläubigen Christen und Republikanern – für jemanden, der in Queens aufgewachsen ist, eine sehr exotische Umgebung.

Nach dem 11. September aber war Cooper dort eine gefragte Gesprächspartnerin – aber nicht als Jüdin, sondern vor allem deswegen, weil sie aus New York stammte. »Ich erinnere mich, dass die Angst umging, es könnte einen Terroranschlag bei uns in der Gegend geben«, sagt Cooper. In der Nähe befand sich eine Fabrik, die Kampfpanzer herstellte; vermutlich hatten Osama bin Laden und Co. noch nie davon gehört.

muslime Belinda Cooper, die politisch eher links steht, erinnert sich aber auch an etwas anderes: »Die Leute gaben sich sofort Mühe, nett zu Muslimen zu sein.« Keine Rede kann davon sein, es habe unter den weißen, christlichen Protestanten des Mittleren Westens nach den Terrorangriffen eine Welle des antiislamischen Hasses gegeben.

Ein paar Tage später flog Belinda Cooper nach Hause, denn gleich nach dem 11. September war Rosch Haschana. Sie weiß noch, dass das Flugzeug über das Loch flog. Die Verschwörungstheorien kamen später: Es sei gar nicht Al Qaida gewesen, sondern die amerikanische Regierung selbst oder ähnliches. »Als Jüdin reagiert man immer nervös auf Verschwörungstheorien«, sagt sie, »denn sie landen alle irgendwann bei den Juden.«

Mark Jacobson, ein Journalist, der für das »New York Magazine« arbeitet, saß gerade im Lincoln Center in der 66. Straße. Er bereitete eine Geschichte über den Jazztrompeter Wynton Marsalis vor und unterhielt sich mit dessen Manager. Plötzlich bekam der einen Anruf auf seinem Handy, sagte mehrmals »Oh Gott« und legte auf. Dann ging er mit Mark Jacobson auf das Dach des Lincoln Center, das unter anderem die Metropolitan Opera beherbergt. Von dort sahen sie die qualmenden Hochhaustürme. Jacobson wusste sofort: »Da muss ich hin.« Er ging also die Straße hinunter, dem Ort des Unglücks entgegen.

Für das Gespräch mit dem Manager hatte er sich fein gemacht, er trug einen Anzug und teure Schuhe. Als er endlich am Ort des Massakers ankam, waren die Türme schon kollabiert. Jacobson dachte aber: Wenn ein Turm umkippt, dann so, wie ein Baum umfällt, also aus der Vertikalen in die Horizontale. »Wo sind die Türme?«, fragte er einen Feuerwehrmann, als er auf dem Gelände stand. »Unter deinen Füßen«, antwortete der.

Truther Die Wochen nach dem 11. September waren die einzigen seines Lebens, in denen Jacobson sich je auf unbehagliche Weise der Tatsache bewusst wurde, dass er Jude war. Er sah sich massiv mit Verschwörungstheorien konfrontiert. In Amerika nennen sich die Verschwörungstheoretiker »truthers«, also ungefähr: Wahrheitssucher. »Die ganze ›truther‹-Bewegung ist antisemitisch«, sagt Jacobson. Sehr schnell kursierte das Gerücht, 4.000 Juden seien an jenem Morgen nicht zur Arbeit erschienen, dann war da noch die Sache mit dem weißen Lieferwagen.

»Wenn man die Worte ›white van‹ bei Google eingibt«, sagt Jacobson, »stürzt einem der Wahnsinn aus dem Internet entgegen.« In einem weißen Lieferwagen aus New Jersey wurden am 11. September fünf junge israelische Männer gesichtet, die einander vor dem Hintergrund der brennenden Türme filmten – wie das an diesem Tag Hunderte taten. Eine Augenzeugin berichtet, sie hätten dabei gelacht. Sie arbeiteten, wie so viele Israelis in New York, für eine Umzugsfirma (»Urban Moving«), und sie hatten nur Touristenvisa, keine Arbeitserlaubnis.

Sie wurden verhaftet, weil ihr Verhalten auffällig erschien. Weil das FBI den Verdacht hegte, zumindest zwei von ihnen könnten für den Mossad arbeiten, wurden sie zwei Monate lang im Gefängnis festgehalten und dann freigelassen. Im Ganzen völlig vernachlässigenswert. Aber aus antisemitischer Perspektive taugt sie schon fast zum Beweis, wer hinter dem Anschlag vom 11. September steckte.

lüge David Libman, ein chassidischer Jude, arbeitete auf dem Gelände des World Trade Center. Er sah das erste Flugzeug nicht in den Turm schlagen, aber er sah, wie Kollegen, die am Fenster standen, anfingen zu rennen; und er rannte hinterdrein. Zu jener Zeit glaubte er noch, es sei ein Unglück. Als das zweie Flugzeug einschlug, war er schon zwei Häuserblocks weit entfernt. Das zweite Flugzeug, erinnert er sich, klang im Anflug wie eine Rakete: ein hoher, pfeifender Ton.

Er überlegte dann, ob er über die Brooklyn Bridge nach Hause gehen sollte, aber nach dem zweiten Flugzeug war ihm bewusst: »Wir werden angegriffen.« Und es war nicht klar, ob der Feind nicht vielleicht auch die Brücken vermint hatte. Libman und ein Freund beschlossen also, sich zur Staten Island Ferry durchzuschlagen, denn wenn jemand Raketen auf die Fähre abfeuerte, konnte man sich doch durch einen beherzten Sprung ins Wasser retten.

Die Handys funktionierten nicht: Das erste Flugzeug hatte die Antenne auf dem Dach des Turms zerstört. Es gab also keine Möglichkeit, zu Hause anzurufen und zu sagen, dass man noch am Leben war.

Die Staten Island Ferry war mit Menschen dicht bepackt. Einige von ihnen hatten Radios dabei. Der erste Turm sei gerade eingestürzt, behaupteten sie. David Libman und sein Freund beruhigten die Menge: Nein, nein, sagten sie, das ist gar nicht möglich, diese Gebäude sind stabil gebaut.

Dann sahen sie die riesige schwarze Wolke, die an den Seiten der Spitze von Manhattan hervorquoll und so hoch stieg wie ein Wolkenkratzer. Die Menschen auf der Fähre brachten sich halbwegs im Schiffsinneren in Sicherheit; Libman erinnert sich, dass die Fähre Sonar brauchte, um ihren Weg durch die schreckliche Rauchwolke zu finden. Auf Staten Island fand er dann einen anderen frommen Juden mit einem Auto, und der nahm ihn am Ende mit nach Brooklyn.

schuldfragen Ihm fällt im Rückblick auf, dass die Reaktion von Leuten, die an jenem schrecklichen Tag im World Trade Center waren, oft sehr anders ausfällt als die Reaktion der Zuschauer von außen: Leute, die sich in der Mitte des Fadenkreuzes wiederfanden, neigen nicht dazu, die Schuld für das Massaker bei der amerikanischen Außenpolitik zu suchen.

Noch zu Sukkot drei Wochen später sei es Libman schwergefallen, über das Geschehene zu sprechen; er wollte lieber erst einmal in Ruhe gelassen werden. Über den Mythos, die Juden seien vorher gewarnt worden, kann David Libman nur lachen. »Mir hat keiner Bescheid gesagt«, meint er. »Und ich bin ziemlich jüdisch.«

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