Interview

»Wirtschaftsethik fördern«

Elisa Klapheck Foto: privat

Frau Rabbinerin, Sie haben kürzlich »Torat Hakalkala« gegründet, einen »Verein zur Förderung angewandter jüdischer Wirtschafts- und Sozialethik«. Wollen Sie mit der Weisheit des Talmuds die Eurokrise lösen?
Ich weiß nicht, ob man das so direkt kann, denn da liegen ja etliche Jahrhunderte dazwischen. Aber der Geist des Talmuds will heute neu erschlossen und weiterentwickelt werden. Ich bedaure, dass wir unser Erbe brachliegen lassen. Dadurch, dass Wirtschaft und Religion heute getrennt sind, haben wir viel zu wenig im Blick, dass die jüdische Tradition uns etwas zu den aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen zu sagen hat.

Was konkret beabsichtigen Sie mit Ihrem Verein?
Wir möchten Grundlagenwissen erschließen und zum Beispiel die talmudischen Traktate, die sich zu wirtschaftlichen Themen äußern, im Licht der Fragen von heute lesen. Zugleich wollen wir eine jüdische Sicht auf die Gegenwart, etwa zur Schuldenkrise, formulieren. Denn das Thema Schuld hat ja schon immer auch eine religiöse Dimension. Einige unserer Vereinsmitglieder arbeiten selbst in der Wirtschaft. Das ist wichtig, denn man kann die Quellen nur mit Sachverstand lesen. Man muss verstehen, wie die Wirtschaft im Detail funktioniert, um ihre religiöse Dimension – dazu gehören auch gleiche Chancen und soziale Gerechtigkeit – umsetzen zu können.

Sie wollen nach außen wirken. Wen möchten Sie ansprechen?
Natürlich wenden wir uns an die jüdische Öffentlichkeit, aber ebenso auch an die gesamte Gesellschaft. Wir planen öffentliche Veranstaltungen, Vorträge und die Erarbeitung von Materialien. Nicht zuletzt wollen wir auch in den Medien Stellung beziehen.

Wie viele Mitglieder hat Ihr Verein?
Im Augenblick sind es zehn. Wir haben aber schon viele Anfragen bekommen. Die Gründungsmitglieder stehen alle im jüdischen Leben und sind entweder stark an Wirtschaft interessiert oder direkt involviert. Zum Beispiel ist ein Mitglied Finanzmarktanalyst und ein anderes Wirtschaftsanwalt.

Warum fanden Sie es nötig, einen Verein zu gründen? Jüdische Antworten auf wirtschaftspolitische Herausforderungen lassen sich doch ebenso gut auch unter dem Dach der Gemeinde finden. Wir haben mit Schiurim im Egalitären Minjan der Frankfurter Gemeinde angefangen. Als Reaktion auf die Wirtschaftskrise ab 2007 haben wir uns mit dem Zinsverbot in der jüdischen Tradition auseinandergesetzt und darüber diskutiert, was der Talmud wohl zur Bankenkrise sagen würde. Im Verlaufe erkannten wir, dass die Gesellschaft gerade auf Gebieten wie Wirtschaft und Politik viel von der jüdischen Tradition lernen kann. Die Gemeinde ist dafür aber ein zu begrenzter Rahmen und hat andere Aufgaben zu erfüllen. Deswegen haben wir einen Verein gegründet, in dem Juden und Nichtjuden eine jüdische Wirtschafts- und Sozialethik fördern wollen.

Mit der Rabbinerin des Egalitären Minjans in Frankfurt am Main sprach Tobias Kühn.

Debatte

Die Deutsche Welle und der Judenhass

Der Bundestag befasst sich demnächst mit den Antisemitismusvorwürfen gegen den Sender

von Michael Thaidigsmann  22.01.2022

Südafrika

Rüge für Höchstrichter wegen Israel-Solidarität

Mogoeng Mogoeng muss sich wegen positiver Äußerungen zum jüdischen Staat entschuldigen

 21.01.2022

Israel

Yad Vashem lobt UN-Resolution gegen Holocaust-Verleugnung

Der von Israel und Deutschland eingebrachte Text wurde in New York einstimmig angenommen

 21.01.2022

Interview

»Die Bundesregierung blendet den Islamismus aus«

Der CDU-Innenexperte Christoph de Vries kritisiert die Gleichgültigkeit der Ampel im Kampf gegen den politischen Islam und ihre geplante Migrationspolitik

von Christoph Schmidt  21.01.2022 Aktualisiert

Antisemitismus

Zentralrat der Juden kritisiert umstrittenes BDS-Urteil

Josef Schuster: »Das Urteil ist ein Rückschlag im Kampf gegen Antisemitismus«

 21.01.2022 Aktualisiert

Antisemitismus

Geiselnehmer in texanischer Synagoge offenbar geistig gestört

Die US-Ermittlungsbehörden rekonstruieren derzeit einen Zeitplan über die Bewegungsabläufe des Angreifers

 21.01.2022

Vereinte Nationen

UN-Gremium billigt zweiten israelischen Antrag in 73 Jahren

Die Vollversammlung nimmt eine Resolution an, die die Leugnung der Schoa verurteilt - nur ein Land war dagegen

von Michael Thaidigsmann  21.01.2022

CDU

Laschet will als Abgeordneter Schwerpunkt auf Israel legen

Scheidender Vorsitzende möchte die Annäherung Israels und der arabischen Welt fördern

 21.01.2022

Diplomatie

»Iran dreht an der nuklearen Spirale der Eskalation«

Außenministerin Baerbock wirft dem Iran vor, die Verhandlungen über das Abkommen zur Verhinderung einer iranischen Atombombe zu unterlaufen

 20.01.2022