Europa

Wir Tolerierten

Migranten müssen draußen bleiben: Den selbst ernannten Rettern des Abendlands geht es nicht um Vielfalt, sondern um Uniformität. Foto: Fotolia

Andreas Mölzer, rechtsextremer Chefideologe der österreichischen Freiheitlichen Partei und Abgeordneter im Europäischen Parlament, warnte Ende 2009 in einem Interview vor einer »Umvolkung« Europas im religiösen und kulturellen Bereich. Der »Zuwanderungs-Islam« sei als »nicht-autochthone Religion in Europa ein Fremdkörper«. Den NS-Ausdruck »Umvolkung« ha- ben FPÖ-Politiker in den 90er-Jahren in die politische Debatte eingebracht. Mölzer beklagte schon damals die mangelnde »biologische Potenz« der Deutschen, ihren »überalterten und schwächeren Volkskörper, der dynamischeren Zuwanderern gegenübersteht«. Zu dieser Zeit war die Religionszugehörigkeit von Migranten noch kein Thema.

Thilo Sarrazin, Noch-SPD-Politiker mit arabisch klingendem Familiennamen, verwendet den Begriff »Umvolkung« nicht. Er spricht von Erbfaktoren, Nettoreproduktionsraten und von »Zeichen des Verfalls«, aber er meint das Gleiche wie Mölzer. Was er über Migranten, Unterschichten und Zuwandererghettos behauptet, spiegelt seine Umvolkungsängste wider. »Ganze Clans haben eine lange Tradition von Inzucht und entsprechend viele Behinderungen«, heißt es in Sarrazins Bestseller Deutschland schafft sich ab über türkische und kurdische Migranten.

Bildungsbürger Gleiches hätte man vor 100 Jahren über die meist bitterarmen jüdischen und italienischen Einwanderer in den USA sagen können. Es gibt wenige Menschen, deren Vorfahren nicht irgendwann zu einer »Unterschicht« gehört haben. Doch das spielt keine Rolle. Bildungsbürger Sarrazin wagt, öffentlich auszusprechen, was jahrzehntelang nur an Stammtischen möglich war – und viele applaudieren.

Das macht mir Angst. Denn der Erfolg des ehemaligen Bundesbankers ist keine deutsche Absonderlichkeit, sondern eines der Symptome für einen europaweiten Backlash, der in Österreich und den Niederlanden, in Belgien, der Schweiz und Polen, ganz zu schweigen von Ungarn oder Italien, durch ungleich radikalere und gefährlichere Akteure verkörpert wird. Diese hängen einer christlich-abendländischen Illusion nach, die eine vermeintliche Idylle in der Vergangenheit konstruiert.

Ein Kitsch-Bild als Besänftigungsmittel, die Provinzialisierung als Methode. Ob in der Zuwanderungs-, Frauen- oder Bildungspolitik: Die Sehnsucht nach der Kirche im Dorf statt einer Moschee am Stadtrand ist größer als die Erkenntnis, man müsse sich, ob man will oder nicht, der Irritation einer permanenten gesellschaftlichen und kulturellen Veränderung stellen, die ohnehin unvermeidbar ist.

In Wirklichkeit geht es längst nicht mehr um neue Konzepte von Zuwanderung und Integration oder den Kampf gegen Menschen, die unsere Gesellschaft bedrohen. Ich bin ein Österreicher »mit Mi- grationshintergrund« und seit Langem gut »integriert«. Manche islamistische Intellektuelle sind das auch. Das macht sie aber nicht weniger gefährlich. Es geht auch nicht um Grundwerte.

bieder Mein Vater, der nie richtig Deutsch gelernt und sich in Österreich selten wohlgefühlt hat, war ein vehementer Verfechter von Demokratie und Menschenrechten. Sarrazin, Mölzer, FPÖ-Chef Strache und vielen anderen geht es um Uniformität, die sich in einem ethnisch-kulturellen Kontinuum manifestiert. Sie wollen von Menschen umgeben sein, die ähnlich aussehen, ähnlich denken und ähnlich träumen wie sie, die bieder und rechtschaffen das Sozialprodukt steigern und sich fleißig vermehren, damit alles auch in Zukunft so bleibt. Ein paar gebildete Ausländer, die »nützlich« sind und nicht auffallen, könne man in einer solchen Welt großzügig tolerieren.

Es wäre unmoralisch und kleingeistig zu glauben, die skizzierte Entwicklung gehe mich, einen säkularen Juden, der schon als Kind nach Österreich eingewandert ist, nichts an. Soll ich dankbar sein, dass Herr Sarrazin (trotz seines Geredes vom »JudenGen«) kein Antisemit ist und FPÖ-Chef Strache in erster Linie gegen Türken und Muslime hetzt? Soll ich mich, wie einige andere Juden oder Zuwanderer, insgeheim darüber freuen, diesmal »auf der anderen Seite« stehen zu dürfen, nachdem es ausnahmsweise nicht gegen »uns« geht? Die Ernüchterung kommt früh genug.

Ob wir zu den Nützlichen und Tolerierten gehören, bestimmen immer die anderen. In Österreich brauche ich darauf nicht mehr zu warten – es ist schon längst so gekommen. »Wiener Blut, Wiener Blut, zuviel Fremdes tut niemandem gut«, stand im Herbst 2010 in einer Wahlbroschüre der FPÖ. Bei den Wiener Gemeinderatswahlen im Oktober erhielten die Freiheitlichen mehr als 25 Prozent der Stimmen. Dort die Eugenik, hier das Blut. Ein Zufall?

Kein Zufall ist, dass ich heute in Österreich oft Schlimmeres zu hören bekomme als in meiner Kindheit und Jugend. Islamophobie, Antisemitismus, Israel-Feindlichkeit: Die Leute auf der Straße greifen bereitwillig auf, was ihnen manche Denker, Ideologen und Politiker vorgeben, und ergänzen es. Auf ihre Weise.

Der Autor, 1966 in St. Petersburg geboren, ist Schriftsteller und lebt in Österreich. Zuletzt ist von ihm erschienen: »Am Morgen des zwölften Tages« (Deuticke).

Frankfurt/Main

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