Gespräch

»Wir nehmen die Ängste ernst«

Herr Graumann, wie hat die jüdische Gemeinschaft auf den doppelten Terroranschlag in Norwegen reagiert?
Wie alle Menschen auf der Welt: mit Schock, Trauer, Anteilnahme. Jedes Menschenleben, das gewaltsam beendet wird, ist eines zu viel. Bei einer so bestialischen Untat gibt es keine spezifisch jüdische Reaktion. Unsere Herzen sind bei den Opfern und ihren Familien.

Gibt es aber spezifisch jüdische Ängste?
Nicht nur Juden sind verunsichert. Nach dem Anschlag von Oslo und Utoya haben viele Menschen das Gefühl, dass der Terrorismus jeden überall treffen kann. Es stimmt aber, dass wir als Juden – leider – ein höheres Bewusstsein für die Gefährdung durch Terroris-ten entwickelt haben. Daher stelle ich in Gesprächen mit unseren Mitgliedern in der Tat erhebliche Verunsicherung fest. Diese Ängste nehmen wir ernst. Schließlich gelten Juden vielen Extremisten, in welcher ideologischen Ecke sich diese auch immer befinden, als ein »natürliches« Ziel. Das ist auch den deutschen Behörden bewusst. Wir werden deshalb die bestehenden Sicherheitsvorkehrungen gemeinsam mit den zuständigen Dienststellen nochmals genau prüfen. Die Sicherheitsbehörden verdienen unser Vertrauen. Wir gehen davon aus, dass etwaige Schwachstellen behoben werden.

Wie können, wie müssen Gesellschaft und Staat auf diesen Anschlag reagieren?
Besonnen und entschlossen zugleich. Wir sollten aufmerksam sein. Zu Panik und Hysterie gibt es aber keinen Anlass. Vor Einzeltätern kann sich keine Gesellschaft vollständig schützen. Wir dürfen uns auch politische Debatten oder den eigenen Lebensstil nicht von Terroristen vorschreiben lassen. Wir brauchen mehr Erziehung zu Toleranz und friedlichem Miteinander. Der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg hat es sehr treffend formuliert: »Wir sind geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.«

Ist das nicht leichter gesagt als getan?
Natürlich müssen wir auch sicherstellen, dass der Staat die Bürger schützen kann. Das schuldet er ihnen. Es ist eine Tragödie, dass die norwegische Polizei in Ermangelung von Booten und Hubschraubern eine Stunde brauchte, um auf die Insel Utoya zu gelangen. Eine schnellere Reaktion hätte viele Menschenleben gerettet.

Vielleicht auch durch die Überwachung im Vorfeld. Muss die rechtsextreme Szene im Internet stärker kontrolliert werden?
Der Missbrauch neuer Medien für eine Brutalisierung der Gesellschaft ist ein Problem. Extremisten nutzen das Internet zur Verbreitung ihres Hasses, und andere saugen das Gift am Computerbildschirm, in der Anonymität ihres Zuhauses, auf. Hemmschwellen sinken. Der Staat muss Wege und Mittel finden, diese Schattenwelt besser auszuleuchten. Freiheit und Demokratie sind ein wunderbares Geschenk, an dem wir uns erfreuen. Wir müssen es aber auch entschlossen verteidigen.

Mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden sprach Detlef David Kauschke.

Debatte

Laschet wirft EU-Außenbeauftrager Kallas Antisemitismus vor

Die EU-Außenbeauftragte hatte Israel mit Apartheids-Südafrika verglichen. Jetzt fordert der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag ihren Rücktritt

 14.06.2026

Hessen

Lehrer nach Kritik an Krieg in Gaza suspendiert

Seine Instagram-Posts über den Gaza-Krieg wurden ihm zum Verhängnis: Bereits seit Ende 2025 ist ein hessischer Gymnasiallehrer mit einem Dienstverbot belegt. Gerichte müssen klären, ob die Suspendierung des Pädagogen verhältnismäßig war

 14.06.2026

Wahlen

Wie CDU und SPD Ministerpräsidenten-Ämter im Osten verteidigen wollen

Die AfD will in Ostdeutschland nach der Macht greifen. CDU und SPD zeigen, wie sie den Kampf in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern aufnehmen wollen - und setzen unterschiedliche Akzente

von Christopher Kissmann, Iris Leithold, Verena Schmitt-Roschmann, Basil Wegener  14.06.2026

Wirtschaft

Hacker greifen staatliche Banken in Iran an

Ein Hackerangriff hat mehrere staatliche Banken im Iran getroffen. Zeitweise waren Online‑Zahlungen im ganzen Land gestört – ein weiterer Schlag gegen Irans ohnehin fragile Infrastruktur

 14.06.2026

Iran

Getöteter Ayatollah Chamenei soll am 9. Juli beerdigt werden

Die Beisetzung von Ajatollah Chamenei findet im Trauermonat Muharram statt – Millionen Menschen sollen Abschied nehmen. Unklar ist, ob sein Sohn und Nachfolger Modschtaba teilnimmt

 14.06.2026

Krieg

Wird noch heute ein Iran-Abkommen unterzeichnet?

Laut US-Präsident Trump und dem Vermittler Pakistan soll bereits heute eine erste Übereinkunft zur Beendigung des Iran-Kriegs unterzeichnet werden. Wird es tatsächlich dazu kommen?

 14.06.2026

USA

Trump wird 80: Verpufft seine Macht?

Seine Amtszeit ist geprägt von einem medialen Dauerfeuer: Überall Trump, Trump, Trump. Doch vor seinem 80. Geburtstag ist der Präsident eher zurückhaltend. Er hat inzwischen nicht nur ein Problem

von Anna Ringle  14.06.2026 Aktualisiert

Medien

KI-Verstoß: »Tagesspiegel« nimmt Casdorff-Texte offline

Stephan-Andreas Casdorff verfasste auch für die Jüdische Allgemeine Kommentare. Die Redaktion prüft, ob auch diese Texte von einer KI statt von Casdorff selbst verfasst wurden

 12.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert