Thüringen

»Wir Juden haben Jahrhunderte hier gelebt«

Reinhard Schramm 2019 in der Neuen Synagoge in Erfurt Foto: imago

Ein Jahr nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle leben auch Juden in Thüringen noch in Sorge und Angst. Die Jüdische Gemeinde im Freistaat will deshalb den Austausch mit der Polizei verstärken. Bereits ab dem 1. Oktober solle ein Dialog dazu beginnen, wie der Vorsitzende der jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, Reinhard Schramm, im Gespräch mit dieser Zeitung in Erfurt ankündigt. Zugleich warnte er vor weiter wachsendem Antisemitismus und Nationalismus im Land.

Herr Schramm, in wenigen Tagen jährt sich am 9. Oktober der versuchte Mordanschlag auf die Synagoge in Halle zum ersten Mal. Hat sich Ihre Gemeinde inzwischen von dem Schock erholt?
Nein. Viele unserer Mitglieder sind ja schon älter, sie leben immer noch in großer Sorge. Der Polizist, den sie mit der Maschinenpistole vor der Synagoge stehen sehen, ist deshalb sehr wichtig für sie. Aber: Was einmal geschehen ist, kann auch wieder geschehen. Zumal Halle und Erfurt sich nicht sehr unterscheiden und der Täter ja nicht am Einsatz des Landeskriminalamtes scheiterte, sondern an der massiven Eingangstür.

Haben die zuständigen Stellen nicht die nötigen Schlüsse aus dem Anschlag von Halle gezogen?
Die Thüringer Behördenspitzen haben den Ernst der Lage erkannt. Auch in Erfurt werden die Sicherheitsanlagen an und um die Synagoge mit Unterstützung des Landes verstärkt. Dafür sind wir dankbar, denn allein könnten wir das als Gemeinde weder leisten noch bezahlen. Es hat sich aber gezeigt, dass es darauf ankommt, dass auch die Polizisten im Vollzug unsere Ängste verstehen, denn die Gefahren sind real. Wir werden ab dem 1. Oktober 2020 beginnen, unsere Sicht und unsere Sorgen den Thüringer Polizisten zu erklären. Ich spüre, dass das sinnvoll ist.

Nach Halle gab es sehr viele Solidaritätsbekundungen mit den deutsche Juden. Inzwischen werden aber immer mehr antisemitische Zwischenfälle registriert. Ist das nicht ein Widerspruch?
Leider nein. Selbst das Corona-Virus wird benutzt, die Verschwörungstheorien mit Schuldzuweisungen an Juden auszustatten. Judenfeindlichkeit zeigt sich offen und unverhohlen. In Erfurt fallen mir dazu die Judenmorde in den Pestjahren des Mittelalters ein. Die unterschiedlichen Formen des Antisemitismus verstärken sich heute gegenseitig. Auch dumpfer Nationalismus nimmt in der Welt zu. Diese Tendenz verschont auch Deutschland nicht. In seiner Begleitung wächst der Antisemitismus. Und mit ihm auch Morde und Mordversuche.

Woraus speist sich dieser neue Antisemitismus?
Der ist nicht neu, der war nie weg. Zweitausend Jahre Verleumdung - und die Kirchen hatten da ja eine große Aktie daran - verschwinden nicht über Nacht. Wir erleben, wie der Nationalismus um uns herum erstarkt. Nehmen sie nur den Brexit. Bevor sich dieser Nationalismus in letzter Konsequenz - wie das Beispiel Jugoslawien zeigt - als Krieg gegen die Nachbarn wendet, wird im Inneren nach Schuldigen gesucht. Da haben sich die Juden leider immer wieder als Sündenböcke bewährt.

Aber wandelt die Judenfeindlichkeit nicht gerade ihr Gesicht?
Das mag so sein, ändert an der Sache selbst aber nicht viel. Es gibt keinen guten Antisemitismus. Macht es denn einen Unterschied, ob wir rechts, religiös, links oder noch anders begründet angefeindet und angegriffen werden? Das zeigt sich doch gerade bei den Corona-Demos. Da marschieren auch erklärte Feinde der Demokratie, die unseren Staat abschaffen wollen, gemeinsam mit Verschwörungstheoretikern, Impfgegnern und anderen, die ein Problem mit Deutschland haben. Wer da mitmacht, ist im Sinne des Wortes ein Mitläufer. Wohin das führt, hat die Geschichte hinreichend gezeigt. Wie absurd das zum Teil ist, zeigt doch der Vorwurf, am Virus seien die Juden schuld. Warum steckt dann gerade Israel im zweiten Lockdown?

Sie zählen zu den entschiedensten Verteidigern des Staates Israel ...
... wissen Sie, ich bin jetzt 76 Jahre alt. Da hat man nicht mehr viele Wünsche. Der eine ist, dass das Wort Jude mit Respekt und nie mehr als Schimpfwort gebraucht wird. Nicht auf dem Schulhof, nicht im Stadion, nirgendwo. Und ich möchte, dass die Existenzberechtigung eines jüdischen Staates nie mehr infrage gestellt wird, dass die Welt Israel endlich vollständig anerkennt als Lebensversicherung der Juden weltweit. Hätte es diesen Staat nur zehn Jahre früher gegeben, hätte ich meine Verwandten, meine Großmutter oder meinen Onkel kennenlernen können. Dass jetzt endlich zwei weitere arabische Staaten Frieden mit Israel geschlossen haben, ist für mich ein ganz großes Zeichen der Hoffnung. Es ist enttäuschend, dass Europa diese Hoffnung unterschätzt, nur weil diese Friedensverträge unter der Ägide des Weißen Hauses zustande kamen.

Sie selbst haben in den vergangenen Jahren immer wieder junge Neonazis im Gefängnis besucht und mit Ihnen geredet. Corona verhindert das gerade. Werden Sie diese Besuche wieder aufnehmen?
Das werde ich machen, sobald es wieder geht. Es gibt doch keine Alternative. Bildung ist das einzige Mittel, das gegen Antisemitismus hilft. Humanistische Bildung. An Technikern und Naturwissenschaftlern hat es Hitler nicht gemangelt. Man wird mit solchen Gesprächen einen Höcke nicht ändern können, aber bei vielen jungen Menschen, die wenig bis gar nichts über uns Juden wissen, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass diese riesige Wissenslücke geschlossen werden kann. Es ist ganz einfach: Sie können nur schützen, was sie kennen.

Am 1. Oktober beginnt in Thüringen das Themenjahr »Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen«. Kann es helfen, verloren gegangenes Wissen über das Judentum zu erneuern?
Davon bin ich überzeugt und den beiden Kirchen, von denen die Initiative für das Themenjahr ausging, sehr dankbar. Früher wussten die Leute, warum die jüdischen Nachbarn samstags die Straße nicht kehren oder welche Rolle der Freitagabend für ihr Leben spielt. Das wissen die wenigsten Deutschen heute, da haben die Nazis ganze Arbeit geleistet. Aber Juden haben doch über Jahrhunderte hier gelebt, haben ihren Beitrag als Handwerker, Ärzte, Künstler, Wissenschaftler und Unternehmer für die Gemeinschaft geleistet. Das Wissen darüber, der Respekt dafür sind verloren gegangenen. Wenn mit dem Themenjahr, mit Konzerten oder Lesungen oder was immer die Leute sich vor Ort einfallen lassen jetzt daran erinnert wird, was Juden alles erreicht haben und auf diese Weise etwas gegen die allgemeine Geschichtsvergessenheit getan wird, finde ich das eine sehr gute Sache. Wir Juden haben das verdient. Wir sind viel mehr als nur Opfer.

Thüringens Bevölkerung schrumpft Jahr für Jahr. Wie steht es um die jüdische Landesgemeinde?
Auch wir werden weniger. Die meisten Gemeindemitglieder sind schon älter, viele der jüngeren zogen und ziehen weg. Nicht unbedingt aus Angst, mehr, weil sie sich anderenorts bessere Chancen ausrechnen. Dabei kann man hier sehr gut leben. Thüringen ist erfolgreich. Erfurt - und nicht nur Erfurt - ist wunderschön, wie unsere Gäste immer wieder bestätigen, dazu in der Mitte Deutschlands gelegen. Also ihr jungen Juden in Berlin oder Frankfurt - kommt zu uns!

Das Gespräch mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen führte Dirk Löhr.

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