Interview

»Wir hoffen noch auf Veranstaltungen vor Ort«

Axel Drecoll bei der Gedenkveranstaltung zum 76. Jahrestag der Befreiung in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen im April 2021 Foto: imago images/photothek

Zweimal konnten die Gedenkfeiern zur Befreiung der Konzentrationslager 1945 in Brandenburg wegen der Coronavirus-Pandemie nicht wie sonst mit vielen Gästen vor Ort stattfinden. Im dritten Corona-Jahr hofft der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten dennoch, dass klassische Gedenkfeiern an den Stätten der NS-Verbrechen möglich sein werden, in Sachsenhausen, Ravensbrück und Brandenburg an der Havel. Vorsichtshalber werde jedoch auch diesmal parallel eine Online-Variante vorbereitet, sagte Axel Drecoll in unserem Interview.

Herr Drecoll, wie ist die Stiftung mit ihren Gedenkstätten durch das zweite Pandemiejahr gekommen?
Die Pandemie stellte auch die Kolleginnen und Kollegen in den Gedenkstätten im vergangenen Jahr vor große Herausforderungen. Die Gedenkstätten waren teilweise bis in den Juni hinein geschlossen, der Arbeitsalltag spielte sich vielfach im Homeoffice ab. Vermittlung und Veranstaltungen wie die Jahrestage der Befreiung mussten in den digitalen Raum verlegt, manches auch, wie zum Beispiel eine internationale Konferenz zum 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion, verschoben werden. Laufende Projekte mussten kurzfristig an die Pandemie-Situation angepasst werden. Insgesamt denke ich, dass wir die Herausforderungen gut gemeistert haben, nicht zuletzt auch dank der engagierten Unterstützung durch unsere Mittelgeber von Land und Bund.

Es zeichnet sich ab, dass die Gedenkfeiern zum Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager möglicherweise zum dritten Mal durch die Pandemie beeinträchtigt werden. Was planen Sie derzeit?
Wir hoffen derzeit noch, dass Veranstaltungen vor Ort in den Gedenkstätten mit Gästen möglich sein werden, aber wir planen parallel auch eine Online-Variante. Die Gedenkstätte Ravensbrück bereitet eine Wanderausstellung über deportierte Frauen aus Frankreich vor, die von binationalen Schülerprojekten begleitet wird.
In Sachsenhausen wollen wir eine Ausstellung mit Objekten aus unseren Sammlungen zum »Lageralltag« eröffnen. Eine Perspektive gilt auch der wenigen Zeit, die Häftlinge jenseits von Zwangsarbeit und mitten im Überlebenskampf selbst gestalteten. Man kann es vielleicht als »Freizeit« unter den Bedingungen der Unterdrückten inmitten eines furchtbaren Zwangsregimes bezeichnen. Das zeigt den Willen der Häftlinge zur Selbstbestimmung selbst in einem perfektionierten System von Terror und Unterdrückung. Daher ist es eine sehr wichtige Perspektive.

Wie viele Überlebende könnten sich nach Ihrer Einschätzung noch daran beteiligen?
Sollte es Präsenzveranstaltungen geben, werden allenfalls nur ganz wenige Überlebende anwesend sein können. Aufgrund der Pandemie ist das Reisen für die hochbetagten Menschen noch problematischer geworden. Das ist sehr bedauerlich, aber unumkehrbar. Wir freuen uns aber, dass immer mehr Angehörige der zweiten und dritten Generation den Kontakt zu den Gedenkstätten suchen.

In Brandenburg an der Havel läuft seit einigen Wochen ein Prozess gegen einen inzwischen 101-jährigen früheren Wachmann des KZ Sachsenhausen. Was ist Ihr Eindruck vom bisherigen Verlauf, welche neuen Erkenntnisse sind zutage gefördert worden?
Die Gedenkstätte war bei allen Verhandlungstagen vor Ort vertreten und verfolgt den Prozess sehr aufmerksam. Unser Eindruck ist, dass hier auf der Grundlage akribischer Ermittlungen mit großer Sorgfalt und Ernsthaftigkeit alles dafür getan wird, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Das ist angesichts des großen zeitlichen Abstandes zu den Verbrechen und eines über 100-jährigen Angeklagten ein schwieriges, aber notwendiges Unterfangen. Besonders eindrücklich waren für mich die Einlassungen der Überlebenden und Angehörigen, die als Nebenkläger aufgetreten sind. Sie haben deutlich gemacht, wie präsent die Verbrechen für diejenigen bis heute sind, die unmittelbar davon betroffen sind. Einen großen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn verspricht auch das Gutachten von Stefan Hördler. Niemand hat bisher die KZ-Wachtruppe so genau erforscht wie er.

Der Prozess soll voraussichtlich noch bis Ende März laufen. Was erwarten und erhoffen Sie sich von den kommenden Verhandlungstagen?
Über den Inhalt und Themen der zusätzlichen Verhandlungstage ist noch nichts bekannt. Möglicherweise werden weitere Gutachten eingeholt, wie es Rechtanwalt Walther, der einige der Nebenkläger vertritt, angeregt hatte. Ich bin überzeugt, dass das Gericht das Verfahren mit der beschriebenen Sorgfalt zu Ende führen und ein wohlerwogenes Urteil sprechen wird. Vor allem wäre es wichtig, dass der Angeklagte seine Tätigkeit als SS-Wachmann einräumt und sich an die Opfer und ihre Hinterbliebenen wendet, wenn er denn tatsächlich in Sachsenhausen Dienst getan hat. Der Angeklagte bestreitet das, aber soweit ich die Sachlage kenne, kann es daran keinen Zweifel geben.

Wie sehen insgesamt die Pläne der Stiftung für 2022 aus? Was für größere Vorhaben sind geplant?
Wir hoffen, in diesem Jahr die Aktualisierung der Zielplanungen für Ravensbrück und Sachsenhausen abschließen zu können, die die Grundlage für umfangreiche Baumaßnahmen in den nächsten Jahren bilden werden. In Sachsenhausen wird ein neues Besucherzentrum entstehen und die inzwischen teilweise über 20 Jahre alten Dauerausstellungen müssen erneuert werden. Wir freuen uns, dass die Gedenkstätte in der Leistikowstraße in Potsdam, die uns bisher als Treuhandstiftung angegliedert war, ebenso in die Stiftung integriert wird wie die Gedenkstätte Lieberose. Dort können wir dank Fördermitteln aus dem PMO-Vermögen der früheren Parteien und Massenorganisationen der DDR mit dem Ausbau der Gedenkstätte beginnen. Die Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde in Brandenburg an der Havel wird im Februar eine inklusive Website freischalten, die mit leichter Navigation und einfacher Sprache über die Geschichte der nationalsozialistischen Euthanasie-Verbrechen informiert. Die Gedenkstätte Ravensbrück hofft, wieder die Sommer-Universität durchführen zu können, bei der es um neue Tendenzen in der Erinnerungskultur gehen soll. Die Gedenkstätte Leistikowstraße plant eine Tagung zum Kalten Krieg in Europa und im Herbst eine Ausstellung über eine Baltendeutsche, die im sowjetischen Untersuchungsgefängnis inhaftiert war. Außerdem werden die ortsspezifischen Teile der Ausstellung »Bruchstücke ’45« über die Befreiung und das Kriegsende 1945 hoffentlich endlich an den einzelnen Gedenkstättenorten gezeigt. Nicht zuletzt bearbeiten wir zahlreiche Projekte, die bereits begonnen haben oder in diesem Jahr beginnen. Dabei geht es um die Digitalisierung der Sammlungen in Sachsenhausen, die Erneuerung der digitalen Infrastruktur, neue pädagogische Formate, die Entwicklung und Evaluation digitaler Vermittlungsformate und vieles andere mehr.

Und was erwarten Sie von der neuen Bundesregierung?
Wir sind davon überzeugt, dass die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die ausgesprochen gute Kooperation mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten auch in Zukunft fortsetzen werden. Tatsächlich benötigen wir die Unterstützung des Bundes dringender denn je, da uns wichtige Themen wie die Digitalisierung, oder die zunehmende Diversität von Besucherinnen und Besuchern vor große Herausforderungen stellen. Ministerin Roth hat bereits angekündigt, dass die Erinnerungskultur einen Schwerpunkt ihrer Arbeit darstellen wird. Das begrüßen wir natürlich sehr und das stimmt uns hoffungsvoll.

Das Gespräch führte Yvonne Jennerjahn.

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