Analyse

Wer stoppt Teheran?

Bis das Atomabkommen in nur wenigen Jahren ausläuft, nutzt Teheran die Zeit. Foto: imago

Wie desaströs US-amerikanische Politik geworden ist, ist daran zu erkennen, dass sie inzwischen fast nur noch über die Tweets des Darstellers eines Präsidenten im Weißen Haus – ja, ich meine Donald Trump – zu erfahren ist. In 140 Zeichen schafft es Trump immer wieder, die Welt in Angst und Schrecken zu versetzen, und seinen Führungsstab gleich mit – auch und vor allem mit seinen Drohungen oder Vernichtungsfantasien gegenüber Nordkorea.

Mal abgesehen davon, dass Trumps Machogetöse Nordkoreas Führer Kim Jong Un bislang nicht einmal im Ansatz eingeschüchtert hat, ist es eine ernste Frage, was die USA tatsächlich gegen den asiatischen Staat mit Nuklearwaffen ausrichten können.

angriff Ein Angriff, egal ob mit oder ohne Atomwaffen, wie Trump es gerne hätte (oder behauptet, es tun zu wollen), führt unweigerlich zu einem Krieg, der nicht nur die Vernichtung Südkoreas zur Folge hätte, sondern China und Russland mit in den kriegerischen Konflikt hineinziehen könnte und verheerende Folgen für die Weltwirtschaft hätte. Wie hält man also Nordkorea in Schach? Einfach ignorieren? Gezielte Angriffe auf das Atomarsenal in Absprache mit Russland und China?

Tatsächlich sieht es so aus, als ob Washington keine echten Optionen hat. Die Tweets von Donald Trump sind insofern verheerend, als sie ihn möglicherweise schlussendlich als Papiertiger erscheinen lassen könnten. Auf alle Fälle scheint Nordkorea ein Beweis dafür zu sein, dass sich der Besitz von Atomwaffen lohnt. Man macht sich offensichtlich unangreifbar.

Keine Frage, der Iran beobachtet die Entwicklungen im Fernen Osten genau. Während die Welt so tut, als ob mit dem Atomabkommen alles in Ordnung sei, und gleichzeitig, die Europäer allen voran, ins Big Business mit Teheran eingestiegen ist, betrachtet Israel die Entwicklung naturgemäß mit großer Sorge. Ebenso die führenden sunnitischen Staaten.

hisbollah Der Iran hat Zeit. Und nutzt sie. Er baut seine Vormachtstellung immer weiter aus. Niemand zweifelt inzwischen daran, dass der syrische Diktator Assad überleben und sogar in weiten Teilen Syriens siegen wird. Und der Iran hilft ihm dabei. Mithilfe seines Vasallen, der Hisbollah, mithilfe technischen und strategischen Know-hows durch die Revolutionsgarden und mithilfe von Fabriken, in denen inzwischen iranische Raketen gebaut werden, die auch der Hisbollah zugutekommen sollen. Fabriken existieren bereits in Syrien, auch im Libanon sollen nun Präzisionsraketen hergestellt werden. Ob dies schon geschieht oder in Planung ist, ist nicht ganz klar, die Einschätzungen widersprechen sich.

Israel startete im August eine diplomatische Initiative sowohl in Russland als auch in den USA. In Washington traf eine Delegation israelischer Militär- und Geheimdienstexperten ein, um die Entwicklungen in Syrien zu besprechen. Dabei wollten die Israelis ihre neuesten Erkenntnisse über die Aktivitäten Irans vorlegen. In der Hoffnung, dass die USA dagegen etwas tun werden?

Es dürfte inzwischen jedem Politiker in Jerusalem klar geworden sein, dass Trump Syrien den Russen überlassen wird. Ihn interessiert der Bürgerkrieg nur insofern, als er den IS zerstört sehen will, mehr nicht. Die israelische Delegation dürfte also eher deutlich gemacht haben, dass man in Syrien künftig mehr als bislang handeln werde, um Irans Einfluss so weit wie möglich zurückzudrängen.

putin Ebenfalls im August traf Premier Netanjahu erneut mit Russlands Präsident Putin zusammen. Auch ihm wird er wohl verdeutlicht haben, dass Israels Sicherheitsinteressen massiv betroffen sind und man »rote Linien« habe.

Bibi dürfte bewusst sein, dass Russland keinen Konflikt mit dem Iran suchen wird. Nicht nur, weil man gemeinsam Assad unterstützt, sondern weil ein solcher Konflikt Russland Probleme schaffen könnte, die es nicht haben will. Und für Israel wird Putin seine politische »Ruhe« gewiss nicht opfern.

Mit anderen Worten: Die Besuche in den USA und Russland waren »Vorankündigungen« für eigene militärische Schritte, man holte sich Legitimation ab. Und kurz danach kam bereits ein wichtiger Angriff: Anfang September zerstörte Israel eine Waffenfabrik bei Masyaf, in der nicht nur Chemiewaffen und Fassbomben hergestellt wurden, sondern auch Raketen.

raketenabwehrsystem Dass selbst das russische Raketenabwehrsystem S-400 diesen Angriff nicht stoppen konnte, ist dabei von besonderer Bedeutung: Hat Russland den Israelis auf diese Weise grünes Licht gegeben, oder funktionierte das System nicht? Letzteres würde bedeuten, dass die israelische Luftwaffe einen Weg gefunden hat, um das beste Raketenabwehrsystem der Welt auszuschalten. In einem Tweet erklärte der ehemalige Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, Amos Yadlin, Israel werde sich von der S-400 nicht abhalten lassen, seine Sicherheitsinteressen durchzusetzen.

Der Iran wird versuchen, in Syrien weiter Einfluss und Terrain zu gewinnen und sich so immer näher an die Grenze zu Israel zu schieben. So kann Teheran die Zeit nutzen, bis das Atomabkommen in nur wenigen Jahren ausläuft. Wer sollte die Mullahs dann stoppen, ihre Bombe zu bauen? Das Beispiel Nordkorea zeigt: Hat man erst einmal die Bombe, ist man so gut wie unantastbar. Das aber könnte bedeuten, dass Israel in wenigen Jahren doch einen Angriff starten könnte, um die iranische Bombe zu verhindern. Welche Folgen dies haben würde, mag man sich lieber nicht ausmalen.

Der Autor ist Publizist und ARD-Dokumentarfilmemacher, er lebt in Tel Aviv.

Debatte

Laschet wirft EU-Außenbeauftrager Kallas Antisemitismus vor

Die EU-Außenbeauftragte hatte Israel mit Apartheids-Südafrika verglichen. Jetzt fordert der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag ihren Rücktritt

 14.06.2026

Hessen

Lehrer nach Kritik an Krieg in Gaza suspendiert

Seine Instagram-Posts über den Gaza-Krieg wurden ihm zum Verhängnis: Bereits seit Ende 2025 ist ein hessischer Gymnasiallehrer mit einem Dienstverbot belegt. Gerichte müssen klären, ob die Suspendierung des Pädagogen verhältnismäßig war

 14.06.2026

Wahlen

Wie CDU und SPD Ministerpräsidenten-Ämter im Osten verteidigen wollen

Die AfD will in Ostdeutschland nach der Macht greifen. CDU und SPD zeigen, wie sie den Kampf in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern aufnehmen wollen - und setzen unterschiedliche Akzente

von Christopher Kissmann, Iris Leithold, Verena Schmitt-Roschmann, Basil Wegener  14.06.2026

Wirtschaft

Hacker greifen staatliche Banken in Iran an

Ein Hackerangriff hat mehrere staatliche Banken im Iran getroffen. Zeitweise waren Online‑Zahlungen im ganzen Land gestört – ein weiterer Schlag gegen Irans ohnehin fragile Infrastruktur

 14.06.2026

Iran

Getöteter Ayatollah Chamenei soll am 9. Juli beerdigt werden

Die Beisetzung von Ajatollah Chamenei findet im Trauermonat Muharram statt – Millionen Menschen sollen Abschied nehmen. Unklar ist, ob sein Sohn und Nachfolger Modschtaba teilnimmt

 14.06.2026

Krieg

Wird noch heute ein Iran-Abkommen unterzeichnet?

Laut US-Präsident Trump und dem Vermittler Pakistan soll bereits heute eine erste Übereinkunft zur Beendigung des Iran-Kriegs unterzeichnet werden. Wird es tatsächlich dazu kommen?

 14.06.2026

USA

Trump wird 80: Verpufft seine Macht?

Seine Amtszeit ist geprägt von einem medialen Dauerfeuer: Überall Trump, Trump, Trump. Doch vor seinem 80. Geburtstag ist der Präsident eher zurückhaltend. Er hat inzwischen nicht nur ein Problem

von Anna Ringle  14.06.2026 Aktualisiert

Medien

KI-Verstoß: »Tagesspiegel« nimmt Casdorff-Texte offline

Stephan-Andreas Casdorff verfasste auch für die Jüdische Allgemeine Kommentare. Die Redaktion prüft, ob auch diese Texte von einer KI statt von Casdorff selbst verfasst wurden

 12.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert