Standpunkt

»Wer Israel bedroht, bedroht die Menschheit«

Ralph Giordano Foto: Marco Limberg

Standpunkt

»Wer Israel bedroht, bedroht die Menschheit«

Der Schriftsteller Ralph Giordano über Gaza, Antizionismus und neuen Rechtsradikalismus

von Ralph Giordano  20.11.2012 18:23 Uhr

Bravo, Charlotte Knobloch, bravo! Schluss und basta mit der grenzenlos einseitigen Schuldzuweisung an Israel durch weite Teile der veröffentlichten und öffentlichen Meinung im Deutschland der Gegenwart! Schluss und basta mit der Selbstverständlichkeit, mit der der Judenstaat hierzulande auf die Anklagebank gesetzt wird. Dieser Parteinahme haben wir unsere Parteinahme entgegenzusetzen. Deshalb Schluss mit Rücksicht, Taktik, Defensive!

Wollen ungefährdete Deutsche tatsächlich und allen Ernstes die Israelis besserwisserisch belehren, wie Staat und Regierung ihre Bürgerinnen und Bürger vor den Mordanschlägen von Hamas, Dschihad und Hisbollah wirksam schützen können? Was, wenn die Bundesrepublik Deutschland unter den Hagel immer weitreichenderer Raketen geraten würde und hier zwischen Flensburg und München, Köln und Berlin jedermann jederzeit überall getötet oder verwundet werden könnte? Sich die Bundesrepublik also in der Situation befände, in der Israel sich immer eskalierender seit Jahrzehnten befindet?

Und was, wenn man die israelischen Opfer des arabischen Terrors auf die deutsche Bevölkerung hochrechnen würde? Großer Fantasie, sich die Folgen hierzulande vorzustellen, bedarf es da nicht – Panik, Chaos, Rufe nach dem Starken Mann, Wiedereinführung der Todesstrafe ... Dabei weigere ich mich kategorisch, die miltärischen Maßnahmen Israels gegen den Raketenhagel auf die gleiche Stufe mit dem arabischen Terror zu stellen – kategorisch.

Kritik Natürlich bedeutet das nicht, Israel unter kritischen Naturschutz zu stelIen, die Unteilbarkeit der Humanitas macht auch vor ihm nicht halt. Niemand kritisiert Israel schärfer als Israelis selbst. Ohne dass dabei aber vergessen werden darf, dass Israel jene kostbaren Werte verkörpert, ohne die wir uns unser Leben nicht vorstellen können. Israel – und nicht die islamische Staatenwelt.

Nein, nicht der Judenstaat wird es sein, von dem aus die großen Schatten über das 21. Jahrhundert fallen werden. Fallen werden sie aus der Hemisphäre von 22 arabischen Ländern, die 50-mal mehr Menschen haben als Israel, 800-mal mehr an Bodenfläche und – die größten Schwierigkeiten bei ihren Anpassungsversuchen an die Moderne (ohne die Ursachen dafür je bei sich selbst zu suchen).

In diesem Kampf auf Leben und Tod befindet sich Israel gerade seiner demokratischen Struktur und humanen Grundsätze wegen in einer keineswegs günstigen Ausgangsposition. Wäre es ihm doch waffentechnisch ein Leichtes, den Konflikt mit den Palästinensern zu beenden, und das von hier auf jetzt. Es brauchte nur so zu handeln, wie jede arabische Regierung gegen jede jüdische Intifada in ihrem Land vorgegangen wäre, nämlich sie noch am Abend des Tages, an dem sie ausgebrochen wäre, in ihrem eigenen Blut zu ersticken.

Israel »könnte«, aber weil es Israel ist, kann es diese Mittel und Möglichkeiten zur Terrorbekämpfung nicht anwenden und einsetzen. Mögen seine Vergeltungsaktionen vielen, wie jetzt wieder, zu groß erscheinen – im Verhältnis zu den Möglichkeiten, die die Armee hätte, sind sie es nicht.

Bedrohung Und so wiederhole ich denn: Mit diesem hochgefährdeten Land fühle ich mich unlösbar verbunden, eine Ankettung, die unabhängig ist von den Maßnahmen abwählbarer Regierungen. Die Liebe zu ihm ist die Hülle meiner Kritik an ihm, ihm gehört all meine Bewunderung und so manches noch, was mir im Halse stecken bleibt, wenn ich es sagen möchte und doch nicht kann, weil es mir die Sprache verschlägt. Ich bin überzeugt von der Kraft dieses Landes und seiner Zukunft, ich baue auf seine Fantasie, seine Kreativität, seine gewaltige Vitalität und seine Überlebenstüchtigkeit. Daneben aber hockt in mir, unverbannbar, mit bleibender Unruhe und unausrottbarer Sorge, jene jüdische Angst, die mich, fürchte ich, bis an mein Ende begleiten wird und einem meiner Bücher den Titel Israel, um Himmels Willen, Israel verliehen hat.

Den notorischen Israel-Anklägern aber in den Redaktionsstuben und Chefetagen der deutschen Print- und TV-Medien, die ich hier anspreche und angreife, rate ich zu der Erkenntnis, dass die Bedrohung Israels eine Bedrohung der ganzen Menschheit ist. Wie Charlotte Knobloch es so leidenschaftlich beschworen hat: »Die internationale Staatengemeinschaft irrt, wenn sie glaubt, diese Situation betreffe nur Israel.« Ja!

Der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses hier aber auch noch ein zweites »Bravo!« für ihr erschütterndes Eingeständnis, dass angesichts eines expandierenden Rechtsextremismus bei gleichzeitig schwächelnder Gegenwehr der Sicherheitsorgane ihr mühsam erworbenes Vertrauen in die Stabilität der Demokratie langsam hinwegschmilzt.

Da mordet sich quasi spazierengehenderweise eine Nazi-Gang ein Dutzend Jahre lang mit elf Opfern quer durch Deutschland, ohne dass sie und ihr Netzwerk auffällig werden. Dann endlich, als die blutige Strecke und ihre Verzweigungen endlich auffliegen, fällt die Bundesrepublik aus allen Wolken ihrer Blindheit bis an die Grenze der Komplizenschaft.

Furcht Wie sollte ich beruhigt sein, wenn nach fast drei Menschenaltern plötzlich der Todfeind von gestern auftaucht in Gestalt einer neuen Generation, die nicht als Antisemiten und Fremdenfeinde geboren, wohl aber im Laufe ihres Lebens dazu geworden sind? Wovor muss man sich mehr fürchten – vor der gewalttätigen Rechten oder den Defiziten der Schutz- und Sicherheitsorgane im Kampf gegen sie?

Da droht ein Bollwerk angetastet zu werden, hinter dem ich all die Jahre und Jahrzehnte lebe – die demokratische Republik, der demokratische Verfassungsstaat! Sie sind mein Elixier, die Luft zum Atmen und angesichts meiner Vergleichsmöglichkeiten die einzige Gesellschaftsform, in der ich mich sicher fühle. Also etwas Kostbares, auf das sich mein ganzes Dasein stützt.

Deshalb: Wer die Demokratie attackiert, sie angeht, beschädigen oder gar aufheben will, der kriegt es mit mir zu tun, der hat mich am Hals. Mit dieser Versicherung erneuere ich aus akutem Anlass den Kriegszustand, in dem ich mich mit dem Nationalsozialismus und seinen Anhängern befinde. Aber auch mit allen, die Israels Existenzrecht anzweifeln oder es gar aufheben wollen.

Krieg gegen Iran

Großbritannien verlegt Eurofighter nach Katar

Mit der anfänglichen Ablehnung des amerikanisch-israelischen Vorgehens gegen den Iran hatte Premier Keir Starmer den Zorn von US-Präsident Trump auf sich gezogen. Nun weicht er seine Position weiter auf

 05.03.2026

Pforzheim

Antisemitismus im Wahlkampf: »Schabbat schalom, jetzt gibt’s AfD«

In einem Video verkleidet sich ein AfD-Politiker als »orthodoxer Jude« und bückt sich nach Geld auf der Straße. Inzwischen ist sein Kanal mit mehr als 30.000 Followern gelöscht, die AfD hat ein Auschlussverfahren eingeleitet. Die Jüdische Allgemeine hat sich die Clips genau angesehen

 05.03.2026

Nahost

Iran greift Golfstaaten an

Mehr als 1.000 mutmaßlich iranische Drohnen wurden in den vergangenen Tagen allein von den Vereinigten Arabischen Emirate entdeckt. Auch im Irak gab es Einschläge. Ein Ende der Angriffe ist bisher nicht in Sicht

 05.03.2026

Erlebnisbericht

Und dann war Krieg

Aufgrund des Krieges saß die Aktivistin und FDP-Politikerin Karoline Preisler in Israel fest. »In Tel Aviv wurde jedes Telefonat, jede E-Mail, jede Dusche und jede Mahlzeit von Alarmen unterbrochen.«

von Karoline Preisler  05.03.2026

Iran

Schah-Sohn attackiert mögliche Ajatollah-Nachfolger

Der einflussreiche iranische Oppositionspolitiker Pahlavi erklärt die Suche nach einem neuen Religionsführer für aussichtslos. Der 65-Jährige bringt sich erneut als Übergangsfigur ins Spiel

 05.03.2026

Paris

Frankreich erlaubt USA beschränkte Nutzung von Militärbasen

Paris lässt zu, dass US-Flugzeuge zeitweise französische Stützpunkte nutzen. Es geht aber nicht etwa um Basen am Golf, sondern in Frankreich. Und es gibt klare Bedingungen

 05.03.2026

Brüssel

EU-Chefdiplomatin warnt: Iran-Krieg könnte Putin helfen

Füllen steigende Ölpreise Putins Kriegskasse? Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas warnt vor unerwünschten Nebenwirkungen der Angriffe der USA und Israels auf den Iran

 05.03.2026

Teheran

Sicherheitsbedenken im Iran vor Beisetzung von Khamenei

Die iranische Führung zögert mit der Beisetzung von Religionsführer Chamenei. Grund ist ein hohes Sicherheitsrisiko

 05.03.2026

Bewaffnete Konflikte

Wie wirkt sich der Iran-Krieg auf den Ukraine-Konflikt aus?

Der Krieg im Nahen Osten hat Implikationen für Russlands Invasion in der Ukraine. Moskau und Kiew bekommen dabei die Folgen auf unterschiedliche Weise zu spüren

von André Ballin, Andreas Stein  05.03.2026