Dalia Grinfeld

Weil wir Juden sind!

Dalia Grinfeld, Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland Foto: Margrit Schmidt

In der vergangenen Woche hat Dervis Hizarci von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) in der Jüdischen Allgemeinen erklärt, warum er sich gegen Judenhass engagiert – und warum jeder aus der muslimischen Gemeinschaft gegen Antisemitismus aufstehen sollte.

An dieser Stelle möchte ich erklären, warum wir Juden gegen jede Form von antimuslimischer Hetze eintreten müssen.

Weil wir Jüdinnen und Juden sind

Jüdischsein ist mehr als eine vererbte Identität, ein Abgrenzungsmerkmal von der Mehrheitsgesellschaft oder eine identitätsstiftende Reaktion auf den Judenhass in der Gesellschaft. Jüdisches Leben sprießt weit über soziale, religiöse und kulturelle Aspekte hinaus. Eine jüdische Identität impliziert das Ausleben jüdischer Werte wie Vervollkommnung der Welt (Tikkun Olam) und Taten der Güte und Barmherzigkeit (Gemilut Hasadim).

Für ein Miteinander bedeutet dies, dass wir uns allein durch Tikkun Olam für das Wohlbefinden aller Bedürftigen – nicht nur der Juden – einsetzen müssen. Das schließt selbstverständlich auch Muslime ein. Trotz – oder auch gerade wegen – des steigenden Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland darf es bei guten Taten nie darum gehen, dass die Empfänger auch bereits gut zu einem selbst sind.

Daher leistet etwa das JDC (Joint Distribution Committee), eine weltweit agierende jüdische Wohlfahrtsorganisation, ebenso oft wie engagiert humanitäre Hilfe bei Naturkatastrophen in Staaten wie Haiti und Nepal. Hierzulande ist zum Beispiel die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) ein hochgradig wichtiger Akteur in der Flüchtlingshilfe. Wir haben demnach völlig unabhängig von Einstellungen der muslimischen Bürger eine Verantwortung, aus unserem jüdischen Selbstverständnis und unseren Werten heraus zu handeln.

Weil wir Demokratinnen und Demokraten sind

Von dem in unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung vorgesehen Schutz für Minderheiten sollten wir nicht nur passiven Gebrauch machen, sondern ihn auch aktiv von der Mehrheitsgesellschaft einfordern – und zwar nicht nur für uns selbst. Wenn wir nicht wollen, dass jeder Demokrat sich in seinen Grundrechten verletzt fühlt, wenn antisemitisches Gedankengut zutage tritt, dann muss auch jeder Jude sich bei aufkommendem Rassismus angesprochen fühlen. Als überzeugte Demokraten müssen wir uns für Vielfalt als Grundwert unserer Demokratie starkmachen.

Weil Hass gleich Hass ist

Hass gegen eine Gruppe ist zunächst einmal schlecht, egal ob Schwule, Schwarze oder Schiiten betroffen sind. Denn es zeigt, dass in unserer Gesellschaft in Mustern wie »wir« und »ihr« gedacht wird. Bei gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, besonders bei Minderheiten, darf kein Unterschied gemacht werden.

Weil wir Antisemitismus erfahren

Als Betroffene von antisemitischen Erfahrungen auf dem Campus, im Bus, beim Fußballspielen oder Online wissen wir ganz genau, wie allein und betroffen man sich in dem Moment fühlt. Viele von uns haben am eigenen Leib fehlende Zivilcourage oder Wehrlosigkeit erlebt. Die logische Schlussfolgerung für uns muss sein, dass wir nicht wollen und nicht akzeptieren können, wenn es anderen aufgrund ihrer (sichtbaren) Religion so ergeht.

Weil es von Muslimhetze zu Judenhetze nur ein kleiner Sprung ist

Bei Hetze gegen eine andere religiöse Minderheit ist es eine Illusion, dass die eigene Gruppe davon nicht betroffen sein wird. Es dreht sich hierbei automatisch um ein auch für uns Juden gefährliches Gedankengut: Anders ist fremd, doof und gefährlich. Ein solches Gedankengut führt in der Umkleidekabine zum Hänseln von Schülern wegen ihrer Beschneidung – ganz egal, ob Jude oder Muslim. Nicht zuletzt ist der AfD auch vollkommen egal, ob ein Verbot der Beschneidung die jüdische Gemeinschaft ebenfalls trifft.

Weil wir Einsatz für uns von anderen erwarten

Von der Gesamtgesellschaft erwarten wir – zu Recht –, dass sie sich für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus einsetzt. Von muslimischen Institutionen erwarten wir – zu Recht –, dass sie sich gegen Antisemitismus aussprechen und einsetzen. Im Umkehrschluss muss allerdings auch erfolgen, dass wir uns in der Rolle als jüdische Institutionen und in der Rolle als Teil der Gesamtgesellschaft gegen Muslimfeindlichkeit einsetzen müssen.

Trotz des Elefanten im Raum: wegen Israel

Die Sicherheit des jüdischen Staates liegt jedem Juden am Herzen. Die Konflikte im Nahen Osten scheinen für alle Involvierten eine Art Begründung darzustellen für ein fehlendes Engagement füreinander in Deutschland. Jedoch dürfen die Konflikte in und um Israel uns nicht daran hindern, gut zu unseren Mitmenschen zu sein und für sie in Deutschland einzustehen. Gerade weil wir darauf pochen, dass der Nahostkonflikt unser Leben als Juden in Deutschland nicht einschränken darf.

Jüdisch sein und in einer Demokratie zu leben, ist ein Privileg. Unsere Erfahrungen als solche machen uns zu einer Gruppe mit einem besonderen Verständnis für andere, besonders religiöse Minderheiten. Ein Teil unseres Privilegs muss sein, sich für die dahinterstehenden Werte aktiv einzusetzen, individuell und kollektiv. Und das nicht nur für uns selbst, sondern für alle.

Die Autorin ist Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD).

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