Taleb A.

Was über den Attentäter von Magdeburg bekannt ist

X-Profil des mutmaßlichen Attentäters Taleb A. Foto: picture alliance / Eibner-Pressefoto

Taleb A. passt für Behörden und Sicherheitsexperten in kein gängiges Schema. In den sozialen Netzwerken präsentierte sich der Attentäter von Magdeburg als vehementer Kritiker des Islams und Saudi-Arabiens, engagierte sich aus dem Exil für Frauenrechte in seiner Heimat. Aber er hat auch eine andere Seite, und das offenbar schon lange - das wird nun immer deutlicher, nachdem er auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt mindestens fünf Menschen tötete und 200 weitere zum Teil schwer verletzte.

Viele rätseln vor allem über das Motiv des Mannes, der sich zuletzt immer kritischer auch zu deutschen Behörden äußerte und ihnen »geheime Operationen« vorwarf. Seine teils wirren Äußerungen etwa in sozialen Netzwerken bieten Spielraum für Interpretationen. Die Behörden sind sich immer noch nicht im Klaren, ob sie die Tat als politisch motiviert einstufen.

Mehrfach auffällig geworden

Taleb A. kam nach Behördenangaben bereits 2006 nach Deutschland. Von 2011 bis Anfang 2016 habe er zunächst in Mecklenburg-Vorpommern gelebt und in Stralsund einen Teil seiner Facharzt-Ausbildung absolviert, erklärte der Innenminister des Bundeslandes, Christian Pegel (SPD). Schon damals sei er bei den Behörden mehrfach auffällig geworden - mit der Androhung von Straftaten.

In einem Streit um die Anerkennung von Prüfungsleistungen habe er gegenüber Vertretern der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern mit einer Tat gedroht, die internationale Beachtung bekommen werde. Im Zuge von Ermittlungen habe es auch eine Durchsuchung bei Taleb A. gegeben, dabei seien aber keine Hinweise auf eine reelle Anschlagsvorbereitung gefunden worden. Im Jahr 2013 sei Taleb A. vom Amtsgericht Rostock wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten zu 90 Tagessätzen verurteilt worden.

Lesen Sie auch

In der Folge gab es weitere Auffälligkeiten. Den Verdacht der Nötigung im Januar 2014 etwa, der zu einer Gefährderansprache der Polizei geführt habe, wie Pegel sagte. Der Mann sei auf Konsequenzen solcher Taten hingewiesen worden und ihm sei gesagt worden, dass man einen sehr viel genaueren Blick auf ihn haben werde. Die Richter, die ihn 2013 verurteilt hatten, habe er später in einer Petitionshotline der Bundesbehörden außerdem als Rassisten bezeichnet. Er habe dabei Überlegungen angedroht, sich eine Pistole zu besorgen und im Zweifel Rache an den Richtern nehmen, so Pegel. Als Gefährder sei der Mann aber trotzdem nicht eingestuft worden

Auch nicht von den Behörden in Sachsen-Anhalt, wo Taleb A. anschließend lebte. Im Februar 2016 beantragte er nach Informationen der dpa einen Asylantrag, über den im Juli desselben Jahres entschieden wurde. Der saudische Staatsbürger erhielt Asyl als politisch Verfolgter.

»Er heißt bei uns « ‚Dr. Google‘.»

Er wohnte zuletzt in Bernburg, einer kleinen Stadt knapp 50 Kilometer von Magdeburg, entfernt. Dort arbeitete er als Facharzt für Psychiatrie im Maßregelvollzug und kümmerte sich um suchtkranke Straftäter. Das teilte das Gesundheitsunternehmen Salus mit. Seit März 2020 sei er in der Einrichtung tätig gewesen. «Seit Ende Oktober 2024 war er urlaubs- und krankheitsbedingt nicht mehr im Dienst», hieß es in einer Mitteilung des Unternehmens, das in Bernburg ein Fachklinikum für Psychiatrie und Suchtmedizin betreibt.

Doch in der Belegschaft gab es offenbar Misstrauen gegenüber dem Arzt und Zweifel an dessen Kompetenzen. Die «Mitteldeutsche Zeitung» zitiert einen Mitarbeiter: «Er heißt bei uns » ‚Dr. Google‘.« Vor jeder gestellten Diagnose habe er im Internet nachschauen müssen. Es habe auch Hinweise an die Klinikleitung gegeben. Die Klinik wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

Neben seiner Tätigkeit als Arzt ist Taleb A. als Aktivist und Islamkritiker unterwegs - vor allem in den sozialen Netzwerken, wo ihm vor dem Anschlag bereits mehr als 40.000 Menschen folgten. Im Juni 2019 erschien ein Interview mit Taleb A. in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«: »Ich bin der aggressivste Kritiker des Islams in der Geschichte«, sagte er damals. Neben seinen Beiträgen in den sozialen Netzwerken beriet Taleb A. nach eigenen Aussagen Frauen unter anderem aus Saudi-Arabien bei Asylfragen und vermittelte deren Kontakt auch an internationale Medien.

Er habe Mitglieder des Vereins regelrecht terrorisiert

Dabei legt er sich auch mit der Säkularen Flüchtlingshilfe Deutschland an, einem Verein, der sich um die Interessen atheistischer Flüchtlinge kümmert. Seit 2019 habe es Kontakt mit Taleb A. nur noch über Anwälte und Gerichte gegeben, hieß es in einem Statement des Vereins.

Nach »übelsten Verleumdungen und verbalen Angriffen« hätten Mitglieder der Flüchtlingshilfe Anzeige gegen Taleb A. bei der Polizei erstattet. Daraufhin habe es einen Prozess am Landgericht Köln gegeben. Mitglieder des Vereins beschreiben die zwei Seiten des Mannes. »Er hat zwei Leben gehabt«, sagte die iranische Menschenrechtsaktivistin Mina Ahadi vom Zentralrat der Ex-Muslime der Deutschen Presse-Agentur. Wenn man länger mit ihm zu tun gehabt habe, habe man ein komisches Gefühl gehabt. Er habe Mitglieder des Vereins regelrecht terrorisiert, sagt Ahadi.

Vor einem Jahr habe es eine Strafanzeige gegen den heute 50-Jährigen gegeben, bestätigte die Staatsanwaltschaft Magdeburg. Eine Gefährderansprache sei auch hier geplant gewesen, sei aber nicht durchgeführt worden. Auch Menschenrechtsaktivistin Ahadi spricht von Drohungen, die Taleb A. während des Prozesses ausgestoßen habe. »Er wird schnell aggressiv.«

Immer wirrer und radikaler

Auch in den sozialen Medien wurden seine Beiträge wirrer und radikaler. »Ich erwarte ernsthaft, dieses Jahr zu sterben«, hieß es auf dem X-Account von Taleb A. im Mai dieses Jahres. »Ich werde Gerechtigkeit um jeden Preis herbeiführen.« Die deutschen Behörden würden alle Wege zur Gerechtigkeit blockieren. Ob der Saudi die Beiträge wirklich alle selbst verfasste, war zunächst nicht klar. Für Irritation sorgte etwa ein Post, der wenige Minuten nach dem Anschlag von Magdeburg veröffentlicht wurde. Saudi-Arabien hatte Deutschland saudischen Sicherheitskreisen zufolge vor dem Mann gewarnt. Das Königreich habe seine Auslieferung beantragt. Darauf habe Deutschland nicht reagiert, hieß es.

Den Sicherheitskreisen zufolge stammt er aus der Stadt Al-Hofuf im Osten Saudi-Arabiens und war Schiit. Nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung in dem mehrheitlich sunnitischen Land sind schiitisch. Es gibt immer wieder Berichte von Diskriminierungen gegenüber Schiiten im Land.

Erst vor rund zehn Tagen veröffentlichte die amerikanische Plattform »RAIR«, die sich selbst als antimuslimische Graswurzel-Organisation beschreibt, ein mehr als 45 Minuten langes Interview mit dem Arzt. Darin wirft er unter anderem der deutschen Polizei vor, »geheime Operationen« durchzuführen und das Leben von saudischen Asylsuchenden, die sich vom Islam losgesagt hätten, gezielt zu zerstören. Zudem äußerte er sich als Fan von X-Inhaber Elon Musk und der AfD, die die gleichen Ziele wie er verfolge. Gleichzeitig bezeichnete er sich aber politisch als links. »Ich bin nicht rechts, ich bin ein Linker.«

Der Leitende Oberstaatsanwalt von Magdeburg, Horst Walter Nopens, sagte am Samstag, das Motiv des Täters könnte Unzufriedenheit über den Umgang mit Flüchtlingen aus Saudi-Arabien in Deutschland gewesen sein. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte am Sonntag, die Äußerungen des Mannes zur Motivlage hätten eher wirr geklungen.

Passt in kein Raster

Der Terrorismusexperte Peter Neumann vom King’s College in London betonte im ZDF, wie schwierig es sei, den Attentäter ideologisch einzuordnen. Er habe nicht in ein bestimmtes Raster gepasst. »Er war eben kein typischer Islamist. Er war ein Saudi, der sich gegen den Islam gewendet hat.« Das passe für Behörden nicht so richtig in die gängigen Schemata.

Man wissen aus Studien, dass sich solche Einzeltäter in vielen Fällen mitteilten gegenüber Bekannten, Freunden, Außenstehenden. »Auch das hat hier stattgefunden«, so Neumann weiter. »Er hat das mitgeteilt. Er hat gesagt, er möchte gegen Deutschland Krieg führen.« Es sei allerdings auch das Problem, wie solche schwachen Signale einzuordnen seien. Heute habe man eine Flut von Informationen von Tausenden von Leuten, die im Internet ähnliche Botschaften sendeten. »Und es ist ganz, ganz schwierig zu unterscheiden: Wer meint es ernst, und wer ist nur auf dem Internet und macht Sprüche?« dpa/ja

Verhandlungen

Iran pocht auf Freigabe eingefrorener Auslandsvermögen

Die Debatte um blockierte Auslandsvermögen des Iran dominiert zunehmend die Gespräche über ein Abkommen mit den USA. Denn die iranische Wirtschaft steckt in der Krise

 31.05.2026

Kommentar

Tote Juden stören nicht

Unsere Erinnerungskultur liebt Stolpersteine, aber stolpert nicht über den Antisemitismus vor der eigenen Haustür. Wie der Kampf gegen Judenhass am Nekrosemitismus scheitert

von Nelly Eliasberg  31.05.2026

Teheran

Irans Machtapparat: Die wichtigsten Köpfe im Überblick

US-Präsident Donald Trump sprach im Zuge des Iran-Kriegs von »neuen und vernünftigeren« Kräften in Teheran. Dafür erntete er Spott. Doch wer sind die neuen (und alten) Entscheider?

von Arne Bänsch  31.05.2026

Washington

Trump ohne Entscheidung – Iran pocht auf eigene Interessen

Ein Durchbruch bei den zähen Verhandlungen zum Iran-Krieg lässt weiter auf sich warten. Teheran widerspricht Trump in drei Punkten

 31.05.2026

Brüssel

Überwachungsbehörde nimmt Europapartei der AfD ins Visier

Verstößt die Europapartei, zu der auch die »Alternative« gehört, gegen Grundwerte der EU? Die zuständige Behörde sieht Hinweise auf problematisches Vorgehen in Mitgliedsparteien. Kommt ein Verfahren?

von Valeria Nickel  29.05.2026

Beirut

Entwaffnung der Hisbollah - ein unmögliches Unterfangen?

Seit mehr als zwei Jahren attackiert die Hisbollah Israel. Die Regierung in Jerusalem will eine Entwaffnung der Terrororganisation. Doch geht das?

 29.05.2026

Hintergrund

Israel über Guterres: »Sind mit diesem Generalsekretär fertig«

Die Beziehungen zwischen Israel und dem bald aus dem Amt scheidenden UN-Generalsekretär António Guterres sind auf einem neuerlichen Tiefpunkt. Dabei hatte alles ganz anders begonnen

von Michael Thaidigsmann  29.05.2026

Kiel

Mehr als 400 antisemitische Vorfälle im Norden gemeldet

»Die massiven Konsequenzen (...) sind Ausdruck eines wachsend gesamtgesellschaftlich antisemitischen Grundrauschens, das wir seit 2023 beobachten müssen«, so die Dokumentationsstelle Antisemitismus

 29.05.2026

New York

Streit um Bericht zu sexueller Gewalt: WJC kritisiert UN scharf

Narrative, die Israel pauschal delegitimierten, seien problematisch, so der Jüdische Weltkongress. Die ursprünglichen Gründungsideale der Vereinten Nationen müssten wieder in den Mittelpunkt rücken

 29.05.2026