Interview

»Was mit den Juden passierte, war vielen gleichgültig«

Der Brandanschlag auf das jüdische Altersheim in der Münchner Reichenbachstraße war der schlimmste antisemitische Akt in Deutschland nach 1945 Foto: IMAGO/Heinz Gebhardt

Frau Elasari-Gruß, Sie haben den Brandanschlag auf das jüdische Altenheim am 13. Februar 1970 überlebt.
Ja. Ich war Anfang 20 und für ein Medizinstudium aus Israel nach München gekommen. Es waren gerade Semesterferien, ich büffelte für mein Physikum. Ich saß an jenem Freitagabend mit dünner Jeans und Socken im Schneidersitz auf meinem Bett und lernte, als ich Brandgeruch wahrnahm. Ich machte die Zimmertüre auf, konnte aber kein Feuer entdecken. Also setzte ich mich wieder hin und lernte weiter. Doch wenig später schoss eine Stichflamme durch die Holztür herein, und das Feuer breitete sich rasend schnell aus.

Wie haben Sie reagiert?
Da ich meinen Vater in Israel oft zu Erste-Hilfe-Kursen begleitet hatte – er war beim Magen David Adom tätig – wusste ich, was in so einem Fall zu tun war. Ich legte mir ein nasses Handtuch auf den Mund, um nicht giftige Dämpfe einzuatmen, und schloss die Fenster. Doch als das Feuer immer näher kam, beschloss ich, aus dem Fenster auf das Mansardendach zu steigen. Dort lag noch Schnee, der aber wegen der Hitze schnell abtaute. Ich konnte mich irgendwie zur ausgefahrenen Drehleiter der Feuerwehr hangeln. Ein Feuerwehrmann brachte mich dann nach unten. Ich kann von Glück sagen, dass ich damals so kräftig und sportlich war, sonst hätte ich das nicht überlebt. Ich bin die ganze Zeit ruhig geblieben.

Über eine Drehleiter der Feuerwehr konnten mehrere Bewohner gerettet werdenFoto: IMAGO/United Archives Keystone

Waren Sie die Einzige, die sich aus den oberen Stockwerken des Gebäudes retten konnte?
Neben mir, auf der anderen Seite, wohnte ein junges deutsches Ehepaar so Anfang 30. Sie waren Hausmeister in dem Gebäude. Auch ihnen gelang es, über die Feuerwehrleiter herauszukommen. Aber ein weiteres Paar auf meinem Stockwerk, sehr alte Leute, schaffte es nicht mehr heraus. Sie erstickten in ihrer Wohnung.

Sie kannten einige der Opfer persönlich. Was ging damals in Ihnen vor?
Ich hatte keinen engen Kontakt zu den alten Leuten. Ich war ja jung und hatte meine Freunde und Bekannten an der Uni. Aber ab und zu unterhielt ich mich mit ihnen. Im zweiten oder dritten Stock lebte ein Arzt mit seiner Frau, mit dem sprach ich des Öfteren. Und da war ein alter Mann, der im wahrsten Sinne des Wortes schon auf gepackten Koffern saß, weil er auswandern wollte. Doch weil er religiös war, hatte er seinen Flug erst nach Schabbat gebucht. Auch er starb in den Flammen.

Sara Elasari-Gruß war Medizinstudentin und wohnte im Dachgeschoss des Gebäudes der Israelitischen Kultusgemeinde, auf das am 13. Februar 1970 ein Brandanschlag verübt wurdeFoto: Privat

Wie sind Sie persönlich mit diesem antisemitischen Anschlag umgegangen?
Die Antwort wird Sie vielleicht etwas verwundern: Ich konzentrierte mich erst einmal auf mein Studium. Ich kam in einem Studentenwohnheim in der Agnesstraße unter. Ich hatte wegen des Brandes später auch keine Angstzustände. Irgendwie konnte ich das verdrängen. Bis fast 50 Jahre später der Kabarettist Christian Springer auf mich zukam und mich bat, über diese Erlebnisse zu reden. 2020, bei der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag, stand ich dann in München mit ihm und mit dem Feuerwehrmann, der mich gerettet hatte, auf der Bühne.

Welche Vermutung hatten Sie damals in Bezug auf den oder die Täter?
Zunächst nahm ich an, dass die Tat wohl von einem Araber begangen wurde. Es gab damals ja noch weitere Attentate. Drei Tage vor dem Brandanschlag hatten palästinensische Terroristen am Flughafen München-Riem eine Handgranate gezündet; der israelischen Schauspielerin Hanna Maron musste deswegen ein Bein amputiert werden. Zudem hatte ich, als ich von der Uni in die Reichenbachstraße kam, mehrmals einen arabisch aussehenden Mann die Straße auf und ab gehen gesehen.

Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie erfuhren, dass der Fall nach 56 Jahren jetzt möglicherweise vor der Aufklärung steht?
Ganz ehrlich, es ist mir gar nicht mehr so wichtig. Was mich am meisten schmerzt ist, dass sieben Menschen auf grauenvolle Weise sterben mussten. Als Ärztin weiß ich, wie qualvoll der Tod durch Verbrennen ist. Ich kannte diese Leute nur vom Sehen und vom Guten-Tag-Sagen. Aber sie waren Schoa-Überlebende. Was ihnen angetan wurde, ist eine Schweinerei. Ob die Tat nun ein Linker, ein Rechter oder ein Islamist begangen hat, wirkt da irgendwie zweitrangig.

Ausgebrannte Dachwohnung in der Reichenbachstraße 27 in MünchenFoto: IMAGO/Heinz Gebhardt

Unter Ihren Vorfahren waren Schoa-Opfer, Sie selbst überlebten nur knapp den Brandanschlag. Wollten Sie nach diesem Anschlag Deutschland den Rücken kehren?
Wissen Sie, ich kam damals zum Lernen hierher. Ich habe anschließend einfach weiter studiert. Ich lebte gerne in München, hatte dort gute Professoren und nette Kommilitonen. Ich habe mir gesagt: Das machst du jetzt fertig. Ich bestand später die Prüfung mit einer glatten Eins, darauf war ich stolz. Dann dachte ich mir, jetzt kannst du auch die Doktorarbeit machen. Die habe ich dann mit summa cum laude bestanden. Und dann sagte ich mir: Jetzt noch die Ausbildung zur Assistenzärztin. Später wurde ich Schiffsärztin und heiratete einen Kapitän. Ich trug eine schöne Uniform, fuhr bis Grönland, Kanada und so weiter. Ein Kindheitstraum ging in Erfüllung, denn in Israel war ich nur 300 Meter vom Meer entfernt aufgewachsen.

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Sie haben das Gedenken an den Anschlag im Jahr 2020 angesprochen. Wurde er zuvor nicht weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt?
Leider ja. Die meisten Leute, denen ich davon erzähle, haben keinen Schimmer, was damals passiert ist. Selbst Leute in meinem Alter, die das eigentlich damals in der Zeitung hätten lesen können. Was mit den Juden passiert, war vielen halt gleichgültig. Auch heute ist das noch so. Für die Rechte der Palästinenser gehen seit dem 7. Oktober sehr viele demonstrieren. Für Israel und die Juden hingegen nur sehr wenige. Das enttäuscht mich schon.

Mit der pensionierten Ärztin und Überlebenden des Brandanschlags vom 13. Februar 1970 sprach Michael Thaidigsmann.

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