Würzburg

»Warnsignale wahrnehmen«

Marina Chernivsky Foto: Rolf Walter

Frau Chernivsky, nach dem Attentat in Würzburg liegt der Fokus auf dem mutmaßlichen Täter. Wie aber kann den Angehörigen der Opfer begegnet werden?
Vielleicht vorab ein Wort zur Einordnung: Jeder Terroranschlag ist ein Einschnitt, besonders für die direkt Betroffenen und ihre Angehörigen. Terroranschläge ereignen sich unerwartet und unterbrechen den gewohnten Alltag. Sie prägen sich als gewaltvolle Erinnerungen auch bei denen ein, die nicht direkt dabei waren. Viele fühlen sich an andere Terroranschläge erinnert. Jeder solche Anschlag birgt in sich ein traumatisches Potenzial.

Psychische Vorbelastung, Radikalisierung oder beides: Inwiefern kann eine Antwort auf das Motiv des Täters den Angehörigen weiterhelfen, dieses Attentat auch nur ansatzweise zu bewältigen?
Psychische Beeinträchtigungen und ideologische sowie politische Motive schließen sich nicht aus. Für die Angehörigen der Opfer ist es besonders wichtig, dass der Hintergrund solcher Taten richtig eingeordnet wird. Selbst bei dem antisemitischen, rassistischen und frauenfeindlichen Anschlag wie in Halle gab es die Tendenz, die Tat überwiegend über die persönlichen Eigenschaften des Täters zu erklären. Auf diese Weise werden die historischen, politischen, gesellschaftlichen Faktoren individualisiert. Aus der Perspektive von Betroffenen ist das eine ernüchternde Erfahrung, die nicht gerade bei der Verarbeitung hilft.

Wird dieser Grund zu leichtfertig angeführt?
Diese Frage wird nach Anschlägen häufig diskutiert. Auch bei Ermittlungen ist es nicht selten Thema. Erinnern wir uns an das Attentat auf Mireille Knoll in Paris oder den Angriff auf einen jüdischen Studenten vor einer Synagoge in Hamburg. In allen diesen Fällen wurde vom Gutachter eine Psychose diagnostiziert. Im Fall Hamburg ergaben sich laut Staatsanwaltschaft keine Anhaltspunkte für ein antisemitisches Motiv. Auch wenn in solchen Fällen psychische Erkrankungen vorliegen, handeln viele Täter aus Überzeugung. Gleichwohl: Im Fall Würzburg sollten wir keine vorschnellen Schlüsse ziehen, denn die Ermittlungen laufen. Fest steht: Nichts rechtfertigt den vorsätzlichen Mord an Menschen.

Der mutmaßliche Täter soll bereits einmal ein Messer gezückt haben. Psychi­ater sollen dreimal bei derselben Person »keinen Behandlungsbedarf« gesehen haben. Fehlt die Sensibilität für die Gefahr?
Viele solche Terroranschläge werden nicht mehr im organisierten Bereich geplant. Dem Umfeld und den psychosozialen Unterstützungssystemen kommt dabei eine wichtige Rolle zu, solche Warnsignale wahrzunehmen und koordiniert zu handeln. Nach solchen Terroranschlägen benötigen Betroffene und Angehörige eine kompetente und umfassende Begleitung. Es bedeutet für Behörden und Beratungsstellen, diese Hilfe auf deren Bedürfnisse auszurichten.

Mit der Leiterin Kompetenzzentrum und Geschäftsführung OFEK e.V. sprach Katrin Richter.

München

Bayern erhöht Staatsleistungen für israelitische Kultusgemeinden

Seit 1997 gibt es in Bayern einen Staatsvertrag mit den jüdischen Gemeinden. Dieser muss immer wieder mal angepasst werden. Am Freitag war es wieder soweit. Ein Signal der Wertschätzung

 06.09.2026

Exklusiv-Interview

»Anders als Hitler ist die AfD nicht kriegslüstern«

Der Historiker und Bestsellerautor Götz Aly über die Radikalisierung des NS-Regimes, Vergleiche zwischen dem Ende der Weimarer Republik mit der heutigen Zeit und die Sinnhaftigkeit eines AfD-Verbots

von Michael Thaidigsmann  06.09.2026

AfD in Sachsen-Anhalt

Prien: Abschaffung der Schulpflicht wäre Katastrophe

Im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt plädiert die AfD für das Recht von Eltern, Kinder zu Hause zu unterrichten. Die Bundesbildungsministerin hält das für falsch

 06.09.2026

Landtagswahl

Wahllokale in Sachsen-Anhalt geöffnet

Die Menschen in Sachsen-Anhalt entscheiden heute darüber, wie die Politik in den kommenden fünf Jahren aussehen soll. Zuletzt warnte der Zentralrat der Juden vor der AfD, die in Umfragen vorne liegt

 06.09.2026

Kommentar

Warum es eine Brandmauer gegen die Linkspartei braucht

Wenn eine Brandmauer nur auf einer Seite steht, brennt es von der anderen rein. Über diese offene Seite müssen wir reden

von Nelly Eliasberg  06.09.2026

Wahlen

So antisemitisch ist die AfD

Die rechtsextreme Partei inszeniert sich gern als Vorkämpferin gegen Judenhass und für Israel. Ein Faktencheck

von Stefan Dietl  06.09.2026

Sachsen-Anhalt

Wie stark wird die AfD?

Ulrich Siegmund will mit der AfD künftig allein regieren in dem Bundesland. Ministerpräsident Sven Schulze von der CDU hält dagegen. Jetzt entscheiden die Wähler über die Mehrheitsverhältnisse

 06.09.2026 Aktualisiert

Berlin

Elif Eralp möchte Benjamin Netanjahu verhaften lassen

Die Linken-Spitzenkandidatin in Berlin bezichtigt Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu schwerer Verbrechen

 04.09.2026

Kommentar

Wladimir Putin setzt auf unsere Langsamkeit

Konsulatsschließungen fangen keine Drohnen ab, Sanktionen schützen keinen Flughafen. Deutschland muss gegenüber Russland endlich eine härtere Gangart einschlagen

von Sergey Lagodinsky  04.09.2026