30. Juni 1942

Vor 80 Jahren schlossen die Nazis alle jüdischen Schulen

War bis 1942 die wichtigste jüdische Schule Hamburgs: die Talmud-Tora-Realschule Foto: imago images/Hoch Zwei Stock/Angerer

Als Rudolf Appel am 23. November 1938 an seinen Vater schreibt, sitzt dieser bereits im Konzentrationslager. Nazis haben Julius Appel nach den Novemberpogromen wie Zehntausende andere jüdische Männer auch verschleppt: Die Postkarte seines 13-jährigen Sohnes ist nach Dachau adressiert, an den »Schutzhaftjuden J. Appel«, Block 12, Stube 2. Rudolf teilt darin mit: »Ich gehe jetzt in die Schule, wo meine anderen Freunde sind und es gefällt mir sehr gut.« Unterschrieben hat das Kind mit »Denny«, auch seine Mutter hat ein paar Zeilen an ihren Ehemann verfasst.

Nach den Gewaltexzessen der Novemberpogrome wurden jüdische Schüler aus Volks- und höheren Schulen ausgeschlossen

So nüchtern Rudolf seinen Schulwechsel in Mannheim beschreibt - er erfolgte keineswegs freiwillig. Sondern lag auf dem Weg zur allmählichen systematischen Ausgrenzung von Juden in der NS-Zeit, die in die Ermordung von rund sechs Millionen europäischen Juden mündete. Nach den Gewaltexzessen der Novemberpogrome wurden jüdische Schüler aus Volks- und höheren Schulen ausgeschlossen und mussten jüdische Einrichtungen besuchen - auch Rudolf Appel. Doch damit nicht genug: Am 30. Juni 1942, vor 80 Jahren, schlossen die Nazis jüdische Schulen in Deutschland. So endete der Unterricht für alle jüdischen Schüler.

Vorgeschichte Dieser Schritt hatte eine lange Vorgeschichte, die der Zeithistoriker Wolfgang Benz einmal in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) nachgezeichnet hat: »Es begann im April 1933 mit dem Gesetz ‚zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums‘. Damit wurden jüdische Lehrer aus dem Dienst entfernt. Ebenfalls im April 1933 ging es weiter mit dem Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen. Das heißt, ein Numerus clausus gegen Juden wurde eingeführt. Es sollten nicht mehr als maximal 1,5 Prozent der Schüler und Studenten Juden sein.«

Weiter ging es im September 1935, kurz vor den Nürnberger Gesetzen zur Rassentrennung: Ab da durften jüdische Kinder und Jugendliche öffentliche Schulen nicht mehr besuchen, eigene Volksschulen für Juden wurden vorgeschrieben. »Das ist der entscheidende Zeitpunkt in der Diskriminierung jüdischer Schüler«, so Benz. Und das hatte zur Folge, dass gar nicht mehr alle jungen Juden weiterhin Unterricht besuchen konnten - weil es nicht überall jüdische Schulen gab oder für eine Neugründung zu wenige Schüler vorhanden waren. Hatte es aufgrund von Ausnahmen noch durchaus jüdische Schüler an öffentlichen Schulen gegeben, war es 1938 auch damit vorbei.

Als Ende Juni 1942 jüdische Schulen endgültig schließen mussten, waren davon vielleicht noch rund 10.000 schulpflichtige Juden betroffen.

Als dann Ende Juni 1942 jüdische Schulen endgültig schließen mussten, waren davon laut Benz vielleicht noch rund 10.000 schulpflichtige Juden betroffen. Das lag an der massenhaften Auswanderung nach den Novemberpogromen: Gab es Benz zufolge im Schuljahr 1932/33 ungefähr 60.000 schulpflichtige Juden, waren es 1938/39 noch etwa 20.000. Und die Zahlen sanken weiter: »Die Auswanderung beherrschte das Leben etwa bis 1941, als der Judenstern eingeführt wurde. Zuvor gab es die Ghettoisierung in ‚Judenhäusern‘, ab Herbst 1941 begannen die Deportationen in den Osten. Schulpflicht spielte für diese diskriminierte Minderheit schon keine große Rolle mehr.«

Schicksal Rudolf Appel und seine Familie hatten Glück: Sein Vater, der aus dem KZ entlassen worden war, sein Bruder Martin und seine Mutter Rosa überlebten durch Flucht in unterschiedliche Länder den Naziterror - gleichwohl war die Familie erst 1946 wieder vereint, wie Dominic Strieder für das Jüdische Museum Berlin schreibt. Dort ist auch das Schicksal von Rudolf und anderen jüdischen Kindern und Jugendlichen im Zweiten Weltkrieg nachzulesen.

Heute gibt es hierzulande nach Angaben des Zentralrats der Juden in Deutschland neun jüdische Grundschulen und sieben weiterführende jüdische Schulen in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Köln, München und Stuttgart. Demnach sind es staatlich anerkannte Ersatzschulen (Privatschulen), in denen Judentum und Hebräisch zum Unterricht gehören und jüdische Feste begangen werden. Unterrichtet werden meistens auch nichtjüdische Kinder und Jugendliche. Heile Welten sind diese Schulen 77 Jahre nach Kriegsende nicht: Wachleute, Kameras und hohe Zäune schützen sie, und sie nehmen immer wieder Schüler auf, die nach Mobbing öffentliche Schulen verlassen haben.

Steffen Krach, SPD-Spitzenkandidat bei der Abgeordnetenhauswahl 2026

Berlin

SPD-Vorstand beschließt Mitgliedervotum zu Koalitionsvertrag

Noch haben die Koalitionsverhandlungen in Berlin nicht begonnen. Klar ist aber schon, dass die Basis der drei potenziellen Regierungspartner eng eingebunden werden soll

 30.10.2026

Friedens-Mission

Woidke lobt Pferdetreck nach Jerusalem als Friedenszeichen

Sechs Monate und mehr als 3.500 Kilometer Reise durch acht Länder: Der Friedenstreck nach Jerusalem im vergangenen Jahr musste viele Hindernisse überwinden

 30.10.2026

Meinung

Elif Eralp und der »Spiegel«: Alles nur eine böse rechte Kampagne!

Die Spitzenkandidatin der Linken in Berlin offenbart aus Versehen ihre Angst vor dem Umfeld der eigenen Partei – und entlarvt den Vorwurf, Opfer einer Kampagne zu sein

von Wiebke Hollersen  30.10.2026

Iran-Krieg

Katarische Unterhändler in Teheran zu Gesprächen

Inmitten von Spannungen und Angriffen auf Schiffe in der Straße von Hormus mehren sich diese Woche diplomatische Besuche im Iran. Jetzt sind Vertreter aus Katar eingetroffen

 30.10.2026

Wahl in Israel

Josef Schuster: Regierungswechsel in Israel könnte förderlich sein

Äußerungen rechtsradikaler Minister in Israel sind nicht akzeptabel, sagt der Präsident des Zentralrats der Juden. Was ein möglicher Regierungswechsel im Land für die deutsch-israelischen Beziehungen bedeuten könnte

von Leticia Witte  30.10.2026

SPIEGEL-Affäre

Eralp zu Angst-Eingeständnis: Nehme Rat von Behörden ernst

Mit schriftlichen Anmerkungen zu einem Interview sorgt die Berliner Linken-Frontfrau für Aufsehen. Nun bezieht sie selbst Stellung - und führt ihr Handeln auf den Rat der Sicherheitsbehörden zurück

 30.10.2026

Berlin

Thorsten Frei fordert Abbruch der Koalitionsverhandlungen mit Linken

»Wer in den eigenen Reihen die Zusammenarbeit mit Hamas-Sympathisanten duldet, kann nicht glaubwürdig Verantwortung für die Sicherheit von Millionen Berlinern übernehmen«, so der Fraktionschef der Bundestagsunion

 30.10.2026

Debatte

Nach Eralp-Veröffentlichung: Jetzt meldet sich der »Spiegel« zu Wort

 30.10.2026

Rheinland-Pfalz

CDU, SPD und Grüne fordern Schulterschluss gegen Antisemitismus

Nachdem in einem Brief an die Jüdische Gemeinde Speyer gedroht wurde, die Synagoge in die Luft zu sprengen, wollten die Fraktionen ein Zeichen setzen

 30.10.2026