Jubiläum

Von Schilumim zu Schalom

Israels Außenminister Mosche Scharet und Bundeskanzler Konrad Adenauer am 10. September 1952 bei der Unterzeichnung in Wassenaar Foto: ullstein bild - ullstein bild

Wenn heute das Bundesfinanzministerium auf seiner Homepage staatstragend das »Gedenkjahr der Wiedergutmachung 2022« verkündet, könnte das fast vergessen machen, welche Emotionen der Beginn von Verhandlungen zwischen einer bundesdeutschen und einer israelischen Delegation im niederländischen Badeort Wassenaar vor 70 Jahren auf beiden Seiten auslöste. Immerhin repräsentierten die beiden Delegationen noch klare Täter- und Opferrollen im damals erst sieben Jahre zurückliegenden größten Völkermord unserer Zeit.

In Israel drohten Demonstranten von Menachem Begins Cherut-Partei, gewaltsam in die Knesset einzudringen, und konnten nur unter Einsatz von Tränengas davon abgehalten werden. Auch Vertreter des politisch linken Rands versuchten, Ministerpräsident David Ben Gurion davon abzubringen, das »Blutgeld« aus Bonn anzunehmen. In Bonn wiederum hatte Konrad Adenauer es mit dem erbitterten Widerstand aus seinen eigenen Reihen zu tun.

Der Großteil seiner Partei verweigerte ihm die Gefolgschaft, als er in einer Bundestagsrede davon sprach, dass »im Namen des deutschen Volkes unsagbare Verbrechen« geschehen seien, »die zur moralischen und materiellen Wiedergutmachung« verpflichteten.

gegenrechnung Ganz anders sahen das einige seiner führenden Partei- und Kabinettsmitglieder wie Finanzminister Hans Schäffer, der den Juden eine Gegenrechnung präsentieren wollte, indem er die Oberfinanzdirektionen anwies, die Devisen- und Schwarzmarktdelikte der jüdischen Displaced Persons nach 1945 aufzulisten, und Schäffers CSU-Kollege Franz Josef Strauß, der später als Verteidigungsminister geheime Waffenlieferungen nach Israel initiierte.

Im Außenministerium fürchtete man zudem um die guten Beziehungen mit den arabischen Staaten, und als aus deren Reihen Protest laut wurde, wies man die arabischen Diplomaten dezent darauf hin, es doch auch einmal gegenüber den Israelis mit Entschädigungszahlungen zu versuchen – für die Vertreibung der Palästinenser.

Auch die Mehrheit der deutschen Bevölkerung war gegen das ausgehandelte Abkommen. Nur elf Prozent der Deutschen sprachen sich 1952 für die Wiedergutmachungszahlungen aus. Am Ende konnte Adenauer das am 10. September in Luxemburg unterzeichnete Abkommen nur mit der Unterstützung aus den Reihen der oppositionellen Sozialdemokraten retten. Eine knappe Bundestagsmehrheit stimmte am 4. März 1953 schließlich für die Annahme.

Nicht zu vergessen ist, dass sich die DDR strikt weigerte, über Zahlungen an Israel zu verhandeln. Die wenigen führenden Politiker, allen voran SED-Politbüro-Mitglied Paul Merker, die eine Diskussion darüber wollten, wurden aus der Partei ausgeschlossen und verhaftet.

Eine zufällige Begegnung brach das Eis, fortan sprach man auch auf Deutsch miteinander.

Was die beiden Delegationen in Wassenaar betraf, so hatten sie von Anfang an grundsätzlich unterschiedliche Auffassungen, worüber sie eigentlich verhandelten. Während die deutsche Delegation von Wiedergutmachung sprach, was auch eine moralische Dimension barg, legte die Delegation der Israelis und der Claims Conference Wert darauf, über »Schilumim« zu sprechen, was den rein finanziellen Aspekt der Entschädigung bezeichnete.

annäherung Die offizielle Distanz, aber auch die gegenseitige persönliche Annäherung werden deutlich, wenn man sich genauer ansieht, was am Verhandlungstisch ablief. Fast alle israelischen Delegierten konnten Deutsch sprechen. Sie waren jedoch dazu angehalten worden, nur auf Hebräisch oder Englisch mit den Verhandlungspartnern zu sprechen, und so bedurfte es eines Dolmetschers, der die Beiträge der einen Deutsch-Muttersprachler für die anderen Deutsch-Muttersprachler übersetzte, wenn sich die Delegierten nicht selbst auf Englisch abmühten.

Als dies wieder einmal geschah, bemerkte der deutsche Delegierte Otto Küster, dass er vermeinte, einen schwäbischen Akzent im Englisch von Felix Shinnar herauszuhören. Shinnar, der zweite Vorsitzende der israelischen Delegation, bestätigte dessen Vermutung. Es stellte sich heraus, dass sowohl Küster als auch Shinnar, damals noch unter dem Namen Schneebalg, in Stuttgart aufgewachsen waren und dort sogar dieselbe Schule besucht hatten. Sie schrieben gar eine gemeinsame Postkarte an einen ihrer früheren Lehrer.

Diese zufällige Begegnung ließ das Eis brechen, und die Delegation sprach fortan entgegen den offiziellen Bestimmungen auch auf Deutsch miteinander. Auf offizieller Ebene jedoch hielt die Eiszeit noch eine ganze Weile an.

reisepässe So blieb der Eintrag in israelischen Reisepässen, sie seien gültig für alle Länder »mit Ausnahme von Deutschland«, noch mehrere Jahre lang bestehen. Bis 1961 gab es einen offiziellen Boykott von deutschen Kulturveranstaltungen in Israel. Erlasse zur Einschränkung des Gebrauchs der deutschen Sprache wurden erneut 1961 verfügt, dem Jahr des Eichmann-Prozesses in Jerusalem. Es sollte bis 1965 dauern, dass die beiden Länder offiziell diplomatische Beziehungen aufnahmen und Botschafter austauschten.

Über Restitutionszahlungen wurde seitdem immer wieder neu nachverhandelt, nun aber zunehmend auf der Ebene des breiten Konsenses in beiden Gesellschaften. In diesem Sinne hatten die Schilumim auch den aus der gleichen Wortwurzel gebildeten Schalom gebracht, eine friedliche Koexistenz und sogar erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Israelis.

Dass dieses Kapitel aber noch nicht ganz beendet ist, zeigten erst vor Kurzem die komplizierten und schmerzhaften deutsch-israelischen Verhandlungen über die Entschädigungszahlungen an die Hinterbliebenen des Münchner Olympia-Attentats. Zwar hatten diese oberflächlich nichts mit der Schoa zu tun, doch selbstverständlich dachte in Israel jeder daran, dass die israelischen Sportler ausgerechnet in jenem Land umgebracht wurden, in dem 30 Jahre zuvor auch der Mord an vielen ihrer Angehörigen geplant worden war.

Der Autor ist Historiker und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität.

Berlin

Petra Pau kritisiert Ferat Koçak nach Kontakt zum Remmo-Clan

»Ich kann nicht mehr an Naivität glauben«, sagt die frühere Bundestagsvizepräsidentin

 22.09.2026 Aktualisiert

Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen)

Berlin

Özdemir: Linke muss Antisemiten notfalls rauswerfen

Nach der Abgeordnetenhauswahl können die Grünen sowohl mit SPD und Linken als auch mit SPD und CDU koalieren. Der einzige grüne Chef einer Landesregierung hat einen klaren Rat für seine Parteifreunde

 22.09.2026

Frankfurt

Vorsitzender der jüdischen Gemeinden in Hessen legt Amt bei HR nieder

Der Streit über die Höhe der Entschädigung für enteignete jüdische Grundstücke in Frankfurt am Main zieht Kreise: Daniel Neumann legt sein Aufsichtsratsmandat bei einer HR-Tochter nieder

 22.09.2026

New York

Trump: Mamdani hat Potenzial zu großartigem Bürgermeister

Politisch liegen Welten zwischen New Yorks Bürgermeister und dem US-Präsident. Doch auch nach ihrem dritten Treffen äußern sich beide erstaunlich versöhnlich

 22.09.2026

Berlin

Sergey Lagodinsky: Linke muss Antisemiten ausschließen

Die Debatte um Judenhass in der Linkspartei ebbt nicht ab. Der Grünen-Europaabgeordnete fordert nun konkrete Konsequenzen von der Parteiführung

 22.09.2026

Berlin

Merz: Jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr sicher

Vor allem seit dem Überfall der Hamas auf Israel und dem Beginn des Gaza-Krieges kommt es in Berlin immer wieder zu Attacken auf Juden. Der Bundeskanzler erteilt jeglichem Antisemitismus eine klare Absage

 22.09.2026

Berlin

Igor Levit kritisiert Merz: Weiter-so in hübscher Verpackung

Merz’ Art der Kommunikation des CDU-Politikers wirke »losgelöst«, so der Pianist

 22.09.2026

Kanada

Schüsse vor Synagoge: Polizist und mutmaßlicher Angreifer schwer verletzt

Der Vorfall ereignete sich am Sonntagabend, während sich rund 25 Menschen in der Sons of Jacob Synagogue zum Jom Kippur versammelt hatten

 22.09.2026

Berlin

Auschwitz Komitee: Linke soll zu »Fehlentwicklungen« stehen

Nach dem Wahlsieg der Linken: Die Präsidentin des Auschwitz-Komitees kritisiert die Haltung der Partei zum Antisemitismus. Sie müsse sich »von allen Antisemiten in ihren Reihen« trennen

 22.09.2026