Olympia

Vierzig Jahre danach

Unter den Sohlen knirscht verharschter Schnee. Ein eisiger Wind fährt durch die Gassen. Es ist Ende Februar in München. Acht Uhr morgens, das Olympische Dorf schläft. Wo vor 40 Jahren zu den Sommerspielen Sportler untergebracht waren, leben heute Studenten, die sich um diese Zeit nicht blicken lassen. Menschenleer erstarrt das in die Jahre gekommene Olympiagelände zu einem Museum. Erinnerungen steigen auf, Bilder voller Brutalität.

In den Morgenstunden des 5. September 1972 hatten acht Mitglieder der palästinensischen Terrorgruppe »Schwarzer September« das Olympische Dorf überfallen mit dem Ziel, mehr als 200 in Israel inhaftierte Palästinenser und RAF-Terroristen freizupressen. Sie drangen in die Unterkunft der israelischen Mannschaft ein, erschossen zwei Sportler, wurden Stunden später zusammen mit neun israelischen Geiseln zum nahen Militärflughafen Fürstenfeldbruck geflogen.

Schusswechsel Dort kam es zu einem Schusswechsel zwischen Polizei und Geiselnehmern. Alle israelischen Geiseln, ein Polizist und fünf Terroristen starben. Nach einem Tag Bedenkzeit entschied das Internationale Olympische Komitee, die Spiele fortzusetzen. Die überlebenden Israelis flogen zusammen mit den Särgen ihrer Kollegen zurück in ihr Heimatland. In München gingen die Wettkämpfe weiter, die Fahnen hingen auf Halbmast. 20 Stunden hatte das Olympiaattentat gedauert.

Neun Uhr: Eine Studentin mit einem dicken Schal um den Hals, weiß, wo es passiert ist. »Am Parkdeck vorbei, dann die wenigen Stufen hoch.« Connollystraße 31. Heute befindet sich dort das Gästehaus der Max-Planck-Gesellschaft. Ein Schild bittet darum, »die Privatsphäre der Gäste« zu achten. Zwischen Fahrrädern und winterleeren Blumenschalen steht eine Steintafel: »In diesem Gebäude wohnte während der XX. Olympischen Sommerspiele die Mannschaft des Staates Israel vom 21.VIII. bis zum 5.IX.. Am 5. September starben eines gewaltsamen Todes: David Berger, Seew Friedman, Josef Gutfreund, Elieser Halfin, Josef Romano, Amizur Shapira, Kehat Shorr, Mark Slavin, Andre Spitzer, Jaakow Springer, Mosche Weinberger. Ehre ihrem Andenken.«

Zehn Uhr: »Mein Anliegen ist es, die Erinnerungskultur an das Attentat zu verändern«, sagt, ein paar Gehminuten vom Olympischen Dorf entfernt, Emanuel Rotstein, Filmproduzent bei »The Biography Channel«, einem Pay-TV-Sender, der unter das Olympiazelt geladen hat. Rechts und links von Rotstein sitzen aufgereiht Männer, die als Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft den Angriff der Terroristen überlebt haben. Sie verstanden die Anfrage des Dokumentarfilmers als das, was sie war: eine Aufforderung zu erzählen, ein Weg, die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam zu machen.

Und sie spürten, wie sehr sie darauf gewartet hatten. »Sie waren froh, ihre Erinnerungen mit jemandem teilen zu können«, erinnert sich Rotstein. Die sieben ehemaligen Olympioniken gaben ihm Einblick in ihr Leben in Israel oder den USA, zeigten, wie es weiterging nach 1972, die ewige Suche nach Normalität. Der elfte Tag – Die Überlebenden von München 1972 nennt Rotstein seine Dokumentation. Gedreht wurde auch in München. Für einige war es die erste Rückkehr in diese Stadt.

Dankbarkeit Elf Uhr: Sie sitzen da, gekleidet im uneitlen Graubraunton praktischer Altherrenmode, und bringen neben ihren Antworten auf Hebräisch oder Englisch vor allem Dankbarkeit zum Ausdruck, dass man ihnen in diesem geschützten Raum keine Vorwürfe macht. »Nachdem wir wieder zu Hause in Israel waren, bin ich zu den Familien derer gegangen, die umgekommen sind. Ich habe ihnen immer wieder genau geschildert, was passiert war. Sie waren neidisch auf mich, so jedenfalls habe ich es empfunden, und ich verstehe das sogar.«

Gad Tsabary, 1944 in Israel geboren, war als Ringer in München, die Terroristen hatten ihn gefangenen genommen, doch er konnte fliehen. »Am Abend hatten wir Anatevka im Theater angeschaut. Danach ging jeder ins Bett. Etwa gegen 4.30 Uhr hörte ich so etwas wie eine Explosion. Zuerst habe ich das gar nicht so beachtet. Dann laute Stimmen. Ich trage keinen Schlafanzug, bis heute nicht. Ich gehe aus meinem Zimmer und treffe einen Terroristen, der schreit: ›Gibt es noch Israelis?‹

Seine Waffe hatte er auf meinen Körper gerichtet. Ich habe sie weggeschoben und bin gerannt. Ich war nur in Unterhose und rannte im Zickzack weg, sprang über den Zaun, nach zehn Metern rannte ich in ein anderes Haus. Ich versuchte zu erklären, was los ist. Aber sie glaubten mir nicht. Sie haben gedacht, ich bin ein Verrückter, um 5 Uhr früh und nur in Unterhose! Später bekam ich dann von einem Polizisten ein Hemd und stand für Stunden so rum. Ich habe mich schrecklich gefühlt.«

Zurück in Israel, wollte er nicht mehr schlafen. Er wollte nicht mehr ins Bett und wenn er schlief, verfolgten ihn Albträume. Er ging zu einem Psychologen. »Tu was!«, sagte der. Heute ist Gad Tsabary Weinbauer. Seine Weine haben schon Preise gewonnen. Und er beschäftigt sich so oft es geht mit seinen Enkelkindern. »Meine Sportkollegen von damals habe ich fast 40 Jahre lang nicht gesehen. Wir haben nie zusammen über unsere Trauer geredet.«

aufregung Der 67-jährige Dan Alon hat für Israel gefochten. Für ihn war der Einzug ins Münchner Olympiastadion neben dem Tag der Geburt seiner Kinder das größte Ereignis seines Lebens. In München wollte er zeigen: Es gibt uns, hier sind wir, und wir sind keine Lämmer, die man zur Schlachtbank führt. Nach München hat er kein Florett mehr in die Hand genommen. Als Rotstein mit seiner Filmidee bei ihm anfragte, war er »so froh, so aufgeregt!«

Professor Shaul Ladany, 1936 in Belgrad geboren, hat Bergen-Belsen überlebt und dann München. Es waren seine zweiten Olympischen Spiele als Geher. »Es hat Spaß gemacht. Ich sammle olympische Anstecknadeln, habe sie mit anderen getauscht, nur muslimische Sportler haben oft den Kopf weggedreht. Ich habe mich auch als Übersetzer nützlich gemacht, weil ich ja acht Sprachen spreche. Der Geist und die Stimmung waren fantastisch. Und dann …, alles aus. Aber es war richtig, dass die Spiele weitergingen. Auch wenn das viele anders sahen, ich denke so. Sonst hätte man den Terroristen recht gegeben. Die wollten ja nicht nur Israel treffen, sondern die ganze westlich Welt. Und hätte man die Spiele abgebrochen, wären wir Israelis von allen Sportlern angeklagt worden.«

»Wir denken auch so, Shaul«, Avraham Melamed beugt sich nach vorne und sieht Ladany ins Gesicht, »mit dieser Ansicht bist du nicht alleine.« Avraham Melamed, 1944 in Israel geboren, lebt heute in den USA. Zu den Spielen ist er als Trainer einer israelischen Schwimmerin mitgereist. »Ich verdanke Mosche Weinberger mein Leben«, betont er immer wieder. Der Ringertrainer Weinberger wurde von den Terroristen noch im Olympischen Dorf erschossen. »Er hat die Terroristen an meinem Appartement vorbeigelotst.« Melameds Gefühle spielen verrückt. Er ist zum ersten Mal wieder in München. »Das hier ist ein großartiges Projekt und es ist schön, hier zu sein. Wir haben Spaß, wir fühlen uns wie auf einer Wolke der Liebe, aber es kommt auch einiges wieder nach oben, Gefühle, die ich jahrelang geblockt hatte. Aber schuldig fühle ich mich nicht. Ich fühle mich nicht schuldig.«

pistole Zelig Shtorch hat seine Geschichte schon einige Male erzählt. In München war er schon oft. Er ist »Tourist Guide«, und wenn er seiner Gruppe die Stadt zeigt, gehört das Olympische Dorf eben auch dazu, »und ich erzähle meine Geschichte: Ich hatte eine Waffe. Mit der Waffe stand ich hinter einem Vorhang, vor mir der Terrorist und ich wusste, dass ich etwas tun konnte. Ich hätte ihn treffen können, aber ich steckte die Waffe weg und das frisst seit 40 Jahren in mir«.

Shtorch, 1946 in der UdSSR geboren, wanderte 1962 nach Israel aus. Er war als Sportschütze nach München gekommen, wo es ein Leichtes war, das Olympische Dorf mit einer Waffe zu betreten. »Was hätte ich tun sollen? Zum ersten Mal stelle ich diese Frage vor so einem Forum. Was hätte ich tun sollen mit der Waffe in der Hand?« Eine Antwort erwartet er nicht. »Nach der Halacha ist es so: Man muss sich zuerst selbst retten, aber dann gibt es da auch den Satz: Jeder, der eine jüdische Seele rettet, hat die Welt gerettet.« Zelig Shtorch kommt nicht weiter.

»Wir tragen alle solche Momente in uns«, sagt Henry Hershkovitz, auch er ein ehemaliger Sportschütze, 1927 in Rumänien geboren, 1965 nach Israel ausgewandert. Als die El-Al-Maschine die Sportler von München zurück nach Israel gebracht hatte und ihm seine Frau auf dem Rollfeld entgegenkam, um ihn zu umarmen, da wollte er das nicht. Es schien ihm nicht richtig. Daran denkt er oft. Das ist sein Moment. »Es ist nicht einfach hier zu sein«, gesteht er. »Wenn jemand stirbt, sagen alle, ja, er war der Beste, aber die, die hier in München getötet wurden, sie waren wirklich die Besten.« Hershkovitz war beim Einmarsch der Nationen der Fahnenträger der israelischen Mannschaft gewesen.

Zwölf Uhr dreißig: Jetzt lassen sich die sieben Männer im Stadion fotografieren. Ein kräftiges Stahlseil, das das Olympiazelt ausladend spannt, findet seine Verankerung jenseits einer Fußgängerbrücke. Dort steht seit 1995 ein verkanteter, massiger »Klagebalken« aus Flossenbürger Granit, in ihn eingemeißelt die Namen der Getöteten. Über Kopfhörer lassen sich Touristen dazu etwas erklären und ziehen weiter. In Emanuel Rotsteins Film treten die Überlebenden aus dem Schatten der Toten, als Zeitzeugen, die mit der Erinnerung zu schaffen haben, die bisher kaum beachtet wurden.

»Der elfte Tag – Die Überlebenden von München 1972«. Eine Dokumentation von Emanuel Rotstein, The Biography Channel (BIO), 7. Juli 2012, 20 Uhr

Schweigeminute
Bundesaußenminister Guido Westerwelle hat sich der Forderung nach einer Schweigeminute bei den Olympischen Spielen in London für die Opfer des Attentats von 1972 in München angeschlossen. Auch die Grünen unterstützen die Forderung. Sie haben in den Bundestag den Antrag für ein öffentliches Gedenken eingebracht. Darüber hinaus soll das Attenat wissenschaftlich aufbereitet und eine Wanderausstellung zum Thema erstellt werden.

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