Justiz

»Viel mehr Bewusstsein schaffen bei Staatsanwaltschaften«

Kritisiert die Staatsanwaltschaft Braunschweig: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger Foto: IMAGO/Future Image

Frau Leutheusser-Schnarrenberger, wie bewerten Sie die Begründung eines Braunschweiger Staatsanwalts, die Beleidigung von Medienvertretern als »Judenpresse« und »Judenpack« durch einen Rechtsextremisten stelle keine Volksverhetzung im Sinne des Paragrafen 130 Strafgesetzbuch dar, da sie sich nur gegen die anwesenden Journalisten und nicht gegen Juden im Allgemeinen gerichtet habe?
Selbst wenn man den Auffassungen der Staatsanwaltschaft folgen sollte - mich überzeugen sie nicht -, sind diese Bezeichnungen als intendierte Herabwürdigungen zu verstehen. Das »Othering« ist eine weitverbreitete Erscheinungsform von antisemitischen Haltungen. Die Vokabel »Juden« wird hier in einem beschimpfenden und herabwürdigenden Kontext gebraucht.

Halten Sie eine erneute Wiederaufnahme des Verfahrens in Braunschweig für angezeigt?
Rechtlich ist das sehr schwierig. Das klassische Wiederaufnahmeverfahren greift hier von den Voraussetzungen nicht. Ich hielte aber innerhalb der Staatsanwaltschaft eine grundsätzliche Befassung mit dieser Frage für sehr angebracht. Vielleicht könnte dazu ein Rechtsgutachten eingeholt werden.

Wie bewerten Sie generell den Umgang der Justiz in Deutschland mit hetzerischen und antisemitischen Äußerungen wie denen von Martin K.?
Aus meiner Sicht müssen wir bei Staatsanwaltschaften viel mehr ein Bewusstsein dafür schaffen, in welchen Formen sich Antisemitismus heute äußern kann und welche Typen von »Dogwhistle«-Codes oder Chiffren benutzt werden, um antisemitisch zu hetzen und Jüdinnen und Juden direkt oder indirekt zu verunglimpfen. Schwierig ist die Abwägung zwischen strafbar und nicht strafbar im Einzelfall dennoch. Aber den Antisemitismus zu erkennen und als solchen auch klar zu benennen und gegebenenfalls in Ermittlungen und Verfahren entsprechend zu werten, erfordert Wissen um die aktuellen Antisemitismusformen.

Was konkret unternehmen Sie und die anderen Antisemitismusbeauftragten, um hier Fortschritte zu erreichen?
Als Bund-Länder-Kommission haben wir uns seit Herbst 2021 verstärkt mit diesen Fragen beschäftigt. In Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern wurden dazu entsprechende Ansprechpartner eingerichtet. In NRW sind das insgesamt 22 Personen bei allen Staatsanwaltschaften und Generalstaatsanwaltschaften. Diese sollen nun vor allem nach innen Kompetenzen und Wissen aufbauen und bereitstellen und für die jüdischen Gemeinden als Ansprechpartner fungieren. Wichtig ist zudem: Wenn es zu Einstellungen von Ermittlungen oder Verfahren kommt, sollte dies auch immer gut erklärt werden - sowohl der Öffentlichkeit als auch insbesondere den möglichen Betroffenen. Nur, weil etwas rechtlich möglicherweise nicht strafbar ist, ist es für Betroffene noch lange nicht weniger verletzend.

Bietet der §130 StGB (Volksverhetzung) in seiner aktuellen Form und in seiner Auslegung und Anwendung durch die Justiz ausreichend Schutz vor antisemitischer Hetze, oder sollte er überarbeitet werden?
Das wird immer wieder überlegt und letztendlich nicht gemacht, denn es ist sehr schwierig, auf der einen Seite möglichst viele Sachverhalte gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu erfassen und auf der anderen Seite nicht zu eng zu formulieren. Die Kommentierung zum §130 StGB gibt aber viele Anhaltspunkte für seine Anwendung.

Das Interview mit der nordrhein-westfälischen Antisemitismusbeauftragten und früheren Bundesjustizministerin führte Michael Thaidigsmann.

Gerichtsurteil

Behörde darf Verbeamtung wegen Nähe zu Muslimbruderschaft ablehnen

Die Klägerin arbeitet als Sachbearbeiterin bei der Karlsruher Ausländerbehörde. Das Gericht hat Zweifel an ihrer Verfassungstreue

 11.08.2026

Social Media

Shirin David, Bill Kaulitz und die Wassermelonen-Jünger

Bei der Rapperin reicht ein »Free Palestine« für die Verbündeten, bei dem Sänger ein »Tel Aviv! Love!« für die Gegner. Ein Kommentar

von Pola Sarah Nathusius  11.08.2026

Österreich

Zwei Israelinnen in Wien vermisst

Die israelische Botschaft vor Ort bittet die Öffentlichkeit um Hilfe

 11.08.2026

Nordhessen

Vier Meter großes Hakenkreuz in Asphalt gebrannt

Die Polizei sucht nun nach den Täter, der Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen

 11.08.2026

Nordrhein-Westfalen

Medienminister übt scharfe Kritik an Georg Restle und dem WDR

Nathaniel Liminiski (CDU): »Israel und das Judentum sind kein Freiwild für jeden Vorwurf, auch nicht für Journalisten«

 11.08.2026 Aktualisiert

Berlin

Neukölln verschärft Regeln: CDU-Politiker will bei Antisemitismus Gelder streichen

Sozialstadtrat Hannes Rehfeldt will Förderbescheide mit strengeren Vorgaben versehen und bei Verstößen die Finanzierung von Projekten stoppen

 11.08.2026

Washington D.C.

Trump soll Bedrohung durch Iran mit Geheimflug aus der Türkei entgangen sein

Wie schafften es die Bewacher des Präsidenten, ihn unerkannt in eine kleinere Maschine zu bringen und nach London zu fliegen?

 11.08.2026

Aberdeen

Israelfeindliche Aktivisten dringen in britisches Büro von US-Rüstungskonzern ein

Nach Angaben der Aktivistengruppe arbeitet das Unternehmen gemeinsam mit Elbit Systems aus Israel an mindestens einem Verteidigungsprojekt

 11.08.2026

Washington D.C.

Für Trump ist die Straße von Hormus wieder offen

Der US-Präsident sagt, die Meerenge sei von Minen geräumt und werde »zu 100 Prozent« von den USA kontrolliert. Der Iran dürfte das kaum so sehen

 11.08.2026