Exilliteratur

Verbrannt, verbannt, vergessen

In seinem Gedicht »Monologe auf einer fremden Bühne« schrieb Max Herrmann‐Neiße: »Das Gastland kann die Heimat nie ersetzen,/hat mich sein Frieden freundlich auch bedacht./Gefangen fühl’ ich mich in fremden Netzen/und um das Lebenselement gebracht.«

Der dem Expressionismus nahestehende Autor hat das Exil, in das ihn die Nazis gezwungen hatten, nicht überlebt. Max Herrmann‐Neiße, der wie so viele andere unter der Entfremdung, Isolation und Desorientierung des Exils litt, starb mit nur 55 Jahren 1941 in London. Stefan Zweig, den es ebenfalls zunächst nach Großbritannien verschlagen hatte, traf ihn im Londoner Hyde‐Park auf einer Parkbank sitzend, irgendwie verloren und fernab vom Alltagsgeschehen.

»Immer, wenn ich ihn so sah, den kleinen verhutzelten Mann in seiner großen Einsamkeit, hatte ich ein Gefühl der Ehrfurcht und sogar des Stolzes, dass da einer war unter uns allen, der rein blieb und unbekümmert dem dichterischen Dienst hingegeben inmitten einer katastrophischen Welt.« Auch Zweig ertrug das Exil nicht. 1942 starb er in Brasilien durch eigene Hand.

feindseligkeit Andere Exilschriftsteller, deren Werke am 10. Mai 1933 öffentlich verbrannt worden waren, überlebten und kehrten nach Kriegsende 1945 in das zerstörte Deutschland zurück. Sie wurden dort keineswegs mit offenen Armen empfangen. Die während der Hitlerjahre im Reich gebliebenen Kollegen beriefen sich auf ihre angebliche »innere Emigration« und begegneten den Heimkehrern mit Misstrauen, oft auch mit offener Feindseligkeit.

Walter von Molo und Frank Thiess etwa verteidigten ihr Bleiben in Nazideutschland und warfen den emigrierten Kollegen vor, in den »Logen und Parterreplätzen« des Auslands bequem überwintert zu haben. Auch die jungen Autoren der Gruppe 47 um Hans Werner Richter mochten von den meist schon in der Weimarer Republik groß gewordenen Kollegen nichts wissen. Sie wollten unter sich bleiben, die Literatur neu erfinden und sich nicht mit den Schicksalen der von den Nationalsozialisten verjagten Autoren belasten – ob sie nun Kesten, Döblin oder Zuckmayer hießen. Das war vielleicht die bitterste Erfahrung der Rückkehrer: einmal Emigrant, immer Emigrant.

Dabei hatten sie mithelfen wollen beim Aufbau der zerstörten Heimat. Viele der ins Exil gegangenen Schriftsteller fühlten sich aufgrund ihrer Erfahrung geradezu berufen, nach quälenden Jahren politischer und moralischer Ohnmacht ein besseres Deutschland aufzurichten. Zu ihnen zählte ursprünglich auch Klaus Mann, der in seinem 1939 erschienenen Roman Der Vulkan die Hauptfigur Marion sagen lässt: »Ungeheure Aufgaben werden sich stellen, wenn der Albtraum ausgeträumt ist.

Wer soll sie denn bewältigen – wenn wir uns drücken?« Doch als Klaus Mann in amerikanischer Uniform nach der Kapitulation erstmals wieder deutschen Boden betrat, im zerbombten München vor den Ruinen seines Elternhauses stand, das KZ Dachau besuchte, in Augsburg die Gegenüberstellung Hermann Görings mit US‐Journalisten erlebte, stellte sich für ihn bald heraus, dass er hier fehl am Platze war. Die Menschen, mit denen er sprach, begegneten ihm mit Unverständnis. Der Sohn des Nobelpreisträgers fühlte sich als Fremder im eigenen Land. Am Ende stand der Selbstmord.

Im Bewusstsein vieler Deutscher waren die oft auch noch in den Uniformen der Sieger auftretenden Heimkehrer »vaterlandslose Gesellen«, die es sich »draußen« hatten gut gehen lassen, während man daheim unter dem »Bombenterror« der Alliierten gelitten hatte. Zum Teil wirkte hier noch die Goebbelssche Propaganda nach, die von Anfang an mit starkem antisemitischen Unterton die ins Ausland geflohenen Schriftsteller und Intellektuellen als »Volksverräter« denunziert hatte.

ost und west Die Hoffnung vieler Rückkehrer auf eine rasche moralische Wiedergutmachung nach 1945 trog vor allem in Westdeutschland, wo der beginnende Kalte Krieg eine latent aggressive Stimmung gegen linke (aber auch andere) Kritiker der Nazis beförderte. Anders dagegen verhielt es sich in der damaligen Sowjetzone, der späteren DDR. Autoren wie Johannes R. Becher, Erich Weinert, Willy Bredel, Friedrich Wolf und Anna Seghers wurden in Ost‐Berlin mit allen Ehren aufgenommen und in der SED mit herausgehobenen Positionen bedacht. Auch Stefan Heym, gebürtig aus Chemnitz, der in der US‐Armee gedient hatte, ging in die DDR zurück, ebenso der Autor Stefan Hermlin und der Literaturwissenschaftler Hans Mayer.

Hermlin hatte im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft und stand zeitweise in Diensten des französischen Schriftstellers Louis Aragon. Der aus Köln stammende Hans Mayer hatte in Frankreich und in der Schweiz Zuflucht gefunden. Beide versuchten zunächst ihr Glück beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main und wechselten dann sehr bald nach Ost‐Berlin beziehungsweise nach Leipzig.

Während Hermlin unter Honecker zu einer Art Nestor der DDR‐Literatur aufstieg, folgte der Germanist Mayer 1963 seinem Freund Ernst Bloch nach dessen schikanöser Behandlung durch die Kulturfunktionäre der SED in den Westen. Glücklich wurden aber beide nicht in der alten Bundesrepublik. Wie in den ersten Nachkriegsjahren fühlten sie sich als Außenseiter.

enttäuschung Es ging ihnen da nicht viel anders als Alfred Döblin, der nach seiner Rückkehr aus Amerika im Auftrag der französischen Militärregierung deutsche Bücher vor ihrer Drucklegung zu zensieren hatte.

Voller Enttäuschung registrierte der Verfasser von Berlin Alexanderplatz bei seinen Landsleuten eine nur geringe Neigung, sich kritisch mit den zurückliegenden Jahren und den Gründen für das Elend des Zusammenbruchs auseinanderzusetzen: »Und wenn einer glaubt oder früher geglaubt hat, das Malheur im eigenen Lande und der Anblick einer solchen Verwüstung würde die Menschen zum Denken bringen und würde politisch erzieherisch auf sie wirken, so kann er sich davon überzeugen: Er hat sich geirrt.«

Döblin trug schwer an dem Misstrauen und der Verachtung, die den Emigranten im Nachkriegsdeutschland entgegengebracht wurden. Carl Zuckmayer schrieb 1966 in seinen Erinnerungen an diese Jahre: »Die Fahrt ins Exil ist ›the journey of no return‹.« Zuckmayer immerhin gehörte zu jenen wenigen Heimkehrern aus dem Exil, die sich einigermaßen schnell in den neuen Verhältnissen zurechtfanden, »da mein Hauptinteresse den positiven Aspekten innerhalb Deutschlands gilt«.

Der aus Mainz gebürtige Dichter war vom amerikanischen Kriegsministerium beauftragt worden, sich in Deutschland an der Umerziehung, der »Re‐Education«, zu beteiligen. In seinen regelmäßigen Berichten nach Washington verschwieg er nicht den Argwohn der Besiegten gegen ein demokratisches Parteiensystem und ihren Unmut über die Weigerung von Thomas Mann, deutschen Boden zu betreten. Mann, dessen während des Krieges von der BBC ausgestrahlten Reden an seine Landsleute in Deutschland großen Zuspruch gefunden hatten, ließ sich nach seiner Rückkehr aus den USA lieber in Kilchberg bei Zürich in der Schweiz nieder.

unbekannt Das Bild der in die Emigration gegangenen Schriftsteller und jener, die nach dem Krieg wieder nach Deutschland kamen, ist inzwischen verblasst. In den 60er‐ und 70er‐Jahren wurde die Exilliteratur an den Universitäten der Bundesrepublik erstmals zum Thema, aber da lebten die meisten Exilautoren schon nicht mehr.

In der DDR erschienen zwar vielbändige Gesamtausgaben, deren Zustandekommen aber mehr dem Renommierbedürfnis des ostdeutschen Staates zu danken war als dem behaupteten Interesse an einer literarischen Renaissance. Heute tauchen die Namen aus der Exilliteratur nur noch selten auf. Sie wirken wie aus einer versunkenen Welt, an die man sich kaum erinnert. Überdauert haben nur wenige: Sicherlich Thomas und Heinrich Mann, Bertolt Brecht und Alfred Döblin. Aber die anderen?

Auf sie trifft die resignative Feststellung von Walter Kiaulehn zu: »Das große Schwurgericht der Literatur, das insgeheim alle fünfzig Jahre zusammentritt – keiner kann sagen wie und wo –, verurteilt im Schnellverfahren ganze Reihen von Schriftstellern und ihre Bücher zum Tode des Vergessens … Man erschrickt bei dem Blick zurück, wie viele auf der Strecke geblieben sind.«

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