Berlin

Vatikan gegen Umbenennung der Pacelliallee

Eugenio Pacelli (1876-1958), hier bei seiner Amtseinführung in das Papstamt 1939, ist wegen seiner Haltung zum Holocaust umstritten. Foto: imago images/UIG

Die Apostolische Nuntiatur, die Vertretung des Heiligen Stuhls in Deutschland, lehnt Forderungen nach einer Umbenennung der nach dem früheren Papst Pius XII. benannten Pacelliallee in Berlin ab. »Mit Eugenio Pacelli, der von 1920 bis 1929 Apostolischer Nuntius im Deutschen Reich war und ab 1925 in Berlin die erste Apostolische Nuntiatur bezogen hatte, wurde ein herausragender Diplomat und ein unbedingter Freund Deutschlands und Berlins durch die Namensgebung der ‚Pacelliallee‘ geehrt«, sagte die Botschaft am Dienstag der Internetseite »katholisch.de«.

PETITION Am Wochenende war eine Petition der beiden Berliner Historiker Ralf Balke (Autor dieser Zeitung) und Julien Reitzenstein bekannt geworden, worin sie fordern, die im Stadtteil Dahlem gelegene Pacelliallee nach der bislang einzigen israelischen Ministerpräsidentin in Golda-Meir-Allee umzubenennen. Sie werfen Pacelli, wie Pius bürgerlich hieß, vor, er habe die Deportation von Juden in Italien unkommentiert geschehen lassen.

Unterstützung fand die Initiative beim Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein. Er sieht zugleich in der Umbenennungsdebatte eine Gelegenheit, »über das Verhalten der katholischen Kirche im Zweiten Weltkrieg und die Aufarbeitung nach 1945 eine breitere Debatte zu führen«.

Die Nuntiatur ihrerseits erklärte, die Vorwürfe gegen Pacelli seien »hinlänglich bekannt«. Sie trügen »lange schon Züge einer Kampagne« und es müsse ihnen widersprochen werden. »Wenn die Forderung erhoben wird, in Berlin keine Straße mehr nach Eugenio Pacelli zu benennen, weil er nicht ‚vernehmlich genug‘ war, so ist das schlicht unseriös«, erklärte die Nuntiatur. Sie verwies zudem auf eine Aussage der Politikerin Golda Meir nach dem Tod Pius XII. Damals habe sie den Papst als denjenigen gewürdigt, »der in der Stunde der Not und der Verfolgung für unser Volk die Stimme erhoben hat«.

KONTROVERSE Der Münsteraner Kirchenhistoriker und Pacelli-Experte Hubert Wolf sprach sich unterdessen im Kölner Internetportal »Domradio.de« gegen eine Umbenennung zum jetzigen Zeitpunkt aus. Seit März hätten Historiker endlich Zugang zu den Akten aus dem Pacelli-Pontifikat. »Endlich kann man all die Fragen stellen, die man an diesen Papst hat. Jetzt sollte man aber auch die Geduld aufbringen, zu sagen, lasst uns doch erst einmal die Themen historisch mit den Quellen sauber klären. Wenn das geschehen ist, dann kann man die Frage noch einmal neu stellen.«

Die Kontroverse um die Rolle Pius XII. im Zweiten Weltkrieg besteht seit Jahrzehnten. Den Vorwürfen, dieser habe nicht energisch genug gegen den Holocaust protestiert, stehen dabei Hinweise auf diplomatische Initiativen und aktive Gegenmaßnahmen des Papstes gegenüber. So öffnete Pius XII. während der deutschen Besatzung Italiens ab September 1943 viele kirchliche Einrichtungen in Rom für untergetauchte Juden und rettete so Tausende vor dem Zugriff der SS und der Gestapo.

Kritiker warfen ihm vor, dass er den Völkermord nicht vor der Weltöffentlichkeit verurteilt und so als moralische Stimme versagt habe. Im vergangenen März gab der Vatikan die Aktenbestände aus dem Pontifikat des Pacelli-Papstes für die historische Forschung frei. kna

Dokumentation

Das Abkommen zwischen den USA und dem Iran im Wortlaut

Der saudische Sender »Al Arabiya English« hat ein Exemplar des Memorandum of Understanding zwischen Teheran und Washington veröffentlicht

 17.06.2026

Nahostkonflikt

Donald Trump lobt sich selbst - und tadelt Israel

Beim G7-Gipfel im französischen Evian holte der US-Präsident erneut zu einem rhetorischen Rundumschlag aus. Anstelle von Benjamin Netanjahu lobte er Syriens Präsident Ahmed Al-Scharaa

 16.06.2026

Berlin

YouGov-Umfrage: AfD neun Prozentpunkte vor der Union

Die Partei nähert sich in einer neuen Umfrage der 30-Prozent-Marke. Der Vorsprung auf die Union ist in der Erhebung so groß wie noch nie

 16.06.2026

Berlin

Trotz Zusage: AfD-Politiker darf nicht in gehobenen Dienst

Ein AfD-Kommunalpolitiker bewirbt sich für ein Polizeistudium. Dann erfährt das Land Berlin von seinem politischen Amt und zieht die Zusage zurück. Ein Gericht hat nun vorläufig entschieden

 16.06.2026

Debatte

Politologe: AfD als rechtsextrem zu bezeichnen, schreckt kaum noch Wähler ab

In Hessen stufte der Verfassungsschutz die Partei als rechtsextremen Verdachtsfall ein. Das bestärke die AfD in ihrer Opferrolle, meint Professor Christian Stecker

 16.06.2026

Berlin

JFDA veröffentlicht Dossier zur Parole »Globalize the Intifada«

Die NGO beschäftigt sich mit der Bedeutung und Wirkung des Slogans, der in den vergangenen Monaten bei israelfeindlichen Demonstrationen verwendet worden ist

 16.06.2026

Essen

Schüler wollte Juden ermorden: Islamistischer Messerangreifer vor Gericht

Dem Angeklagten wird dreifacher versuchter Mord vorgeworfen. Laut Staatsanwaltschaft beabsichtigte er, möglichst viele Juden zu töten, fand aber keine

 16.06.2026

USA

Jüdische Organisationen kritisieren Iran-Abkommen

Trump sei »so fixiert darauf gewesen, ein Abkommen mit dem Iran zu erreichen, dass er ohne jede Scheu bereit war, Israel beiseitezuschieben«, sagt Halie Soifer, die Vorsitzende des Jewish Democratic Council of America

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026