Antisemitismus

Unsere Perspektive

Foto: Thinkstock / Montage Limberg

Antisemitische Vorfälle an deutschen Schulen erreichen offensichtlich eine neue Qualität – verbale Aggressionen vermischen sich immer mehr mit offener Gewalt und Verletzung psychischer und körperlicher Integrität der von Antisemitismus Betroffenen. Der Übergriff auf einen 14-jährigen jüdischen Jugendlichen an einer Gemeinschaftsschule im Berliner Stadtteil Friedenau zeugt von dieser Entwicklung und offenbart zugleich die Unfähigkeit der pädagogisch Verantwortlichen, sowohl den Antisemitismus in ihren Reihen zu thematisieren als auch Konsequenzen daraus zu ziehen.

Nicht nur in diesem Fall – der im Gegensatz zu vielen anderen eine anhaltende mediale Aufmerksamkeit erfuhr –, sondern auch bei ähnlichen Vorkommnissen treten die für den Umgang mit Antisemitismus symptomatischen Muster auf. Besonders auffällig sind Verharmlosungstendenzen antisemitischer Konnotation sowie Einfühlungsverweigerung.

tradierung Die historische und familiale Tradierung von Antisemitismus schafft einen besonderen Kontext und stellt die pädagogische Prävention vor die Herausforderung, eine kritische Reflexion dort anzuregen, wo die Abwehr überwiegt. Nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Fach- und Lehrkräfte ist nicht zwingend nachvollziehbar, warum sie sich mit dem Thema beschäftigen sollen.

Antisemitismus wird mehrheitlich als historisch überwunden betrachtet, als Bestandteil von Rassismus, als etwas, mit dem die deutsche Gesellschaft oder konkret die pädagogisch Verantwortlichen nichts zu tun hätten. Sie selbst sehen sich als nicht antisemitisch eingestellt, sind jedoch nicht frei von antisemitischen Ressentiments und tragen – wenn auch ungewollt – zu ihrem Fortbestehen bei.

Für das nichtjüdische Umfeld ist der Antisemitismus nicht einfach zu erkennen und daher kaum relevant. Für die jüdische Bevölkerung ist das Erleben von Antisemitismus alltagsprägend und belastend. Diese Erfahrungen werden jedoch kaum thematisiert, und es gibt erstaunlich wenig Kenntnis darüber, wie Juden Antisemitismus wahrnehmen und bewältigen. Auch in pädagogischen Kontexten wird selten danach gefragt, was dies eigentlich für die Betroffenen bedeutet und was es mit ihnen macht.

diskrepanzen Es wird Juden sogar unterstellt, dass sie die Ernsthaftigkeit der Lage übertreiben oder zumindest ein wenig übertrieben darstellen. Diskrepanzen zwischen der Wahrnehmung und Definition von Antisemitismus werden häufig – auch bei anderen Abwertungs- und Ausgrenzungsphänomenen – als »abweichende Ansicht« der betroffenen Minderheit betrachtet und viel zu selten als eine relevante Wahrnehmungs- und Erfahrungskategorie anerkannt.

Auch deshalb war es das Anliegen des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, der »jüdischen Perspektive« explizit Raum zu geben, im Expertenkreis selbst und im Rahmen einer in Auftrag gegebenen Studie, die unter anderem einen erheblichen Bedarf an qualifizierten Beratungsangeboten für von Antisemitismus Betroffene offenbart.

Der Zuwachs an pädagogischer Kompetenz und ein Perspektivwechsel hin zu der Frage nach der Wirkung von Antisemitismus auf diejenigen, die ihn erleben, stellen sich nicht von selbst ein, sondern bedürfen politischer und pädagogischer Unterstützung. Neben dem Bedarf an institutionell verankerter Fort- und Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte sind praxisbegleitende Supervision und Fallberatung unerlässlich und dringend erforderlich.

migrationsgesellschaft Die Reflexion der pädagogisch Verantwortlichen über ihre eigenen Haltungen, Positionen und Verstrickungen ist dabei genauso zentral wie die Auseinandersetzung mit Haltungen und Positionen ihrer Schüler und die Entwicklung tragfähiger Interventionen, die der Heterogenität der Lernräume und Zielgruppen Rechnung tragen. Dabei müssen auch jene Aspekte einbezogen werden, welche die pädagogische Arbeit gegen Antisemitismus neu bestimmen: das Generationenverhältnis und die Wirklichkeit der Migrationsgesellschaft.

Prävention soll als Kombination von Bildung und Beratung, Intervention und Opferschutz zusammen gedacht werden. Für den Expertenkreis ist es von großer Bedeutung, dass Bildung nicht nur Jugendliche anspricht. Sie soll sich vor allem an diejenigen richten, die für die Sozialisation von Heranwachsenden verantwortlich sind. Angesichts der Relevanz, die Antisemitismus in der gesamten Gesellschaft hat, sollen die Maßnahmen auch jene Berufsgruppen ansprechen, die mit antisemitischen Straftaten beschäftigt sind, wie Justiz und Polizei.

Die Institution Schule muss wieder zu einem sicheren Ort werden, an dem Diskriminierung und Antisemitismus nicht nur geächtet sind, sondern, wenn sie auftreten, sofort Widerspruch erfahren. Dabei ist die Würdigung der Erfahrungen jüdischer Schüler von entscheidender Bedeutung. Die Einbeziehung jüdischer Perspektiven bei Konzeption und Gestaltung von Prävention ist zentral, da jüdische Stimmen bisher selten gehört oder auch nicht als wichtig erachtet wurden. Gleichzeitig ist es nötig, Schutzmaßnahmen und Beratungsangebote für die mit Antisemitismus konfrontierten Schüler zu entwickeln und zu etablieren.

Die Autorin ist Psychologin, leitet das Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der ZWST und ist Mitglied im Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus.

Nahost

Deutschland warnt Bürger in Israel

Angesichts eines möglichen US-Angriffs auf den Iran mit Folgen auch für Israel hat das Auswärtige Amt Deutsche vor Ort zu Sicherheitsmaßnahmen aufgerufen

 24.02.2026

Verstrickungen

Geschäfte mit einem Mörderregime

Wie ein iranischer Banker ein europäisches Immobilienimperium aufbaute – inklusive Hilton-Hotels in Deutschland

von Philip Plickert  24.02.2026

Canberra

Australien startet nationale Untersuchung zu Anschlag von Bondi Beach

Die Royal Commission soll auch Empfehlungen vorlegen, wie der gesellschaftliche Zusammenhalt in einem multikulturellen Land gestärkt werden kann

 24.02.2026

Medienberichte

Trump plant Zwei-Phasen-Krieg gegen Iran

Sollte Teheran nach einem ersten Militärschlag der USA nicht bereit sein, sein Atomprogramm aufzugeben, könnte eine deutlich größere Militäraktion erfolgen

 24.02.2026

Berlin

Zahl der judenfeindlichen Straftaten steigt erneut 

Bei einem großen Teil der Vorfälle gibt es einen Bezug zu Israel und den 7. Oktober 2023

 24.02.2026

Los Angeles

Rob Reiners Sohn will seine Eltern nicht ermordet haben

Dem 32-Jährigen wird vorgeworfen, seinen Vater Rob Reiner und seine Mutter Michele Singer Reiner im Dezember vergangenen Jahres getötet zu haben

 24.02.2026

Nahost

US-Flugzeugträger soll in Haifa anlegen, Militärflugzeuge sind bereits in Israel

Neben der die USS Gerald R. Ford sind Tank-, Versorgungs- und Transportflugzeuge des US-Militärs vor Ort

 24.02.2026

Washington

Warnung vor Risiken eines Iran-Angriffs? Trump dementiert

Die Gefahr einer militärischen Eskalation zwischen den USA und dem Iran ist nicht gebannt. Auf US-Medienberichte über Warnungen des Generalstabschefs reagiert der Präsident persönlich

 24.02.2026

Berlin

Innenminister Dobrindt: Asylbewerber sollen schneller arbeiten dürfen

Einen Antrag auf Asyl in Deutschland stellen und nach wenigen Wochen eine Arbeit aufnehmen? Das könnte bald möglich werden

 24.02.2026